Halifax. [Mit] diesen beiden großen toryistischen Earls war jetzt Halifax, das ausgezeichnete Oberhaupt der Trimmers, verbunden. Auf Nottingham’s Gesinnungen scheint Halifax damals in der That einen entschiedenen Einfluß ausgeübt zu haben. Zwischen Halifax und Danby bestand eine Feindschaft, welche am Hofe Karl’s begonnen hatte und nachher auch den Hof Wilhelm’s beunruhigte, während der Tyrannei Jakob’s aber wie viele andere Feindschaften ruhte. Die beiden Gegner trafen häufig in den von Dykvelt veranstalteten Conferenzen zusammen und stimmten in dem Ausdrucke des Mißfallens an der Politik der Regierung und der Verehrung für den Prinzen von Oranien überein. In ihrem Verkehr mit den holländischen Gesandten trat die Characterverschiedenheit der beiden Staatsmänner stark hervor. Halifax zeigte ein bewundernswürdiges Talent für Auseinandersetzungen, scheute sich aber vor kühnen und unwiderruflichen Entschlüssen. Danby war minder fein und beredt, besaß aber mehr Energie, Entschlossenheit und praktischen Scharfblick.

Devonshire. [Mehrere] ausgezeichnete Whigs waren mit Dykvelt in fortwährender Verbindung; aber die Oberhäupter der großen Häuser Cavendish und Russel konnten keinen so thätigen und vorwiegenden Antheil an den Unterhandlungen nehmen, als man nach ihrer Stellung und ihren Ansichten hätte erwarten dürfen. Der Ruhm und das Glück Devonshire’s wurden im Augenblicke durch eine Wolke verdunkelt. Er hatte einen beklagenswerthen Streit mit dem Hofe, der nicht aus einer öffentlichen und ehrenvollen Angelegenheit, sondern aus einem Privatzwist entsprungen war, in welchem selbst seine wärmsten Freunde ihn nicht von aller Schuld freisprechen konnten. Als er einmal nach Whitehall kam, um seine Aufwartung zu machen, war er von einem gewissen Colepepper insultirt worden, einem jener Raufbolde, welche die Umgebungen des Hofes unsicher machten und die sich durch Beleidigung von Mitgliedern der Opposition bei der Regierung in Gunst zu setzen suchten. Der König selbst äußerte seine Entrüstung über die einem seiner ausgezeichneten Peers unter dem königlichen Dache widerfahrene Behandlung und Devonshire wurde durch die Versicherung besänftigt, daß der Beleidiger den Palast nie wieder betreten solle. Dieses Verbot wurde jedoch bald wieder aufgehoben und der Groll des Earls erwachte von neuem. Seine Diener nahmen sich der Sache an und die Straßen von Westminster wurden durch Händel beunruhigt, die in ein roheres Zeitalter gehörten. Die Zeit des Geheimen Raths ward durch Anklagen und Gegenanklagen der streitenden Parteien in Anspruch genommen. Colepepper’s Frau erklärte: sie und ihr Gatte seien ihres Leben nicht sicher und ihr Haus sei beständig von Banditen in der Livree der Cavendish belagert; Devonshire erwiederte, es sei aus Colepepper’s Fenstern auf ihn geschossen worden. Dies wurde heftig geleugnet. Es wurde zwar eingeräumt, daß ein blind geladenes Pistol abgefeuert worden sei, aber dies sei nur in einem Augenblicke des Schreckens geschehen, um die Wache zu alarmiren. Wahrend diese Fehde ihren Höhepunkt erreicht hatte, traf der Earl im Empfangzimmer zu Whitehall mit Colepepper zusammen und er glaubte in den Mienen des Raufboldes triumphirenden Übermuth zu erkennen. Vor den Augen des Königs geschah nichts Unziemliches; sobald aber die beiden Gegner das Audienzzimmer verlassen hatten, machte Devonshire den Vorschlag, den Streit auf der Stelle mit dem Degen zu entscheiden. Die Herausforderung wurde zurückgewiesen. Da vergaß der stolze Peer die Achtung, die er dem Orte an dem er sich befand, und seiner eignen Würde schuldig war, und schlug Colepepper mit einem Stocke ins Gesicht. Diese Handlung wurde allgemein als übereilt und unschicklich getadelt und Devonshire selbst konnte, nachdem sein Blut sich abgekühlt hatte, nicht ohne Verdruß und Beschämung daran denken. Die Regierung aber verfuhr mit gewohntem Unverstande so streng gegen ihn, daß das Publikum bald ganz auf seine Seite trat. Es wurde eine Criminalanklage bei der Kings Bench anhängig gemacht. Der Angeklagte berief sich auf seine Vorrechte als Peer des Königsreichs; dieser Punkt aber wurde sogleich zu seinem Nachtheile entschieden, und es läßt sich auch nicht leugnen, daß diese Entscheidung, mochte sie den technischen Regeln der englischen Gesetzgebung entsprechen oder nicht, in vollkommenem Einklange mit den großen Prinzipien stand, welche die Grundlage jeder Gesetzgebung sein sollen. Es blieb ihm somit nichts übrig, als sich dem Erkenntnisse zu unterwerfen. Der Gerichtshof war durch eine Reihe von Entlassungen zu so vollständigem Gehorsam gebracht worden, daß die Regierung, welche die Untersuchung eingeleitet hatte, die Strafe selbst vorschreiben konnte. Die Richter machten Jeffreys in pleno ihre Aufwartung und dieser bestand auf der Zuerkennung einer Geldbuße von dreißigtausend Pfund. Dreißigtausend Pfund waren im Verhältniß zu den damaligen Einkünften der englischen Großen ungefähr soviel als hundertfunfzigtausend im neunzehnten Jahrhundert. In Anwesenheit des Kanzlers wurde kein Wort der Mißbilligung geäußert; als aber die Richter sich entfernt hatten, bemerkte Sir Johann Powell, in welchem sich das wenige Rechtsgefühl des ganzen Collegiums concentrirte, daß die beantragte Strafsumme übermäßig hoch und ein Zehntel derselben vollauf genug sei. Seine Collegen waren nicht dieser Meinung und er zeigte in diesem Falle nicht den Muth, durch den er einige Monate später an einem denkwürdigen Tage seinen Ruf glänzend wiederherstellte. Der Earl wurde demnach in eine Geldbuße von dreißigtausend Pfund und bis zur Bezahlung dieses Betrags zu persönlicher Haft verurtheilt. Eine solche Summe konnte damals auch der reichste Edelmann nicht in einem Tage aufbringen. Indessen war das Hafturtel leichter gesprochen, als vollzogen. Devonshire hatte sich nach Chatsworth zurückgezogen, wo er eben damit beschäftigt war, das alte gothische Stammschloß seiner Familie in ein Gebäude umzuwandeln, das Palladio’s würdig war. Der Peak war damals ein fast ebenso unwirthbarer Bezirk als gegenwärtig Connemara, und der Sheriff erkannte oder behauptete wenigstens, daß es schwer sein dürfte, den Lord in einer so wilden Gegend und inmitten treu ergebener Diener und Pächter zu verhaften. Darüber vergingen einige Tage, endlich aber wurde nicht nur der Earl, sondern auch der Sheriff zur Haft gebracht. Inzwischen verwendeten sich eine Menge Fürsprecher mit ihrem ganzen Einflusse. Es hieß die verwittwete Gräfin von Devonshire habe eine Privataudienz beim Könige erlangt, sie habe ihn daran erinnert, daß ihr Schwager, der tapfere Karl Cavendish, im Kampfe für die Krone bei Gainsborough gefallen sei, und ihm schriftliche Empfangsbescheinigungen von Karl I. und Karl II. über bedeutende Summen vorgelegt, die ihr Gemahl während der bürgerlichen Unruhen beiden Monarchen geliehen hatte. Diese Darlehen waren nie zurück gezahlt worden und sollten angeblich mehr betragen als die ungeheure Geldstrafe, welche die Kings Bench über den Earl verhängt hatte. Dazu kam noch ein andrer Punkt, der beim Könige noch mehr Gewicht gehabt zu haben scheint als die Erinnerung an früher geleistete Dienste. Es konnte nothwendig werden ein Parlament einzuberufen, und man glaubte, daß Devonshire in diesem Falle sofort eine Cassationsklage einreichen werde. Der Punkt, auf den er seine Appellation gegen das Erkenntniß der Kings Bench zu stützen gedachte, waren seine Privilegien als Peer, und das Tribunal, vor das die Appellation kommen mußte, war das Haus der Peers. In einem solchen Falle konnte der Hof nicht einmal auf die Unterstützung der ihm ergebensten Adeligen mit Gewißheit rechnen. Es stand kaum zu bezweifeln, daß das Urtel cassirt werde, und daß die Regierung dadurch, daß sie zu viel haben wollte, Alles verlieren würde. Jakob war daher zu einem Vergleiche geneigt. Es wurde dem Earl angekündigt, daß, wenn er eine Schuldverschreibung über die ganze Summe geben und sich des möglichen Vortheils einer Cassationsklage begeben wolle, er in Freiheit gesetzt werden solle. Ob er zur Bezahlung der Summe angehalten werden würde oder nicht, sollte von seinem ferneren Benehmen abhängen. Wenn er das Dispensationsrecht unterstützte, solle er nicht dafür in Anspruch genommen werden; trachte er aber nach Popularität, so müsse er die dreißigtausend Pfund bezahlen. Er weigerte sich eine Zeit lang, auf diese Bedingungen einzugehen; aber die Haft war ihm unerträglich. Er stellte die Verschreibung aus und wurde aus den Gefängnis entlassen; aber obgleich er sich dazu verstand seinem Vermögen diese drückende Schuldlast aufzubürden, konnte ihn doch nichts zu dem Versprechen bestimmen, daß er seinen Grundsätzen und seiner Partei untreu werden wolle. Er wurde nach wie vor in alle Geheimnisse der Opposition eingeweiht, aber einige Monate lang hielten seine politischen Freunde es um seiner selbst wie um ihrer Sache willen für gerathen, daß er im Hintergrunde blieb.[63]

[63.] Kennet’s Grabrede auf den Herzog von Devonshire und Memoiren der Familie Cavendish; Collection of State Trials; Privy Council Book, March 5. 1685/6; Barillon, 30. Juni (10. Juli) 1687.; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687.; Lords’ Journals May 6. 1689. „Ses amis et ses proches,“ sagt Barillon, „lui conseillent de prendre le bon parti, mais il persiste jusqu’à présent à ne se point soumettre. S’il vouloit se bien conduire et renoncer à être populaire, il ne payeroit pas l’amende, mais s’il opiniâtre, il lui en coutera trente mille pièces, et il demeurera prisonnier jusq’à l’actuel payement.“

Eduard Russell. [Der] Earl von Bedford hatte sich von dem harten Schlage, der ihm vor vier Jahren fast das Herz gebrochen, nie wieder erholen können. Seine persönlichen wie auch seine öffentlichen Gefühle machten ihn zum Gegner des Hofes; aber an der Verabredung von Maßregeln gegen denselben nahm er keinen thätigen Antheil. Seine Stelle in den Versammlungen der Mißvergnügten vertrat sein Neffe. Dies war der berühmte Eduard Russell, ein Mann von unbezweifeltem Muth und Talent, aber von lockeren Grundsätzen und ruhelosem Geiste. Er war Seemann, hatte sich in seinem Berufe ausgezeichnet und hatte unter der vorigen Regierung ein Hofamt bekleidet; aber durch den Tod seines Vetters Wilhelm Russell waren alle Bande, die ihn an den Hof ketteten, zerrissen worden. Der verwegene, unruhige und racheschnaubende Seemann saß jetzt in den von dem holländischen Gesandten berufenen Versammlungen als Vertreter des kühnsten und heftigsten Theiles der Opposition, der Männer, welche unter den Namen Rundköpfe, Exclusionisten und Whigs einen fünfundvierzigjährigen Kampf gegen drei aufeinanderfolgende Könige mit wechselndem Glück unterhalten hatten. Diese Partei, welche vor Kurzem niedergeworfen und fast vernichtet gewesen war, sich jetzt aber mit voller Lebenskraft rasch zu Ansehen und Einfluß erhob, wurde durch keine von den Bedenklichkeiten behindert, welche die Bewegungen der Tories und der Trimmers noch immer hemmten, und war bereit, das Schwert gegen den Tyrannen zu ziehen, sobald es mit gegründeter Aussicht auf den Sieg gezogen werden konnte.

Compton. — Herbert. — Churchill. [Drei] Männer sind noch zu erwähnen, mit denen Dykvelt in vertrauter Verbindung stand und mit deren Hülfe er sich die Mitwirkung von drei großen Ständen zu sichern hoffte. Bischof Compton war der Agent, der die Geistlichkeit zu bearbeiten hatte, Admiral Herbert übernahm es, seinen ganzen Einfluß bei der Flotte zu verwenden und durch Churchill suchte man die Armee zu gewinnen.

Das Benehmen Compton’s und Herbert’s bedarf keiner Erklärung. Nachdem sie der Krone in allen weltlichen Dingen mit Treue und Eifer gedient, hatten sie sich durch ihre Weigerung, als Werkzeuge der Zerstörung ihrer eignen Religion zu dienen, das Mißfallen des Königs zugezogen. Beiden hatte die Erfahrung gelehrt, wie bald Jakob eingegangene Verpflichtungen vergaß und mit welchem bitteren Groll er sich dessen erinnerte, was er als Beleidigung anzusehen für gut fand. Der Bischof war durch einen ungesetzlichen Richterspruch seiner bischöflichen Functionen enthoben, der Admiral in einer Stunde aus Reichthum in Armuth gestürzt worden. Ganz anders war die Lage Churchill’s. Er war durch königliche Gunst aus der Dunkelheit zu hohem Ansehen, aus der Dürftigkeit zum Reichthum erhoben worden. Als armer Fähndrich hatte er seine Laufbahn begonnen und jetzt war er, in seinem siebenunddreißigsten Jahre, Generalmajor, Peer von Schottland und Peer von England, befehligte eine Abtheilung der Leibgarde, bekleidete mehrere ehrenvolle und einträgliche Stellen und bis jetzt verrieth noch nichts, daß er den geringsten Theil von der Gunst verloren hatte, der er so viel verdankte. Er war nicht nur durch die allgemeine Pflicht der Unterthanentreue, sondern auch durch militairische Ehren, durch persönliche Dankbarkeit und, wie es oberflächlichen Beobachtern schien, durch die stärksten Bande des Interesses an Jakob gebunden. Aber Churchill selbst war kein oberflächlicher Beobachter, er wußte genau, worin sein wirkliches Interesse bestand. Er war überzeugt, daß, wenn sein Gebieter einmal volle Freiheit erhielt Papisten anzustellen, er nicht einen einzigen Protestanten mehr anstellen würde. Eine Zeit lang wurden vielleicht einige hochbegünstigte Diener der Krone noch von der allgemeinen Proscription ausgenommen, in der Hoffnung, daß sie sich dadurch bestimmen ließen, ihren Glauben zu wechseln, aber selbst diese mußten nach einer kurzen Frist Einer nach dem Andren fallen, wie Rochester schon gefallen war. Churchill konnte sich allerdings durch Übertritt zur katholischen Kirche gegen diese Gefahr sicher stellen und noch höher in der königlichen Gunst steigen; auch hätte man glauben können, daß ein Mann, der sich eben so sehr durch Habsucht und Characterlosigkeit, wie durch Talent und Tapferkeit auszeichnete, schwerlich an dem Gedanken, eine Messe anhören zu müssen, Anstoß nehmen würde. Aber die menschliche Natur ist so reich an Widersprüchen, daß selbst abgestumpfte Gewissen eine empfindliche Stelle haben. So hatte dieser Mann, der seine Erhebung der Schande seiner Schwester verdankte, der von der verschwenderischesten, herrschsüchtigsten und schamlosesten Buhlerin unterhalten worden war und dessen öffentliches Leben Jedem, der mit unbefangenem Blicke den schimmernden Glanz des Genies und des Ruhms zu durchdringen vermag, als ein Abgrund von Schändlichkeit erscheinen muß, einen blinden Glauben an die Religion, die ihm als Kind eingelernt worden war, und schauderte bei dem Gedanken, sie förmlich abzuschwören. Es stand ihm eine furchtbare Alternative bevor. Das irdische Übel, das er am meisten fürchtete, war die Armuth, das einzige Verbrechen, vor dem sein Herz zurückbebte, war der Glaubensabfall, und wenn die Pläne des Hofes gelangen, konnte er nicht zweifeln, daß er bald zwischen Armuth und Abfall wählen mußte. Daher entschloß er sich, diese Pläne zu durchkreuzen, und es zeigte sich bald, daß er bereit war, jede Schuld und jede Schmach auf sich zu laden, wenn er nur der Nothwendigkeit entging, entweder seine Stellen oder seine Religion aufgeben zu müssen.[64]

[64.] Der Beweggrund, welcher das Verfahren der Churchill bestimmte, ist kurz und bündig in The Duchess of Marlborough’s Vindication dargelegt. „Jedermann erkannte deutlich,“ sagt sie, „daß bei dem Systeme, das König Jakob angenommen hatte, Jeder der nicht Katholik werden wollte, früher oder später zu Grunde gehen mußte. Diese Überzeugung ließ mich das Unternehmen des Prinzen von Oranien, uns aus solcher Knechtschaft zu erlösen, mit Wohlgefallen betrachten.“

Lady Churchill und die Prinzessin Anna. [Nicht] bloß als militairischer Befehlshaber von hohem Range und ausgezeichnetem Geschick und Muth konnte Churchill der Opposition Dienste leisten. Es war für das Gelingen der Pläne Wilhelm’s wenn nicht absolut nothwendig, doch höchst wichtig, daß seine Schwägerin, welche nach der englischen Thronfolgeordnung zwischen ihm und seiner Gemahlin stand, in vollkommener Übereinstimmung mit ihm handelte. Alle ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten würden bedeutend vergrößert worden sein, wenn Anna sich günstig für die Indulgenz ausgesprochen hätte. Auf welche Seite sie treten würde, hing von dem Willen Anderer ab, denn ihr Verstand war träge, und obgleich in ihrem Character ein erblicher Eigenwille und Starrsinn verborgen lag, welche viele Jahre später durch große Macht und heftige Provocationen zum Vorschein gebracht wurden, so war sie doch zur Zeit die willige Sklavin einer Frau von viel lebhafterem und herrschsüchtigerem Character als der ihrige war. Diese Frau, welche sie völlig beherrschte, war Churchill’s Gattin, ein Weib, die nachmals auf die Geschicke England’s und Europa’s einen großen Einfluß ausübte.

Der Name dieser berühmten Günstlingin war Sara Jennings. Ihre ältere Schwester Franziska hatte sich durch Schönheit und Leichtfertigkeit selbst unter der Masse von schönen Gesichtern und leichtfertigen Characteren ausgezeichnet, welche Whitehall während des wilden Carnevals der Restauration zierten und schändeten. Einmal verkleidete sie sich als Apfelsinenmädchen und rief in den Straßen ihre Früchte aus.[65] Gesetzte Leute meinten, daß ein Mädchen von so wenig Takt- und Schicklichkeitsgefühl nicht leicht einen Gatten finden werde. Sie war indessen zweimal verheirathet und jetzt die Gattin Tyrconnel’s. Sara war nicht so regelmäßig schön als ihre Schwester, aber vielleicht noch anziehender. Ihr Gesicht war ausdrucksvoll, ihre Gestalt entbehrte keines weiblichen Reizes, und die Fülle ihrer schönen Haare, welche noch nicht nach der barbarischen Mode, deren Einführung sie noch erlebte, durch Puder verunziert waren, erfüllten ihre zahlreichen Bewunderer mit Entzücken. Von den Freiern, die sich um ihre Hand bewarben, erhielt der junge, schöne, liebenswürdige, einschmeichelnde, beredte und tapfere Oberst Churchill den Vorzug. Er mußte sie wirklich lieben, denn außer der Leibrente, die er sich für den von der Herzogin von Cleveland erhaltenen schmachvollen Lohn gekauft hatte, besaß er wenig Vermögen, war unersättlich in seiner Gier nach Schätzen, Sara war arm, und es war ihm ein einfaches Mädchen mit einem großen Vermögen angetragen worden. Nach einem kurzen Kampfe trug die Liebe den Sieg über die Habsucht davon, die Ehe verstärkte nur noch seine Leidenschaft, und Sara genoß bis zum letzten Augenblicke seines Lebens das Vergnügen und die Auszeichnung, das einzige menschliche Wesen zu sein, das im Stande war, diesen weitsehenden und sicheren Blick auf sich zu fesseln, das von diesem kalten Herzen heiß geliebt und von diesem unerschrockenen Geiste knechtisch gefürchtet wurde.

Im weltlichen Sinne ward Churchill’s treue Liebe reich belohnt. Bei aller Dürftigkeit brachte seine Braut ihm doch ein Heirathsgut zu, das klug verwendet ihn endlich zum englischen Herzog, zum deutschen Reichsfürsten, zum Oberfeldherrn einer großen Coalition, zum Schiedsrichter zwischen mächtigen Fürsten und was in seinen Augen noch viel mehr werth war, zum reichsten Privatmann von ganz Europa machte. Sie war von früher Kindheit an mit der Prinzessin Anna aufgewachsen und es hatte sich eine innige Freundschaft zwischen den beiden Mädchen gebildet. Im Character glichen sie einander nur wenig. Anna war phlegmatisch und schweigsam. Gegen Diejenigen, die sie liebte, war sie sanft; ihr Zorn äußerte sich nur durch ein mürrisches Schmollen. Sie hatte einen starken religiösen Sinn und war den Gebräuchen und der Verfassung der anglikanischen Kirche mit wahrer Bigotterie zugethan. Sara war lebhaft und redselig, dominirte selbst Diejenigen, die sie am meisten liebte, und wenn sie gekränkt wurde, äußerte sich ihre Wuth durch Thränen und heftige Vorwürfe. Auf Frömmigkeit machte sie keinen Anspruch, ja sie entging sogar kaum der Beschuldigung der Irreligiosität. Sie war jetzt noch nicht das was sie später wurde, nachdem das Glück eine Klasse von Fehlern, das Unglück eine andre vollkommen entwickelt, als Siege und Huldigungen ihr den Kopf verrückt und Mißgeschick und Kränkungen ihren Character verbittert hatten. Sie wurde in ihren späteren Lebensjahren das verächtlichste und erbärmlichste Geschöpf: ein altes Weib, die in beständigem Hader lebte mit ihrem ganzen Geschlecht, mit ihren eigenen Kindern und Enkeln, zwar vornehm und reich, aber Vornehmheit und Reichthum hauptsächlich nur deshalb schätzend, weil dieselben sie in den Stand setzten, der öffentlichen Meinung Hohn zu sprechen und rückhaltlos ihrem Hasse gegen Lebende und Todte zu fröhnen. Unter der Regierung Jakob’s II. galt sie für nichts Schlimmeres als eine schöne, stolze junge Frau, die wohl zuweilen launenhaft und eigensinnig sein konnte, der man aber in Berücksichtigung ihrer Reize ihre Launen gern verzieh.