Wenn mich nicht alles täuscht, wird trotzdem meine bunte Erzählung in den religiösen Gemüthern Dankbarkeit und in der Brust der Vaterlandsfreunde neue Hoffnung erwecken, denn die Geschichte unsers Vaterlandes, welche die letzten einhundertundsechzig Jahre umschließt, ist unbedingt die Geschichte der physischen, moralischen und geistigen Fortbildung. Alle die, welche ihr Zeitalter mit dem idealen, goldenen vergleichen, mögen von Entartung und Verfall reden; aber keiner, der die Vergangenheit genau kennt, wird sich geneigt fühlen, unmuthig und verzweifelnd auf die Gegenwart zu blicken.
Ich würde die Aufgabe, die ich mir gestellt, nur unvollkommen lösen, wenn ich allein von Schlachten und Belagerungen, von dem Bilden und Auflösen der Ministerien und von Palastintriguen und Parlamentsdebatten reden wollte; es wird vielmehr mein Bestreben sein, eben so sorgfältig die Geschichte des Volks aufzuzeichnen, als die der Regierung; die Entwickelung der nützlichen und zierenden Künste, die Entstehung religiöser Sekten und die Veränderungen auf dem Gebiete der Wissenschaften zu schildern; ein Bild von den Sitten der verschiedenen Generationen zu liefern, ja selbst der Veränderungen zu erwähnen, die in Kleidung, häuslicher Einrichtung, bei Gastmählern und öffentlichen Vergnügungen stattgefunden haben. Den Vorwurf, die Würde der Geschichte verletzt zu haben, will ich gern ertragen, wenn es mir nur gelingt, den Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Bild von dem Leben ihrer Vorfahren zu liefern.
Die Begebenheiten, die ich zu berichten mir vorgenommen, bilden nur den einzelnen Act eines großen und ereignißreichen Drama’s, das Jahrhunderte umfaßt, und er würde sehr unvollkommen verstanden werden, wenn die Verwickelung der vorhergehenden Acte nicht allgemein bekannt wäre. Ich werde deshalb meine Darstellung durch eine flüchtige Skizze der frühesten Geschichte unseres Vaterlandes einleiten, werde zwar schnell über manche Jahrhunderte hinweggehen, aber bei den Wechselfällen des Kampfes länger verweilen, der die Regierung König Jakobs II. auf den entscheidenden Wendepunkt brachte.[1]
[1.] In diesem und dem nächsten Kapitel habe ich nur selten für nöthig erachtet, Quellen zu citiren, weil ich in diesen Kapiteln weder die Ereignisse ausführlich behandelt, noch unbekannte Materialien benutzt. Die Thatsachen, deren ich erwähne, sind größtentheils solche, die Jeder, der nur einigermaßen in der englischen Geschichte bewandert ist, entweder schon kennt, oder er wird wenigstens wissen, wo er Belehrung darüber findet. In den folgenden Kapiteln aber werde ich die Quellen, aus denen ich geschöpft, sorgfältig angeben.
Britannien unter den Römern. [In] den ersten Zuständen Britanniens deutet nichts auf die Größe hin, die es zu erreichen bestimmt war. Als die Bewohner desselben zuerst den tyrischen Schiffern bekannt wurden, standen sie wenig über den Eingeborenen der Sandwichinseln. Zwar unterjochten es die römischen Waffen, aber es erhielt nur eine schwache Färbung von römischen Künsten und Wissenschaften. Von den westlichen Provinzen, welche sich die Cäsaren unterwarfen, war es die letzte, aber auch die erste wieder, die ihnen verloren ging. Man findet in Britannien nichts von Überresten prächtiger Säulenhallen oder Wasserleitungen; unter den Meistern lateinischer Dichtkunst und Beredtsamkeit findet man keinen Schriftsteller britischer Geburt aufgezeichnet; es ist demnach nicht wahrscheinlich, daß die Inselbewohner je mit der Sprache ihrer italischen Zwingherren allgemein vertraut gewesen sind. Von dem atlantischen Meere bis zu den Rheinländern war Jahrhunderte hindurch die lateinische Sprache die vorherrschende; sie hat die celtische Sprache verdrängt, hat der deutschen widerstanden und ist noch jetzt die Grundlage der französischen, spanischen und portugiesischen. Das Latein scheint auf unserer Insel nie die alte galische Sprache bewältigt zu haben, auch hat es sich gegen das Germanische nicht behaupten können.
Die unbedeutende und oberflächliche Bildung, welche die Briten von ihren südlichen Beherrschern empfangen, verlöschten die Drangsale des fünften Jahrhunderts. In den Königreichen des Festlandes, in die das römische Reich damals zerfallen war, lernten die Eroberer viel von dem unterjochten Stamme. In Britannien wurden die Unterjochten eben so barbarisch, als die Sieger.
Britannien unter den Sachsen. [Alle] Häuptlinge, Alarich, Theodorich, Chlodowig, Alboin, die in den festländischen Provinzen des römischen Reichs deutsche Dynastien gründeten, waren eifrige Christen; das Gefolge des Ida und des Cerdic aber brachte allen Aberglauben der Elbe nach ihren Ansiedelungen in Britannien. Während die deutschen Herrscher in Paris, Toledo, Arles und Ravenna ehrfurchtsvoll den Lehren der Bischöfe Gehör gaben, Reliquien von Märtyrern verehrten und sich eifrig an den theologischen Streitfragen von Nicäa betheiligten, übten die Herrscher von Wessex und Mercia ihre wilden Gebräuche in den Tempeln des Thor und Wodan.
Die auf den Trümmern des Westreichs gegründeten festländischen Königreiche unterhielten noch ferner einigen Verkehr mit jenen östlichen Provinzen, in denen die alte Civilisation, wenn auch nach und nach unter dem Einflusse schlechter Regierung schwindend, immer noch die Barbaren in Erstaunen setzte und belehrte, in denen der Hof stets noch den Glanz des Diocletian und des Constantin entfaltete, die Bildwerke des Polyklet und die Gemälde des Apelles die öffentlichen Gebäude schmückten, und fleißige Pedanten, wenn auch ohne Geschmack, Verstand und Geist, die Meisterwerke des Sophokles, Demosthenes und Plato zu lesen und zu erklären im Stande waren. Von dieser Verbindung war Britannien völlig ausgeschlossen; seine Küsten wurden von den cultivirten Bewohnern der Länder am Bosporus mit jenem unheimlichen Grauen betrachtet, mit welchem die Meerenge der Scylla und die Stadt der lästrygonischen Kannibalen zu Homers Zeiten die Ionier erfüllten. Es gab auf unserer Insel eine Provinz, deren Boden, wie Prokopius erfahren, mit Schlangen bedeckt war und deren Luft kein Mensch einathmen und in ihr leben konnte. Zu dieser Einöde wurden die Seelen der Verstorbenen aus dem Frankenlande um Mitternacht übergeschifft; ein fremder Fischerstamm besorgte dies unheimliche Geschäft. Deutlich vernahm der Bootsmann die Sprache der Todten; die Last derselben senkte den Kiel tief in das Wasser, ihre Gestalten aber blieben dem sterblichen Auge unsichtbar. Wunderdinge dieser Art erzählt ein geschickter Geschichtsschreiber, der Zeitgenosse Belisars, Simplicius und Tribonian’s, in vollem Ernste dem reichen und gebildeten Konstantinopel von einem Lande, in welchem der Gründer Konstantinopels sich den kaiserlichen Purpur angelegt hatte. Von allen andern Provinzen des westlichen Reichs haben wir eine zusammenhängende Kunde; nur in Britannien werden zwei Zeitalter der Wahrheit durch ein Zeitalter der Fabel völlig getrennt. Odoaker und Totila, Euric und Trasimund, Chlodwig, Fredegunde und Brunhild sind geschichtliche Männer und Frauen; aber Hengist und Horsa, Vortigern und Rowena, Arthur und Mordred sind mythische Personen, deren Existenz zu bezweifeln ist und deren Abenteuer in die Klasse der des Herkules und Romulus zu werfen sind.
Bekehrung der Sachsen zum Christenthume. [Endlich] beginnt das Dunkel sich zu lichten, und das Land, das als Britannien aus dem Gesichtskreise entschwunden, erscheint als England wieder. Mit der Bekehrung der sächsischen Ansiedler zum Christenthume begann eine lange Reihe heilsamer Umgestaltungen, obgleich die Kirche selbst durch den Aberglauben und die Philosophie, gegen die sie lange und endlich siegreich gekämpft, tief verderbt war, und den von den alten Schulen entnommenen Lehrsätzen, sowie den alten Tempeln entlehnten Gebräuchen zu willig Eingang gestattet hatte. Römische Politik und gothische Unwissenheit, griechische Spitzfindigkeit und syrische Asketik hatten vereint zu ihrer Verderbniß gewirkt; aber ihr war noch genug von der erhabenen Gotteslehre und milden Moral früherer Zeit geblieben, um manchen Geist zu erheben, manches Herz zu läutern. Ebenso gehörte Manches, was in späterer Zeit als ihr Hauptmakel betrachtet wurde, im siebenten Jahrhunderte und noch lange nach demselben zu ihren größten Verdiensten. So würden Übergriffe der Geistlichkeit in die Obliegenheiten der bürgerlichen Obrigkeit in unserer Zeit ein großes Übel sein; aber was unter einer guten Regierung ein Übel ist, kann unter einer durchaus schlechten zum Segen werden. Es ist besser, wenn die Menschen durch weise, gut ausgeübte Gesetze und durch eine aufgeklärte öffentliche Meinung, als durch listige Priester regiert werden; aber es ist wiederum besser, wenn Priesterlist statt roher Gewalt, wenn ein Prälat wie Dunstan, statt eines Kriegers wie Penda herrscht. Eine in Rohheit versunkene Gesellschaft, die nur durch physische Kraft regiert wird, hat vollen Grund sich zu freuen, wenn ein Stand, dessen Wirken geistiger und moralischer Natur ist, die Obergewalt erhält. Ohne Zweifel wird ein solcher Stand seine Macht mißbrauchen; aber selbst eine gemißbrauchte geistige Macht ist stets edler und besser, als jene, die sich nur auf die Kraft des Körpers stützt. Die sächsischen Chroniken erzählen von Tyrannen, die, auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt, von Reue ergriffen, die durch Verbrechen erworbenen Genüsse und Würden verschmähten, ihre Kronen niederlegten und durch harte Büßungen und unausgesetzte Gebete die verübten Frevel sühnen wollten: diese Erzählungen haben einigen Schriftstellern Anlaß zu bitteren, verachtenden Äußerungen gegeben, Schriftstellern, die sich der Freisinnigkeit rühmten, im Grunde aber so engherzig waren, als es nur ein Mönch aus der finstern Zeit sein kann, und an alle Ereignisse in der Geschichte den Maßstab zu legen pflegten, den die Pariser Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts verwendete. Ein System, sollte ich glauben, das, wenn auch immerhin durch Aberglauben entstellt, dennoch in die durch rohe Muskelkraft und Geisteskühnheit beherrschten Gesellschaften starke moralische Schranken einführte, die verwegensten und mächtigsten Herrscher lehrte, daß sie, gleich ihren niedrigsten Knechten, verantwortliche Wesen seien, ein solches System hätte verdient, von Philosophen und Menschenfreunden mit größerer Achtung erwähnt zu werden. —
Dieselben Bemerkungen gelten auch in Bezug auf die Verachtung, mit der man im vorigen Jahrhunderte von den Pilgerfahrten, den heiligen Zufluchtsstätten, den Kreuzzügen und den mönchischen Institutionen des Mittelalters zu sprechen pflegte. In Zeiten, in denen die Menschen weder durch Lernbegierde noch durch Gewinn zu reisen veranlaßt wurden, war es besser, daß der rohe Nordländer Italien und den Osten als Pilger besuchte, als wenn er nie etwas Anderes als die schmutzigen Wohnungen und die wilden Wälder, in denen er geboren, gesehen hätte. In Zeiten, in denen das Leben und die weibliche Ehre täglich der Gefahr ausgesetzt waren, von Tyrannen und Räubern angegriffen zu werden, war es besser, daß die Grenzen eines Heiligenschreines mit einer unvernünftigen Scheu betrachtet wurden, als wenn es gar keine der Rohheit und Freiheit verschlossene Zufluchtsstätte gegeben hätte. In Zeiten, wo die Staatsmänner unfähig zur Aufstellung umfassender politischer Combinationen waren, war es besser, daß die christlichen Völker sich vereinigt zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes erhoben, als wenn sie von der mahomedanischen Macht eins nach dem andern überwältigt worden wären. Wenn man auch mit Recht in späterer Zeit die Trägheit und Üppigkeit der religiösen Orden tadelte, so war es gewiß gut, daß es in dem Zeitalter der Rohheit und Gewalttätigkeit ruhige Klöster und Gärten gab, in denen die Künste des Friedens in Sicherheit gepflegt, edle und zum Nachdenken geneigte Gemüther eine Zufluchtsstätte finden konnten; wo ein Bruder sich mit dem Abschreiben von Virgil’s Äneide, ein anderer sich mit dem Studium der Analysen des Aristoteles beschäftigte; wo es dem Kunstsinnigen gestattet war, eine Sammlung Märtyrerlegenden auszumalen, oder ein Crucifix zu schnitzeln, und denen, die Sinn für Naturwissenschaft hatten, Versuche über die Eigenschaften der Pflanzen und Mineralien anzustellen. Wären solche friedlichen Orte nicht hier und dort unter den Hütten eines elenden Landvolkes und unter den Burgen eines übermüthigen Adels verstreut gewesen, es würden die Bewohner Europa’s nur Last- und Raub-Thiere gewesen sein. Die Theologen haben die Kirche oft mit der Arche verglichen, von der wir im Buche der Genesis lesen: Die Ähnlichkeit mit derselben war nie vollkommener als während jener bösen Zeit, wo sie allein in Finsterniß und Sturm sich auf den Wogen, die alle großen Werke antiker Macht und Weisheit begraben hatten, erhielt, und den schwachen Keim in sich trug, dem eine zweite und ruhmreichere Civilisation entsprießen sollte.