„The Hind and Panther.“ [Jetzt] griff Dryden zu einer Waffe, in der er schwerlich einen ebenbürtigen Gegner zu fürchten hatte. Er zog sich auf einige Zeit von dem Geräusch der Kaffeehäuser und Theater in einen ruhigen Winkel von Huntingdonshire zurück und schrieb dort mit ungewohnter Sorgfalt und Anstrengung sein berühmtes Gedicht über die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden Streitpunkte. Die römische Kirche ist darin bildlich als eine milchweiße Hindin dargestellt, die beständig in Lebensgefahr schwebt, aber dazu bestimmt ist, nicht zu sterben. Die Thiere des Feldes sannen auf ihr Verderben. Der zitternde (quaking) Hase beobachtete eine furchtsame Neutralität, aber der socinianische Fuchs, der presbyterianische Wolf, der independente Bär und der anabaptistische Eber schossen hämische Blicke auf das makellose Geschöpf. Unter dem Schutze ihres Freundes, des königlichen Löwen, konnte sie es indessen wagen, mit ihnen aus der nämlichen Quelle zu trinken. Die anglikanische Kirche war als Panther dargestellt, der zwar Flecken hat, aber schön, für ein Raubthier nur zu schön ist. Hindin und Panther, von der blutdürstigen Bevölkerung des Waldes in gleichem Grade gehaßt, beriethen sich im Stillen über ihre gemeinsame Gefahr. Dann gingen sie zur Discussion der Punkte über, in denen sie verschiedener Ansicht waren, und hielten, mit dem Schwanze wedelnd und sich den Bart leckend, ein langes Zwiegespräch über die wirkliche Anwesenheit Christi beim Abendmahl, über die Autorität der Päpste und Concilien, über die Strafgesetze, die Testacte, die Meineide des Oates, Buttler’s schlecht belohnte Dienste für die Kavalierpartei, Stillingfleet’s Pamphlets und Burnet’s breiten Rücken und glückliche Heirathsspekulationen.
Das Unpassende dieses Planes springt in die Augen. Die Allegorie konnte in der That nicht zehn Zeilen hintereinander ununterbrochen beibehalten werden. Keine noch so kunstvolle Ausführung konnte die Fehler eines solchen Planes verdecken. Dessenungeachtet ist die Fabel von der Hindin und dem Panther unbestreitbar der werthvollste Beitrag zu der englischen Literatur aus der kurzen und unruhigen Regierungszeit Jakob’s II. In keinem andren Werke Dryden’s finden sich ergreifendere und erhabenere Stellen, eine größere Biegsamkeit und Kraft der Sprache und ein lieblicherer und abwechselnderer Wohllaut.
Das Gedicht erschien mit allen Vortheilen ausgestattet, welche königliche Gunst gewähren konnte. Eine Prachtausgabe für Schottland wurde in der in Holyrood House errichteten Officin gedruckt. Aber die Leute waren nicht in der Stimmung, um sich von dem durchsichtigen Style und den melodischen Reimen des Apostaten bezaubern zu lassen. Der durch seine Feilheit erregte Unwille, die durch die Politik, deren Lobhudler er war, hervorgerufene Besorgniß ließen sich nicht in Schlaf singen. Die gerechte Entrüstung des Publikums wurde von Vielen, die den Stachel seines Spotts gefühlt, und von Vielen, die seinen Ruhm beneideten, angeschürt. Trotz aller Beschränkungen, denen die Presse unterlag, erschienen täglich Angriffe auf sein Leben und seine Schriften. Bald hieß er Bayes, bald der Dichter Squab. Man erinnerte ihn daran, daß er in seiner Jugend dem Hause Cromwell in der nämlichen knechtischen Weise den Hof gemacht, wie jetzt dem Hause Stuart. Ein Theil seiner Gegner druckte boshafterweise die sarkastischen Verse wieder ab, die er zu einer Zeit, wo es ihm nichts eingebracht haben würde, wenn er Papist geworden wäre, gegen den Papismus geschrieben hatte. Von den vielen satirischen Arbeiten, welche bei dieser Gelegenheit erschienen, war die gelungenste das gemeinsame Werk zweier junger Männer, welche kürzlich ihre Studien in Cambridge vollendet hatten und als vielversprechende Anfänger in den literarischen Kaffeehäusern Londons begrüßt worden waren: Karl Montague und Matthäus Prior. Montague war von adeliger Abkunft, Prior’s Ursprung aber war so dunkel, daß kein Biograph im Stande gewesen ist, demselben auf die Spur zu kommen. Beide Abenteurer waren arm und strebsam. Beide hatten einen scharfen Verstand und einen lebendigen Geist, Beide schwangen sich später hoch empor. Beide verbanden in nicht gewöhnlichem Grade mit der Liebe zu den Wissenschaften Geschicklichkeit in denjenigen Gebieten des praktischen Lebens, gegen welche die Schöngeister in der Regel einen entschiedenen Widerwillen haben. Von den funfzig Dichtern, deren Lebenslauf Johnson geschildert hat, waren Montague und Prior die beiden einzigen, die sich durch eine gründliche Kenntniß des Handels und des Finanzwesens auszeichneten. Ihre Wege gingen bald weit auseinander, und ihre Jugendfreundschaft löste sich auf. Einer von ihnen wurde das Haupt der Whigpartei und wurde von den Tories angeklagt; der Andre wurde in alle Geheimnisse der toryistischen Diplomatie eingeweiht und von den Whigs lange in strenger Haft gehalten. Endlich wurden die so lange getrennt gewesenen Freunde nach vielen ereignißvollen Jahren in der Westminster-Abtei wieder mit einander vereinigt.
Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner. [Wer] die Fabel von der Hindin und dem Panther aufmerksam gelesen hat, muß bemerkt haben, daß während der Bearbeitung dieses Werks in den Ansichten Derer, welche Dryden als Dolmetscher benutzten, eine große Veränderung vorging. Anfangs wird von der anglikanischen Kirche mit Liebe und Achtung gesprochen und sie wird ermahnt, sich mit der römisch-katholischen gegen die puritanischen Secten zu verbinden; am Schlusse des Gedichts aber und in der Vorrede, welche nach Vollendung des Ganzen geschrieben wurde, werden die protestantischen Dissenters aufgefordert, mit den Katholiken gemeinschaftliche Sache gegen die anglikanische Kirche zu machen.
Dieser Umschlag in der Sprache des Hofpoeten deutete auf einen großen Umschlag in der Politik des Hofes hin. Der ursprüngliche Zweck Jakob’s war gewesen, nicht allein vollständige Befreiung von allen Strafen und bürgerlichen Ausschließungen, sondern auch einen großen Antheil an den kirchlichen und akademischen Stiftungen für seine Kirche zu erlangen und zu gleicher Zeit die Gesetze gegen die puritanischen Secten mit Strenge auszuüben. Alle von ihm gewährten besonderen Dispensationen waren römischen Katholiken gewährt worden. Alle Gesetze, welche auf den Presbyterianern, Independenten und Baptisten am schwersten lasteten, hatte er eine Zeit lang mit aller Strenge durchgeführt. Während Hales ein Regiment commandirte, während Powis im Geheimen Rathe saß, während Massey eine Dechanei bekleidete, während in Oxford mit königlicher Genehmigung Breviarien und Meßbücher gedruckt wurden, während in London die Hostie unter dem Schutze der Piken und Musketen der Fußgarde öffentlich ausgestellt wurde, während Ordensbrüder und Mönche in ihren Kutten in den Straßen von London einhergingen, saß Baxter im Gefängniß, war Howe in der Verbannung, standen die Fünfmeilenacte und die Conventikelacte in voller Kraft, mußten die puritanischen Schriftsteller zur ausländischen oder geheimen Pressen ihre Zuflucht nehmen, konnten puritanische Gemeinden sich nur des Nachts oder in abgelegenen Einöden versammeln, mußten puritanische Geistliche in Kohlengräber- oder Matrosenverkleidung predigen. In Schottland hatte der König neue Gesetze von beispielloser Härte gegen die Presbyterianer von den Ständen verlangt und erhalten, während er keine Anstrengung sparte, ihnen jede Erleichterung für die Katholiken abzupressen. Sein Verfahren gegen die verbannten Hugenotten hatte seine Gesinnungen nicht minder deutlich verrathen. Wir haben gesehen, wie er, als die öffentliche Mildthätigkeit eine große Summe zur Unterstützung dieser Unglücklichen in seine Hände gelegt, allen Gesetzen der Gastfreundschaft und der Rechtschaffenheit zum Hohn von ihnen verlangte, daß sie dem calvinistischen Ritual, dem sie mit großer Liebe anhingen, entsagen und sich der anglikanischen Kirche anschließen müßten, ehe er ihnen das Geringste von den seiner Verwaltung anvertrauten Gaben spenden könnte.
Dies war seine Politik gewesen, so lange er noch einigermaßen hoffen konnte, daß die anglikanische Kirche einwilligen werde, die Herrschaft mit der römischen Kirche zu theilen. Einmal stieg diese Hoffnung zur festen Überzeugung. Die Begeisterung, mit der die Tories seinen Regierungsantritt begrüßt hatten, die Wahlen, die demüthige Sprache und die reichen Geldbewilligungen seines Parlaments, die Unterdrückung des Aufstandes im Westen, die völlige Vernichtung der Partei, die ihn vom Throne hatte ausschließen wollen, dies Alles steigerte seine Zuversicht bis über die Grenzen der Vernunft. Er glaubte fest, daß seiner Macht und seiner Entschlossenheit jedes Hinderniß weichen werde. Sein Parlament leistete ihm Widerstand. Er versuchte die Wirkung von ungnädigen Blicken und Drohungen, und da er mit diesen nichts erreichte, versuchte er es mit der Prorogation. Aber von dem Augenblicke der Prorogation an wurde der Widerstand gegen seine Pläne immer stärker und stärker. Es schien klar, daß, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, er ihn im Widerspruch mit der großen Partei durchsetzen mußte, die seinem Throne, seinem Hause und seiner Person so glänzende Beweise von Treue gegeben hatte. Die ganze anglikanische Geistlichkeit, die ganze Kavaliergentry war gegen ihn. Vergebens hatte er kraft seines kirchlichen Supremats dem Klerus anbefohlen, sich jeder Erörterung von Streitpunkten zu enthalten. Jede Gemeinde der Nation wurde allsonntäglich gegen die Irrthümer Roms gewarnt, und diese Warnungen waren um so wirksamer, weil sie stets mit Versicherungen der Ehrerbietung gegen den König und des Entschlusses, Alles mit Geduld zu ertragen, was ihm zu verhängen belieben werde, verbunden waren. Die royalistischen Ritter und Squires, welche durch fünfundvierzig Jahre des Kriegs und der Parteiwuth dem Throne mannhaft zur Seite gestanden hatten, sprachen jetzt in sehr nachdrücklichen Worten den Entschluß aus, daß sie eben so mannhaft zur Kirche halten würden. Trotz seines beschränkten Verstandes und seines despotischen Characters sah Jakob nun doch ein, daß er sein Verfahren ändern müsse. Er konnte es ohne Gefahr nicht wagen, alle seine protestantischen Unterthanen zugleich zu beleidigen. Wenn er es über sich gewinnen konnte, der Partei, welche in beiden Häusern das Übergewicht hatte, Zugeständnisse zu machen, wenn er sich entschließen konnte, der Staatskirche alle ihre Würden, Einkünfte und Privilegien zu lassen, so mochte er auch fernerhin presbyterianische Versammlungen verbieten und die Gefängnisse mit baptistischen Predigern füllen. Blieb er aber dabei, die Hierarchie zu plündern, so mußte er sich entschließen, dem Vergnügen, die Dissenters zu verfolgen, zu entsagen. Wollte er von nun an mit seinen alten Freunden in Fehde leben, so mußte er mit seinen alten Feinden einen Waffenstillstand schließen. Er konnte die anglikanische Kirche nur dadurch bezwingen, daß er eine umfassende Coalition gegen sie bildete, welche Secten in sich schloß, die zwar in Lehre und Verfassung von einander selbst viel stärker abwichen als von ihr, aber doch durch ihre gemeinsame Eifersucht auf ihre Größe und durch die gemeinsame Furcht vor ihrer Unduldsamkeit bewogen werden konnten, ihre Feindseligkeiten so lange ruhen zu lassen, bis jene Kirche die Macht verloren hatte, sie zu tyrannisiren.
Ein Grund schien besonders für diesen Plan zu sprechen. Wenn es ihm nur gelang, die protestantischen Nonconformisten zu gewinnen, so durfte er sich mit der Hoffnung schmeicheln, vor jeder Rebellion sicher zu sein. Nach der Ansicht der anglikanischen Geistlichen konnte keine Kränkung irgend welcher Art einen Unterthanen berechtigen, den Gesalbten des Herrn gewaltsamen Widerstand zu leisten. Die Theorie der puritanischen Sectirer lautete ganz anders. Diese Sectirer trugen kein Bedenken, Tyrannen mit dem Schwerte Gideon’s zu Boden zu schlagen, und manche von ihnen scheuten sich auch nicht, den Dolch Ehud’s zu gebrauchen. Wahrscheinlich sannen sie eben jetzt wieder auf einen neuen westlichen Aufstand oder auf ein neues Ryehousecomplot. Jakob glaubte daher, daß er getrost die Staatskirche verfolgen könnte, wenn es ihm nur gelang, die Dissenters zu gewinnen. Die Partei, deren Grundsätze ihm keine Sicherheit gewährten, war dann durch das Interesse an ihn gefesselt, und die Partei, deren Interessen er angriff, erregte aus Grundsatz keinen Aufruhr.
Unter dem Einflusse solcher Erwägungen begann Jakob von dem Augenblicke an, als er sich zornig von seinem Parlament trennte, auf eine Coalition aller katholischen wie protestantischen Nonconformisten gegen die Landeskirche zu denken. Schon um Weihnachten 1685 meldeten die Gesandten der Vereinigten Provinzen den Generalstaaten, daß der Plan einer allgemeinen Duldung entworfen sei und bald ans Licht treten werde.[25] Indessen erwiesen sich die Nachrichten, welche der holländischen Gesandtschaft zugekommen waren, als verfrüht. Die Separatisten scheinen jedoch im Jahre 1686 schon viel milder behandelt worden zu sein, als während des Jahres 1685. Aber nur ganz allmälig und nach vielen inneren Kämpfen vermochte es der König über sich, mit Allem, was er am meisten verabscheute, ein Bündniß zu schließen. Er hatte einen nicht oberflächlichen und launenhaften, nicht erst kürzlich entstandenen oder rasch aufgeschossenen, sondern in seiner Familie erblichen Groll zu überwinden, welcher durch große, während hundertzwanzig ereignißvoller Jahre zugefügte und erlittene Unbilden verstärkt worden und mit allen seinen religiösen und politischen, häuslichen und persönlichen Gefühlen verwachsen war. Vier Generationen von Stuarts hatten mit vier Generationen von Puritanern einen Krieg auf Leben und Tod geführt, und während dieses ganzen langen Krieges hatte kein Stuart die Puritaner so stark gehaßt, und war so stark von ihnen gehaßt worden, als er. Sie hatten es versucht, seine Ehre zu untergraben und ihn seines Geburtsrechts zu berauben; sie hatten ihn einen Brandstifter, einen Kehlabschneider und einen Giftmischer genannt; sie hatten ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe verdrängt; sie hatten ihn zu wiederholten Malen in die Verbannung getrieben, sie hatten einen Mordanschlag auf ihn gemacht, und sie hatten sich zu Tausenden mit bewaffneter Hand gegen ihn erhoben. Dafür hatte er sich an ihnen durch ein Gemetzel gerächt, wie es England noch nie gesehen. Ihre Köpfe und Glieder verwesten noch auf Pfählen auf allen öffentlichen Plätzen von Somersetshire und Dorsetshire. Bejahrte Frauen, die wegen ihrer Frömmigkeit und Mildthätigkeit von den Sectirern in hohen Ehren gehalten wurden, waren um geringfügiger Vergehen willen, die kein guter Fürst nur eines strengen Verweises werth gehalten haben würde, enthauptet oder lebendig verbrannt worden. In einem solchen Verhältnisse hatte selbst in England der König zu den Puritanern gestanden, und in Schottland hatte die Tyrannei des Königs und die Wuth der Puritaner einen Grad erreicht, von dem sich die Engländer kaum einen Begriff machen konnten. Einen so langjährigen und so tödtlichen Haß zu vergessen, war für einen ganz besonders harten und unversöhnlichen Character keine leichte Aufgabe.
Der Kampf, der im Innern des Königs stattfand, entging dem Blicke Barillon’s nicht. Ende Januar 1687 schrieb er einen interessanten Brief nach Versailles. Der König — dies war der wesentliche Inhalt des Schreibens — habe sich so ziemlich überzeugt, daß er nicht völlige Freiheit für die römischen Katholiken erlangen und dabei doch die Gesetze gegen die protestantischen Dissenters aufrecht erhalten könne. Er neige sich daher zu einem Plane allgemeiner Indulgenz hin, im Herzen aber würde es ihm weit lieber sein, wenn er auch jetzt noch seinen Schutz und seine Gunst zwischen der römischen und der anglikanischen Kirche, mit Ausschluß aller anderen religiösen Überzeugungen, theilen könnte.[26]
[25.] Leeuwen, 25. Dec. (4. Jan.) 1685/6.