Es ist unbestreitbar ein Übel, wenn ein Bürger seiner religiösen Meinung halber vom Staatsdienste ausgeschlossen sein soll; aber der menschlichen Weisheit bleibt zuweilen nichts andres übrig als die Wahl zwischen zwei Übeln. Eine Nation kann in eine Lage kommen, in der die Mehrheit entweder Ausschließungen verhängen oder sich solche gefallen lassen muß und wo das was unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Recht als Verfolgung verdammt werden würde, noch innerhalb der Grenzen der Selbstvertheidigung liegt. In einer solchen Situation befand sich England im Jahre 1687.
Nach der Verfassung des Reichs hatte Jakob das Recht, fast alle öffentlichen Beamten, bei der Regierung, bei den Gerichten, in der Kirche, beim Militair und bei der Flotte zu ernennen. Bei der Ausübung dieses Rechts war er nicht, wie unsere gegenwärtigen Souveraine, genöthigt, in Übereinstimmung mit dem Rathe von Ministern, die das Haus der Gemeinen billigte, zu handeln. Es lag also auf der Hand, daß es, wenn er durch das Gesetz nicht streng verbunden war, nur Protestanten anzustellen, ihm frei stand, lauter Katholiken anzustellen. Die Anzahl der römischen Katholiken war unbedeutend, und es gab nicht einen einzigen Mann unter ihnen, dessen Dienste der Staat ernstlich vermißt haben würde. Das Verhältniß, in dem ihre Zahl zur Gesammtbevölkerung stand, war noch viel geringer als es gegenwärtig ist, denn gegenwärtig ergießt sich ein ununterbrochener Auswanderungsstrom von Irland in unsere großen Städte, während es im siebzehnten Jahrhunderte noch nicht einmal in London eine irische Colonie gab. Neunundvierzig Funfzigstel der Bewohner des Königreichs, neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens des Königreichs, fast alle politischen, juristischen und militairischen Talente und Kenntnisse, die das Land besaß, waren protestantisch. Trotzdem hatte der König in thörichter Verblendung sich vorgenommen, sein unbegrenztes Ernennungsrecht als Mittel zum Proselytenmachen zu benutzen. Seiner Kirche angehören war in seinen Augen der erste Befähigungstitel für ein Amt. Der Landeskirche angehören war entschieden ein Grund der Nichtbefähigung. Er verwarf zwar in einer Sprache, welche den Beifall einiger leichtgläubigen Freunde der Glaubensfreiheit fand, die monströse Ungerechtigkeit des Religionseides, der eine kleine Minderheit der Nation von öffentlichen Ämtern ausschloß; zu gleicher Zeit aber führte er einen andren Religionseid ein, der die Mehrheit ausschloß. Es schien ihm hart, daß ein guter Finanzmann und loyaler Unterthan lediglich deshalb weil er ein Papist war, von dem Posten eines Lordschatzmeisters ausgeschlossen sein sollte; aber er selbst hatte einen Lordschatzmeister, den er als einen tüchtigen Finanzmann und loyalen Unterthan anerkannt, bloß deshalb abgesetzt, weil er Protestant war. Er hatte wiederholt und bestimmt erklärt, er sei fest entschlossen, den weißen Stab niemals in die Hände eines Ketzers zu geben. Mit vielen anderen hohen Staatsämtern war er ebenso verfahren. Bereits waren der Lordpräsident, der Geheimsiegelbewahrer, der Oberkammerherr, der Garderobeaufseher, der erste Lord des Schatzes, ein Staatssekretär, der Lordobercommissar von Schottland, der Kanzler von Schottland und der Sekretär von Schottland Katholiken oder gaben sich wenigstens dafür aus. Die meisten von diesen Beamten waren von Haus aus Anglikaner und hatten sich des offenen oder geheimen Abfalls schuldig gemacht, um ihre hohen Stellen zu erlangen oder zu behalten. Jeder Protestant, der noch einen wichtigen Staatsposten bekleidete, bekleidete ihn in beständiger Ungewißheit und Angst. Wir würden nicht fertig werden, wollten wir die untergeordneteren Stellen anführen, welche von Mitgliedern der begünstigten Klasse besetzt waren. In jedem Zweige der Verwaltung wimmelte es schon von Katholiken. Sie waren Lordlieutenants, stellvertretende Lieutenants, Richter, Friedensrichter, Zollcommissare, Gesandte an fremden Höfen, Regimentsobersten und Festungscommandanten. Der Antheil, den sie binnen wenigen Monaten von den durch die Krone zu besetzenden weltlichen Ämtern erlangt hatten, war weit über zehnmal so groß, als er unter einem unparteiischen Systeme gewesen sein würde. Dies war indessen noch nicht das Schlimmste. Man hatte sie auch zu Beherrschern der anglikanischen Kirche gemacht. Männer, die den König versichert hatten, daß sie seines Glaubens seien, saßen in der Hohen Commission und übten die höchste geistliche Gerichtsbarkeit über alle Prälaten und Priester der Landeskirche aus. Kirchliche Pfründen von hohem Ansehen waren theils erklärten, theils verkappten Papisten verliehen worden. Und dies Alles war geschehen, während die Gesetze gegen den Papismus noch in Kraft waren und Jakob noch gegründete Ursache hatte, Achtung vor den Rechten des Gewissens zu heucheln. Was war also von ihm zu erwarten, wenn seine Unterthanen einwilligten, ihn durch ein Gesetz von jedem Schatten der Beschränkung vollends zu befreien? Kann man wohl daran zweifeln, daß Protestanten durch eine streng gesetzmäßige Anwendung der königlichen Prärogative eben so wirksam von Anstellungen ausgeschlossen worden wären, als jemals römische Katholiken durch eine Parlamentsacte ausgeschlossen worden sind?
Wie hartnäckig Jakob entschlossen war, den Mitgliedern seiner Kirche einen Antheil an den öffentlichen Ämtern zu gewähren, der zu ihrer Zahl und zu ihrer Bedeutung außer allem Verhältniß stand, geht aus den Instructionen hervor, die er im Exil und im hohen Alter als Leitfaden für seinen Sohn aufzeichnete. Es ist unmöglich, diese Ergüsse eines Mannes, an dem alle Lehren der Erfahrung und des Unglücks spurlos vorübergegangen waren, ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung zu lesen. Dem Prätendenten wird anempfohlen, wenn er einmal zur Regierung in England gelangen sollte, die Ämter zu theilen und den Mitgliedern der römischen Kirche einen Antheil zu reserviren, der groß genug für sie gewesen sein würde, wenn sie die Hälfte, anstatt ein Funfzigstel der Nation gebildet hätten. Ein Staatssekretär, ein Schatzcommissar, der Kriegssekretär, die Mehrheit der Großwürdenträger des Hofstaates und die Mehrzahl der Offiziere der Armee müßten immer Katholiken sein. Dies waren Jakob’s Ansichten selbst dann noch, als seine thörichte Bigotterie ihm eine Strafe zugezogen hatte, über welche die ganze Welt erschrocken war. Kann man also wohl in Zweifel darüber sein, wie er gehandelt haben würde, wenn sein Volk, durch den leeren Namen der religiösen Freiheit geblendet, ihn ohne Zügel hätte fortregieren lassen?
Selbst Penn scheint trotz seiner blinden und maßlosen Begeisterung für die Indulgenzerklärung eingesehen zu haben, daß man sich nicht wundern durfte, wenn die Parteilichkeit, mit der römische Katholiken mit Ehrenstellen und Einkünften überschüttet wurden, die Eifersucht der Nation erregte. Er gab zu, daß die Protestanten im Fall der Aufhebung der Testacte Anspruch auf ein Äquivalent hätten, und ging sogar so weit, daß er verschiedene Äquivalente vorschlug. Schon seit mehreren Wochen war das Wort Äquivalent, damals erst kürzlich aus Frankreich eingeführt, im Munde aller Kaffeehausredner; endlich aber machten einige Seiten scharfsinniger Logik und feiner Sarkasmen aus Halifax’ Feder diesen hohlen Projecten ein Ende. Einer von Penn’s Plänen bestand darin, daß ein Gesetz erlassen werden sollte, welches die von der Krone zu verleihenden Ämter in drei gleiche Theile theilte, von denen nur einer den Mitgliedern der katholischen Kirche zufallen sollte. Selbst unter einem solchen System würden die Katholiken noch immer zwanzigmal den ihnen eigentlich zustehenden Antheil erhalten haben, und doch kann man nicht annehmen, daß der König selbst in eine solche Anordnung gewilligt haben würde. Hätte er aber auch darein gewilligt, welche Garantie konnte er bieten, daß er auch wirklich an diesem Übereinkommen festhielt? Man hatte keine Antwort auf das von Halifax aufgestellte Dilemma: wenn Gesetze für Euch bindend sind, so beobachtet das jetzt bestehende Gesetz; sind sie nicht bindend für Euch, so ist es auch nutzlos, uns ein Gesetz als Bürgschaft zu bieten.[56]
Es ist sonach klar, daß es sich gar nicht darum handelte, ob weltliche Ämter allen Religionsparteien ohne Unterschied offen stehen sollten. So lange Jakob König war, war Ausschließung unvermeidlich, und es fragte sich nur, wer ausgeschlossen werden sollte, ob Papisten oder Protestanten, die Wenigen oder die Vielen, hunderttausend Engländer oder fünf Millionen.
Dies sind die gewichtigen Gründe, durch welche das Verfahren des Prinzen von Oranien gegen die englischen Katholiken mit den Grundsätzen der Glaubensfreiheit in Einklang gebracht werden kann. Diese Gründe haben, wie man bemerken wird, mit keinem Theile der katholischen Theologie etwas zu thun. Ebenso wird man einsehen, daß sie ihr ganzes Gewicht verlieren mußten, als die Krone an ein protestantisches Herrscherhaus gekommen und die Macht des Unterhauses im Staate ein so entschiedenes Übergewicht erlangt hatte, daß kein Souverain, mochten seine Ansichten oder Neigungen sein, welche sie wollten, das Beispiel Jakob’s nachahmen konnte. Die Nation befand sich indessen nach ihren Schrecken, ihren Kämpfen und ihrer mit genauer Noth erlangten Rettung in einer mißtrauischen und rachsüchtigen Stimmung. Daher wurden Vertheidigungsmittel, welche die Nothwendigkeit gerechtfertigt hatte, die aber auch nur die Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, noch lange, nachdem die Nothwendigkeit nicht mehr vorhanden war, hartnäckig beibehalten, und erst aufgegeben, nachdem das herrschende Vorurtheil einen langjährigen Kampf gegen die Vernunft bestanden hatte. Zu den Zeiten Jakob’s aber standen Vernunft und herrschendes Vorurtheil auf der nämlichen Seite. Der Fanatiker und Ignorant wollte den Katholiken vom Staatsdienste ausschließen, weil er Klötze und Steine anbetete, weil er das Zeichen des Thieres an sich trug, weil er London angezündet und Sir Edmondsbury Godfrey erwürgt hatte, und der einsichtsvollste und toleranteste Staatsmann wurde, während er über den Irrwahn lächelte, in dem das gemeine Volk befangen war, auf einem ganz andren Wege zu dem nämlichen Schlusse geführt.
Wilhelm’s großer Plan war jetzt, die zahlreichen Theile des großen Körpers, der ihn als sein gemeinschaftliches Oberhaupt betrachtete, zu einem Ganzen zu vereinigen. Bei diesem Werke hatte er mehrere geschickte und zuverlässige Mitarbeiter, von denen zwei, Burnet und Dykvelt, ihm ganz besonders nützlich waren.
[56.] Johnstone, 13. Jan. 1688; Halifax’s Anatomy of an Equivalent.
Jakob’s Feindschaft gegen Burnet. [Burnet]’s Dienste mußten allerdings mit einiger Vorsicht angewendet werden. Die freundliche Aufnahme, die er im Haag gefunden, hatte Jakob heftig aufgebracht, und Marie erhielt von ihrem Vater zwei Briefe voll Invectiven gegen den frechen und wühlerischen Theologen, den sie beschützte. Diese Beschuldigungen aber machten einen so geringen Eindruck auf sie, daß sie Antworten darauf zurücksandte, welche Burnet selbst dictirt hatte. Im Januar 1687 endlich schritt der König zu energischeren Maßregeln. Skelton, der die englische Regierung bei den Vereinigten Provinzen vertreten hatte, wurde nach Paris versetzt und erhielt Albeville, das schwächste und gemeinste Mitglied der ganzen jesuitischen Cabale, zum Nachfolger. Geld war Albeville’s einziger Lebenszweck, und er nahm es von Jedem, der es ihm anbot. Er wurde zu gleicher Zeit von Frankreich und von Holland bezahlt. Er verschmähte sogar den erbärmlichen Anstand, den auch die Bestechlichkeit zu beobachten pflegt, und nahm so kleine Geschenke an, wie sie eher einem Lastträger oder einem Bedienten zukommen als einem Gesandten, der mit einer englischen Baronie und einem ausländischen Marquisate beehrt worden war. Einmal steckte er mit der größten Gemüthsruhe ein Trinkgeld von fünfzig Pistolen für einen Dienst ein, den er den Generalstaaten geleistet hatte. Dieser Mann war beauftragt, zu verlangen, daß Burnet im Haag nicht länger begünstigt werde. Wilhelm, der keine Lust hatte, sich von einem so werthvollen Freunde zu trennen, antwortete zuerst mit seiner gewohnten Kälte: „Ich wüßte nicht, Sir, daß der Doctor seit seinem Hiersein etwas gethan oder gesagt hätte, worüber Seine Majestät sich mit Grund beklagen könnte.“ Jakob aber bestand entschieden auf seiner Forderung, und da die geeignete Zeit zu einem offenen Bruche noch nicht gekommen war, so mußte Wilhelm nachgeben. Über anderthalb Jahr lang kam Burnet weder mit dem Prinzen, noch mit der Prinzessin in persönliche Berührung; aber er wohnte in ihrer Nähe, wurde von Allem, was vorging, genau unterrichtet, sein Rath ward beständig in Anspruch genommen, seine Feder bei jedem wichtigen Anlasse benutzt und viele der schärfsten und wirksamsten Aufsätze und Flugschriften, welche damals in London erschienen, wurden ihm mit Recht zugeschrieben.
Jakob’s Wuth entbrannte. Er war von jeher für zornige Leidenschaften nur zu empfänglich gewesen, aber noch keinen seiner Feinde, selbst die nicht, welche sich gegen sein Leben verschworen oder es versucht hatten, ihm durch Meineid die Schuld des Verraths und des Mordes aufzubürden, hatte er mit einer solchen Erbitterung gehaßt, als er jetzt Burnet haßte. Seine Majestät schimpfte täglich in höchst unköniglicher Sprache auf den Doctor und sann auf ungesetzliche Rache. Selbst Blut genügte diesem wüthenden Hasse nicht; der unverschämte Theolog mußte gefoltert werden, ehe er sterben durfte. Zum Glück war er ein Schotte von Geburt, und in Schottland konnten seine Beine erst in den spanischen Stiefeln zerquetscht werden, bevor er auf dem Grasmarkte gehängt wurde. Zu dem Ende wurde in Edinburg der Prozeß gegen ihn eingeleitet; aber er war in Holland naturalisirt, hatte eine vermögende Frau aus dieser Provinz geheirathet und es war gewiß, daß sein Adoptivvaterland ihn nicht ausliefern würde. Man beschloß daher, ihn wegfangen zu lassen. Mit großen Summen wurden einige Bösewichter für diesen gefährlichen und schändlichen Dienst gedungen; im Staatssekretariat wurde zu diesem Zwecke eine Anweisung auf dreitausend Pfund Sterling ausgestellt. Ludwig wurde von dem Plane unterrichtet und interessirte sich außerordentlich dafür; er sicherte seinen kräftigen Beistand zu, damit der Schurke nach England gebracht werde, und versprach, daß die Werkzeuge der Rache Jakob’s in Frankreich eine Freistätte finden sollten. Burnet kannte die ihm drohende Gefahr wohl, aber Furcht gehörte nicht zu seinen Fehlern. Er veröffentlichte eine beherzte Antwort auf die in Edinburg gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Er wisse, sagte er, daß man ihn ohne Prozeß hinzurichten gedenke, aber er vertraue auf den König aller Könige, zu dem unschuldiges Blut selbst gegen die mächtigsten Fürsten der Erde nicht vergebens schreien werde. Er gab einigen Freunden ein Abschiedsmahl, und nach demselben nahm er als ein Mann, der dem Tode verfallen sei und mit dem sie ohne Gefahr nicht mehr umgehen könnten, feierlich Abschied von ihnen. Dessenungeachtet zeigte er sich nach wie vor so furchtlos auf allen öffentlichen Plätzen im Haag, daß seine Freunde ihm wegen seiner Tollkühnheit bittere Vorwürfe machten.[57]