Halifax opponirt ihm. [Diese] verfassungs­widrige Handlung veranlaßte freilich einige Unzufriedenheit unter den gemäßigten Tories, und fand sogar bei den Ministern des Königs keinen einstimmigen Beifall. Halifax besonders, zur Zeit Marquis und Lord des Geheimsiegels, zeigte von dem Tage an, wo die Tories mit seiner Beihilfe das Übergewicht erlangten, eine Hinneigung zur Partei der Whigs. Nachdem man die Ausschließungsbill verworfen hatte, verlangte er von dem Hause der Lords vorbeugende Schritte gegen die Gefahr, welche die Freiheiten sowie die Religion des englischen Volkes unter der kommenden Regierung treffen könnte; mit Besorgniß erkannte er erst jetzt die Heftigkeit einer Reaktion, welche zum Theil von ihm selbst ausgegangen war. Er machte kein Hehl aus der Verachtung, welche die erbärmlichen Lehren der Universität Oxford in ihm hervorgerufen. Das Bündniß mit Frankreich war ihm ein Greuel, und er mißbilligte ernstlich die lange Aussetzung des Parlaments, so wie er auch den Barbarismus tadelte, mit dem man die gestürzte Partei behandelte. Er, der unter der siegreichen Herrschaft der Whigs sich nicht gescheut hatte, Stafford für unschuldig zu erklären, wagte es, als diese Partei niedergeworfen und hilflos war, Russel in Schutz zu nehmen. In einer der letzten Rathssitzungen, bei welchen Karl gegenwärtig war, ereignete sich eine merkwürdige Scene. Der Freibrief für Massachusetts war verwirkt, und es entstand die Frage, wie diese Colonie künftig verwaltet werden sollte. Die übereinstimmende Meinung des Collegiums war, daß die vollständige Gewalt, die gesetzgebende wie die executive, von der Krone ausgeübt werden solle. Halifax war anderer Meinung, und sprach mit großem Eifer gegen unumschränkte Monarchie und zu Gunsten repräsentativer Verfassung. Es sei ein Irrthum, versicherte er, wenn man sich dem Glauben hingäbe, daß eine dem englischen Volksstamme entsprungene und von englischen Gefühlen durchdrungene Nation es längere Zeit ertragen würde, englische Institutionen zu entbehren. Das Leben, sagte er, würde werthlos sein in einem Lande, wo Freiheit und Eigenthum der Willkür eines despotischen Herrschers preisgegeben wären. Der Herzog von York war über diese Sprache höchst erbittert, und machte seinen Bruder auf das Wagniß aufmerksam, einen Mann im Amte zu lassen, der die gefährlichen Ansichten Marvells und Sidney’s vollkommen zu theilen scheine.

In neuerer Zeit ist Halifax von einigen Schriftstellern der Vorwurf gemacht worden, daß er im Ministerium geblieben, während er das System, nach welchem die inneren wie die äußeren Angelegenheiten behandelt wurden, mißbilligte; doch ist dieser Tadel nicht gerechtfertigt. Man darf nicht vergessen, daß der Begriff „Ministerium“ in dem Sinne wie er jetzt genommen wird, zu damaliger Zeit unbekannt war[7]. Die Sache selbst existirte gar nicht, denn sie ist das Produkt eines Zeitalters, in welchem sich die parlamentarische Regierung vollständig entwickelt hatte. Jetzt bilden die ersten Diener der Krone einen geschlossenen Körper und man nimmt an, daß unter ihnen ein freundschaftliches Vertrauen besteht und sie über die Hauptgrundsätze einig sind, nach denen die executive Verwaltung geleitet werden soll. Findet eine leichte Meinungs­verschiedenheit zwischen ihnen statt, so wird sie bald ausgeglichen; wenn aber Einer in einer Lebensfrage mit den Anderen nicht übereinstimmt, so ist es seine Pflicht abzutreten. So lange er sein Amt verwaltet, trifft auch ihn die Verantwortlichkeit für die Maßregeln, von denen er seinen Collegen abzurathen sich bemüht hat. Im siebzehnten Jahrhundert bestand unter den Leitern der verschiedenen Verwaltungszweige, kein collegialisches Verhältniß dieser Art. Jeder hätte für seine eigenen Handlungen einzustehen, für die Anwendung, welche er von dem anvertrauten Amtssiegel gemacht, für Dokumente, die er unterzeichnet, für die Rathschläge, welche er dem König ertheilt. Ein Staatsmann hatte blos zu verantworten was er selbst gethan, oder wozu Andere durch ihn veranlaßt worden waren. Wenn er sich bemühte, nicht den Unterhändler bei unredlichen Angelegenheiten abzugeben, und als Rathgeber immer nur das Rechte empfahl, so hatte er keinen Tadel zu fürchten. Man würde es für eine unbegreifliche Bedenklichkeit erklärt haben, wenn er sein Amt deshalb niedergelegt hätte, weil seine Rathschläge in Dingen, die nicht in sein Departement gehörten, von seinem Souverain unberücksichtigt geblieben wären, wenn er zum Beispiel aus dem Admiralitätsrathe geschieden wäre, weil die Finanzen sich in Unordnung, oder aus dem Schatzamte, weil die auswärtigen Angelegenheiten sich in keinem befriedigenden Zustande befanden. Es war daher durchaus nicht selten, zu gleicher Zeit Männer in hohen Ämtern zu sehen, welche offenbar eben so weit von einander abwichen, wie Pulteney von Walpole, oder Fox von Pitt.

[7.] North’s Examen, 69.

Lord Guildford. [Die] besonnenen und verfassungs­mäßigen Rathschläge Halifax’ wurden, — aber ohne Kraft und Entschlossenheit, — von Franz North, Lord Guildford unterstützt, welchem kürzlich das Amt eines Großsiegelbewahrers anvertraut worden war. Guildfords Charakter ist mit großer Ausführlichkeit von seinem Bruder, Roger North, geschildert worden, einem höchst intoleranten Lord und sehr gezierten und pedantischen Schriftsteller, aber aufmerksamen Beobachter aller kleinen Umstände, welche den Menschen bezeichnen. Auffallend ist es, daß der Biograph, trotzdem daß er unter dem Einflusse der stärksten, brüderlichen Parteilichkeit stand, und obgleich er sich offenbar anstrengte, ein vortheilhaftes Bild zu liefern, doch nicht im Stande war, den Lord Siegelbewahrer anders als einen unedlen Menschen hinzustellen. Doch besaß Guildford einen klaren Verstand, sein Fleiß war groß, und seine Kenntnisse in Literatur und Wissenschaft nicht unerheblich, sowie seine rechts­wissen­schaftliche Bildung mehr als gewöhnlich. Seine Fehler bestanden in Egoismus, Feigheit und Gemeinheit. Er war nicht unempfänglich für weibliche Schönheit und liebte den starken Genuß des Weines, aber weder Schönheit noch Wein konnten den vorsichtigen und geizigen Wüstling jemals, selbst nicht in frühen Jugendjahren, zu einer Anwandlung von Hochherzigkeit verlocken. Obgleich von edler Abstammung erhob er sich aus seiner Stellung nur durch niederträchtiges Kriechen vor Allen, die in den Gerichtshöfen einigen Einfluß hatten. Er wurde Oberrichter im Gerichtshofe der Common Pleas, und als solcher Theilnehmer an einigen der schändlichsten Justizmorde, welche die Geschichte kennt. Er besaß Einsicht genug, um zu wissen, daß Oates und Bedloe Lügner waren, aber das Parlament und das Land befanden sich in Aufregung, die Regierung hatte sich dem Drange gefügt, und North war nicht der Mann, der um der Gerechtigkeit und Menschlichkeit willen einen guten Posten aufgab. Während er also heimlich eine Widerlegung des ganzen Romans von dem papistischen Complot niederschrieb, behauptete er öffentlich, daß die Wahrheit dieser Geschichte sonnenklar sei, und schämte sich nicht, vom Richterstuhle herab den unglücklichen Katholiken, die auf Leben und Tod angeklagt vor ihm standen, wüthende Blicke zuzuschleudern. Er hatte zuletzt die höchste richterliche Stellung erreicht, aber ein Jurist, der nach jahrelanger Ausübung seines Berufs in vorgerücktem Alter zur Politik übergeht, wird selten als Staatsmann zu hoher Auszeichnung gelangen, und Guildford bestätigte diese allgemeine Regel. Er kannte seine Schwächen so genau, daß er niemals anwesend war, wenn seine Collegen über auswärtige Angelegenheiten beriethen. Selbst bei Fragen, welche seinem Berufe galten, hatte seine Meinung im Geheimen Rathe weniger Bedeutung als die irgend eines früheren Großsiegelbewahrers. Übrigens benutzte er den geringen Einfluß, den er besaß, so weit er den Muth dazu hatte, wenigstens im Interesse der Gesetze.

Der vorzüglichste Widersacher des Halifax war Lawrence Hyde, der vor kurzem zum Earl von Rochester erhoben worden war. Von allen Tories besaß Rochester die größte Intoleranz, und war nicht leicht zu einem Vergleiche zu bringen. Die gemäßigten Mitglieder seiner Partei beklagten sich, daß das Schatzamt, so lange er als erster Commissar darin fungirte, alle Stellen an laute Schreier vergebe, deren alleiniger Anspruch auf Beförderung darin bestand, daß sie unaufhörlich auf den Untergang des Whiggismus tranken und Freudenfeuer anzündeten, um die Ausschließungsbill zu verbrennen; der Herzog von York aber, welchem ein Charakter gefiel, der soviel Ähnlichkeit mir dem seinigen hatte, unterstützte seinen Schwager auf das leidenschaftlichste und beharrlichste.

Die Anstrengungen der rivalisirenden Minister, einander zu schlagen und zu verdrängen, erhielten den Hof in beständiger Unruhe. Halifax lag den König an, ein Parlament zu berufen, eine vollständige Amnestie zu bewilligen, den Herzog von York jeder Theilnahme an der Regierung zu entheben, Monmouth aus dem Exil zurückzurufen, jede Verbindung mit Ludwig abzubrechen und eine enge Allianz mit Holland — nach Art der Tripleallianz — zu schließen. Der Herzog von York dagegen scheute das Zusammenkommen eines Parlaments, sah auf die gestürzte Partei der Whigs noch immer mit dem alten Hasse herab, bildete sich noch immer ein, daß der vor beinahe funfzehn Jahren zu Dover entworfene Plan ausführbar sei, warnte fast täglich seinen Bruder, einen Mann, der im Herzen Republikaner war, in dem Besitze des Geheimsiegels zu lassen, und empfahl mit allem Eifer Rochester zu der hohen Stelle eines Lord Schatzmeisters.

Während die beiden Parteien in der Weise kämpften, behauptete Godolphin, vorsichtig, schweigsam und fleißig, Neutralität zwischen ihnen. Sunderland intriguirte mit seiner bekannten nie ruhenden Falschheit gegen beide. Mit Ungnade seiner Stelle enthoben, weil er für die Ausschließungsbill gestimmt, war er zu Kreuze gekrochen, indem er sich der Fürsprache der Herzogin von Portsmouth bediente und dem Herzog von York demüthigst sich näherte. Jetzt war er wieder Staats­secretair.

Politik Ludwigs. [Auch] Ludwig war weder nachlässig noch müßig. Zu dieser Zeit begünstigte Alles seine Pläne. Er war vor dem deutschen Reiche sicher, welches damals an der Donau mit den Türken kämpfte, und Holland konnte ohne Bundesgenossen nicht daran denken, ihm entgegenzutreten; er hatte deshalb freien Willen, seinem Ehrgeiz und seiner Anmaßung den Zügel schießen zu lassen. Er eroberte Dixmuyden und Courtray, bombardirte Luxemburg und beanspruchte von der Republik Genua die schmählichsten Demütigungen. Die französische Macht erhob sich zu jener Zeit auf die bedeutendste Höhe, die sie in dem Jahrtausend zwischen den Regierungen Karls des Großen und Napoleons jemals erreichte. Es war nicht abzusehen, wo ihre Eroberungen aufhören würden, wenn es England in einem Zustande von Abhängigkeit erhalten konnte, und es war daher eine wichtige Angelegenheit für den Versailler Hof, die Einberufung eines Parlaments sowie die Versöhnung der englischen Parteien zu verhindern. Zu diesem Zwecke wurden Versprechungen, Drohungen und Bestechungen nach Kräften angewendet. Karl wurde bisweilen durch die Hoffnung auf Subsidien angelockt, und dann wieder durch die Mittheilung erschreckt, daß, wenn er die Häuser versammle, man die geheimen Artikel des Vertrags von Dover zur öffentlichen Kenntniß bringen werde. Mehrere Geheime Räthe wurden durch Bestechung gewonnen, und als ein ähnlicher Versuch bei Halifax mißglückte, wandte die französische Gesandtschaft ihren ganzen Einfluß und alle Kräfte an, um den unbestechlichen Mann von seinem Posten zu verdrängen; aber geistreicher Witz und die vielseitigsten Talente hatten ihn seinem Gebieter so unentbehrlich gemacht, daß dieser Versuch fruchtlos vorüberging.[8]