Es ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung, daß Verschiedenheit der Neigungen und Geistesfähigkeiten keine Hindernisse der Freundschaft sind und daß gerade zwei Herzen, die sich gegenseitig ergänzen, das Band der innigsten Zuneigung umschlingt. Lady Churchill wurde von der Prinzessin Anna geliebt, ja fast angebetet. Die Prinzessin konnte ohne den Gegenstand ihrer romanhaften Zärtlichkeit nicht leben. Sie vermählte sich und wurde eine treue, sogar liebevolle Gattin; aber Prinz Georg, ein beschränkter Mann, dessen Hauptgenüsse die Freuden der Tafel und der Flasche waren, erlangte keinen Einfluß auf sie, der sich mit dem ihrer Freundin vergleichen ließ, und gab sich bald mit stupider Geduld der Herrschaft des heftigen und gebieterischen Geistes hin, von dem seine Gemahlin sich leiten ließ. Das königliche Paar bekam Kinder und Anna entbehrte keineswegs der Gefühle einer Mutter; aber die Liebe zu ihren Kindern war lau im Vergleich mit ihrer hingebenden Zärtlichkeit für ihre Jugendfreundin. Endlich wurde die Prinzessin des Zwanges müde, den die Etikette ihr auferlegte, es war ihr unerträglich, die Worte Madame und Königliche Hoheit aus dem Munde einer Frau zu hören, die ihr mehr war als eine Schwester. In der Gallerie und im Empfangzimmer waren diese Worte nicht zu umgehen, aber im Boudoir wurden sie abgeschafft. Hier hieß Anna Mrs. Morley, Lady Churchill Mrs. Freeman, und unter diesen kindlichen Namen bestand zwanzig Jahre hindurch ein intimer Verkehr zwischen den beiden Freundinnen, von dem schließlich das Schicksal von Regierungen und Dynastien abhing. Bis jetzt hatte jedoch Anna noch keine politische Macht und nur geringen persönlichen Einfluß. Ihre Freundin bekleidete in ihrem Hausstaate das Amt der ersten Kammerdame mit nur vierhundert Pfund Sterling Gehalt. Gleichwohl hat man Grund zu glauben, daß es Churchill schon zu dieser Zeit möglich war, seine vorherrschende Leidenschaft durch den Einfluß seiner Gattin zu befriedigen. Obgleich die Prinzessin ein hohes Einkommen hatte und sehr einfach lebte, so machte sie doch Schulden, die ihr Vater mit einigem Unwillen bezahlte, und man sagte, daß der Grund ihrer finanziellen Verlegenheiten in ihrer verschwenderischen Freigebigkeit gegen ihren Liebling zu suchen sei.[66]

Endlich war die Zeit gekommen, wo diese sonderbare Freundschaft einen großen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausüben sollte. Man war äußerst gespannt darauf, welche Rolle Anna in dem Kampfe, der England erschütterte, spielen werde. Auf der einen Seite stand die Kindespflicht, auf der andren die Interessen der Religion, der sie aufrichtig zugethan war. Ein minder phlegmatischer Character würde zwischen so starken und wichtigen Beweggründen, die ihn nach entgegengesetzten Richtungen hinzogen, gewiß lange geschwankt haben. Der Einfluß der Churchill aber entschied die Frage und ihre Gönnerin wurde ein wichtiges Mitglied des umfassenden Bundes, dessen Oberhaupt der Prinz von Oranien war.

[65.] Mémoires de Grammont; Pepys’s Diary, Feb. 21. 1684/5.

[66.] Es würde mich zu weit führen, wollte ich alle die Werke aufzählen, aus denen ich mein Urtheil über den Character der Herzogin geschöpft habe. Meine Hauptquellen sind ihre eigenen Briefe, ihre „Rechtfertigung“ und die Entgegnungen, welche diese veranlaßte.

Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern nach dem Haag zurück. [Im] Juni 1687 kehrte Dykvelt nach dem Haag zurück. Er überreichte den Generalstaaten ein königliches Schreiben voll Lobeserhebungen über sein Benehmen während seines Aufenthalts in London. Diese Lobeserhebungen waren jedoch nur eine Formalität. In Privatmittheilungen von seiner eigenen Hand beschwerte Jakob sich bitter darüber, daß der Gesandte einen so vertrauten Umgang mit den heftigsten Oppositionsmännern seines Reiches gepflogen und sie in allen ihren Umsturzplänen bestärkt habe. Außerdem brachte Dykvelt auch eine Anzahl Briefe von den ausgezeichnetsten derjenigen Männer mit, mit denen er sich während seines Aufenthalts in London berathen hatte. Die Schreiber dieser Briefe versicherten den Prinzen allgemein ihrer unbegrenzten Verehrung und Hingebung und verwiesen ihn wegen der näheren Darlegung ihrer Ansichten an den Überbringer. Halifax erörterte den Zustand und die Aussichten des Landes mit gewohnter Schärfe und Lebendigkeit, hütete sich aber sorgfältig, für irgend ein gefährliches Verfahren die Verantwortung zu übernehmen. Danby schrieb in einem kühneren und entschlosseneren Tone und konnte sich nicht enthalten, über die Besorgnisse und Bedenklichkeiten seines genialen Nebenbuhlers zu spötteln. Der interessanteste Brief aber war der von Churchill. Er war mit der natürlichen Beredtsamkeit, an der es ihm trotz seines Mangels an höherer Bildung bei wichtigen Anlässen nie fehlte, und mit einem Anstrich von Hochherzigkeit geschrieben, den er sich, so perfid er auch war, mit seltener Geschicklichkeit zu geben verstand. Die Prinzessin Anna, sagte er, habe ihm befohlen, ihre erlauchten Verwandten im Haag zu versichern, daß sie mit Gottes Hülfe fest entschlossen sei, eher ihr Leben zu lassen, als sich eines Glaubensabfalls schuldig zu machen. Was seine Person betreffe, so lege er auf seine Stellen und auf die königliche Gunst einen weit geringeren Werth als auf seine Religion. Er schloß mit der hochtrabenden Erklärung, daß man ihn, obgleich er keinen Anspruch darauf mache, wie ein Heiliger gelebt zu haben, doch vorkommenden Falls bereit finden werde, den Märtyrertod zu sterben.[67]

[67.] Das Formalitätsschreiben, welches Dykvelt den Generalstaaten überbrachte, befindet sich in den Archiven des Haags. Die anderen in diesem Paragraphen erwähnten Briefe giebt Dalrymple im Anhange zu Buch V.

Zulestein’s Sendung. [Dykvelt]’s Sendung hatte einen so glänzenden Erfolg gehabt, daß bald ein neuer Vorwand gefunden war, um einen andren Agenten abzusenden, der das so glücklich begonnene Werk fortsetzen sollte. Der neue Gesandte, nachmals der Gründer eines jetzt erloschenen englischen Adelshauses, war ein illegitimer leiblicher Vetter Wilhelm’s und führte einen der Herrschaft Zulestein entlehnten Namen. Seine Verwandtschaft mit dem Hause Oranien gab Zulestein in den Augen des Publikums ein bedeutendes Ansehen. Sein Benehmen war das eines tapferen Soldaten. In diplomatischen Talenten und Kenntnissen stand er Dykvelt weit nach, aber gerade diese Inferiorität hatte ihre Vortheile. Ein Militair, der sich anscheinend nie um die Politik gekümmert hatte, konnte ohne Verdacht zu erregen mit der englischen Aristokratie einen Verkehr unterhalten, der mit argwöhnischem Auge bewacht worden sein würde, wenn er ein bekannter Meister in der Staatskunst gewesen wäre. Nach kurzer Abwesenheit kehrte Zulestein mit nicht minder wichtigen Briefen und mündlichen Botschaften, als die welche seinem Vorgänger anvertraut worden waren, in sein Vaterland zurück. Von diesem Augenblicke an trat der Prinz mit der Opposition in einen regelmäßigen Briefwechsel. Geschäftsträger verschiedenen Ranges reisten beständig zwischen der Themse und dem Haag hin und her. Der nützlichste von diesen war ein Schotte von einigem Talent und großer Thätigkeit, Namens Johnstone. Er war Burnet’s Vetter und der Sohn eines angesehenen Covenanters, der bald nach der Restauration wegen Hochverraths hingerichtet worden war und von seiner Partei als Märtyrer verehrt wurde.

Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm. [Die] Entfremdung zwischen dem Könige von England und dem Prinzen von Oranien wurde mit jedem Tage vollkommener. Es hatte sich ein ernsthafter Streit in Betreff der sechs britischen Regimenter erhoben, welche im Solde der Vereinigten Provinzen standen. Der König wollte diese Regimenter unter das Commando römisch-katholischer Offiziere stellen, und der Prinz widersetzte sich diesem Ansinnen entschieden. Der König nahm seine Zuflucht zu seinen Lieblingsgemeinplätzen von der Duldung; der Prinz erwiederte daß er nur das Beispiel Seiner Majestät nachahme. Es sei notorisch erwiesen, daß loyale und tüchtige Männer in England lediglich deshalb, weil sie Protestanten waren, aus dem Staatsdienste entlassen worden seien, und dies berechtige den Statthalter und die Generalstaaten doch gewiß dazu, die Papisten von hohen öffentlichen Ämtern auszuschließen. Diese Antwort erbitterte Jakob dermaßen, daß er in seiner Wuth die Wahrhaftigkeit und den gesunden Verstand völlig aus den Augen verlor. Es sei nicht wahr, behauptete er mit Heftigkeit, daß er irgend Jemanden jemals aus religiösen Gründen abgesetzt habe. Und wenn er es wirklich gethan hätte, was ginge es dann dem Prinzen oder die Generalstaaten an? Wären sie etwa seine Herren? wären sie befugt, sich zu Richtern über die Handlungen fremder Fürsten aufzuwerfen? Von jetzt an wünschte er seine in holländischen Diensten stehenden Unterthanen zurückzuberufen, denn er glaubte durch diese Maßregel sich selbst zu verstärken und seine schlimmsten Feinde zu schwächen. Es traten ihm jedoch finanzielle Schwierigkeiten entgegen, die er unmöglich übersehen konnte. Die Zahl der bereits von ihm unterhaltenen Truppen war schon so groß, als es seine Einkünfte nur irgend zuließen, obgleich dieselben die aller seiner Vorgänger weit überstiegen und mit großer Sparsamkeit verwaltet wurden. Wenn aber die jetzt in Holland stehenden Bataillone noch zu dem vorhandenen Etat kamen, so war die Staatskasse bankerott. Vielleicht ließ Ludwig sich bewegen, sie in seinen Dienst zu nehmen. In diesem Falle wurden sie aus einem Lande entfernt, wo sie dem verderblichen Einflusse einer republikanischen Regierung und einer calvinistischen Kirchenverfassung ausgesetzt waren, und kamen in ein Land, wo Niemand die Autorität des Monarchen und die Lehren der wahren Kirche zu bestreiten wagte. Die Soldaten würden dann bald alle politische und religiöse Ketzerei wieder verlernen, ihr Landesfürst konnte zu jeder Zeit binnen kurzer Frist über ihre Hülfe verfügen und sich unter allen Umständen auf ihre Treue verlassen.

Es wurden zwischen Whitehall und Versailles Unterhandlungen in dieser Angelegenheit eröffnet. Ludwig hatte soviel Soldaten als er brauchte, und wäre es auch anders gewesen, so würde er dennoch keine Lust gehabt haben, englische Truppen in Dienst zu nehmen, da der englische Sold, so niedrig er unsrer Generation erscheinen muß, doch viel höher war als der französische. Auf der andren Seite aber hätte er Wilhelm sehr gern um eine so schöne Brigade geschwächt. Nach einer mehrwöchentlichen Correspondenz wurde Barillon zu der Erklärung ermächtigt, daß, wenn Jakob die britischen Truppen aus Holland zurückriefe, Ludwig die Unterhaltungskosten für zweitausend Mann in England übernehmen wolle. Jakob nahm dieses Anerbieten mit dem wärmsten Danke an. In Folge des getroffenen Arrangements ersuchte er die Generalstaaten um Rücksendung der sechs Regimenter. Die Generalstaaten aber, welche Wilhelm ganz nach seinem Willen leitete, antworteten, daß ein solches Verlangen unter den obwaltenden Umständen durch die bestehenden Verträge nicht gerechtfertigt werde, und weigerten sich entschieden, demselben zu entsprechen. Es ist bemerkenswerth, daß Amsterdam, welches für Zurückhaltung dieser Truppen in Holland gestimmt hatte, als Jakob ihrer gegen die Insurgenten im Westen bedurfte, jetzt heftig für die Erfüllung seines Verlangens stritt. In beiden Fällen beabsichtigten die Behörden dieser großen Stadt nichts weiter, als dem Prinzen von Oranien zu opponiren.[68]