[68.] Sunderland an Wilhelm, 24. Aug. 1686; Wilhelm an Sunderland, 2.(12.) Sept. 1686; Barillon, 6.(16.) Mai, 26. Mai (5. Juni), 3.(13.) Oct., 28. Nov. (8. Dec.) 1687; Ludwig an Barillon, 14.(24.) Oct. 1687; Memorial von Albeville, 15.(25.) Dec. 1687; Jakob an Wilhelm, 17. Jan., 16. Feb., 2. u. 13. März 1688: Avaux, 1.(11.), 6.(16.), 8.(18.) März, 22. März (1. April) 1688.

Einfluß der holländischen Presse. [Die] holländischen Waffen waren jedoch für Jakob kaum so gefährlich als die holländische Presse. Fast täglich erschienen im Haag englische Bücher und Flugschriften gegen die Regierung, und keine Wachsamkeit konnte es verhindern, daß viele Tausende von Exemplaren in die an der Nordsee gelegenen Grafschaften eingeschmuggelt wurden. Unter diesen Schriften zeichnete sich besonders eine durch ihre Wichtigkeit und durch den Eindruck, den sie machte, aus. Jedermann, der mit den öffentlichen Angelegenheiten vertraut war, kannte die Ansicht des Prinzen und der Prinzessin von Oranien in Betreff der Indulgenz; da aber keine officielle Erklärung dieser Ansicht erschienen war, so wurden Viele, denen gute Privatquellen nicht zugänglich waren, durch die Zuversicht, mit der die Anhänger des Hofes behaupteten, daß Ihre Hoheiten die letzten Maßregeln des Hofes billigten, getäuscht oder verwirrt gemacht. Es würde ein sehr einfacher und naheliegender Weg gewesen sein, diese Behauptungen öffentlich zu widerlegen, wenn Wilhelm keinen andren Zweck gehabt hätte, als seinen Einfluß in England zu befestigen. Allein er betrachtete England hauptsächlich als das zur Ausführung seines großen europäischen Planes nöthige Werkzeug. Er hoffte für diesen Plan die Mitwirkung der beiden Linien des Hauses Österreich, der italienischen Fürsten und selbst des Papstes zu gewinnen, und er hatte Grund zu der Befürchtung, daß jede die britischen Protestanten befriedigende Erklärung in Madrid, Wien, Turin und Rom Besorgniß und Unwillen erregen könnte. Deshalb enthielt sich der Prinz lange jeder officiellen Äußerung seiner Gesinnungen. Endlich aber wurde er darauf aufmerksam gemacht, daß sein beharrliches Stillschweigen unter den ihm Wohlwollenden viel Besorgniß und Mißtrauen erweckt habe und daß es hohe Zeit sei, sich offen auszusprechen. Er beschloß daher, sich zu erklären.

Stewart’s und Fagel’s Correspondenz. [Ein] schottischer Whig, Namens Jakob Stewart, war vor einigen Jahren nach Holland geflüchtet, um dem spanischen Stiefel und dem Galgen zu entgehen, und er war mit dem Großpensionär Fagel befreundet worden, der das Vertrauen und die Gunst des Statthalters in hohem Grade besaß. Stewart war der Verfasser des heftigen und gehässigen Manifestes von Argyle. Als die Indulgenz erschien, erkannte Stewart, daß sich ihm die Gelegenheit darbot, nicht nur Begnadigung, sondern noch obendrein eine Belohnung zu erlangen. Er bot der Regierung, deren Feind er gewesen war, seine Dienste an, diese wurden angenommen und er schrieb an Fagel einen Brief, zu dem er angeblich von Jakob selbst beauftragt war. In diesem Briefe wurde der Großpensionär dringend aufgefordert, seinen ganzen Einfluß bei dem Prinzen und der Prinzessin aufzubieten, um sie zur Unterstützung der Politik ihres Vaters zu bewegen. Nach einiger Zeit schickte Fagel eine tief durchdachte und ausgezeichnet geschriebene Erwiederung ein. Wer dieses interessante Dokument liest, muß bemerken, daß es zwar in einer Weise abgefaßt ist, welche geeignet war, die englischen Protestanten zu beruhigen und ihnen zu gefallen, dennoch aber kein Wort enthält, das selbst dem Vatikan Anstoß hätte geben können. Es war darin gesagt, daß Wilhelm und Marie mit Vergnügen zur Abschaffung jedes Gesetzes mitwirken würden, welches über irgend einen Engländer seiner religiösen Überzeugung wegen Strafe verhänge. Aber zwischen Strafen und Ausschließungen war ein Unterschied gemacht. Katholiken zu Staatsämtern zuzulassen, könne nach der Ansicht Ihrer Hoheiten weder im allgemeinen Interesse Englands, noch im Interesse der Katholiken selbst liegen. Dieses Manifest wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war auf dem Continent weit verbreitet. Von der durch Burnet besorgten englischen Ausgabe wurden nahe an funfzigtausend Exemplare in die östlichen Grafschaften eingeführt und rasch über das ganze Land verbreitet. Nie hat eine Staatsschrift einen vollständigeren Erfolg gehabt. Die Protestanten unsrer Insel priesen die männliche Entschiedenheit, mit der Wilhelm erklärte, daß er es nicht gutheißen könne, die Papisten Antheil an der Regierung nehmen zu lassen. Den katholischen Fürsten auf der andren Seite gefiel der milde und gemäßigte Ton, in welchem diese Erklärung gehalten war, sowie die ihnen eröffnete Aussicht, daß unter seiner Regierung kein Mitglied ihrer Kirche um seines Glaubens willen belästigt werden würde.

Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom. [Es] ist wahrscheinlich, daß der Papst selbst einer von Denen war, die den berühmten Brief mit Vergnügen lasen. Einige Monate zuvor hatte er Castelmaine auf eine Art entlassen, welche wenig Rücksicht auf die Gesinnungen des Königs zeigte. Innocenz war mit der ganzen inneren und äußeren Politik der englischen Regierung durchaus nicht zufrieden. Er sah, daß die ungerechten und unklugen Maßregeln der jesuitischen Cabale viel eher dazu beitrugen, das Fortbestehen der Strafgesetze als die Abschaffung des Testes zu bewirken. Sein Streit mit dem Hofe von Versailles wurde mit jedem Tage ernsthafter, und er konnte weder als weltlicher Fürst, noch als Oberhaupt der katholischen Kirche für einen Vasallen dieses Hofes eine herzliche Freundschaft fühlen. Castelmaine war nicht geeignet, diesen Widerwillen zu beseitigen. Er kannte zwar für einen Laien Rom ziemlich gut und war auch in der theologischen Polemik gründlich bewandert,[69] besaß aber durchaus nicht das Geschick, welches sein Posten erforderte, und wenn er auch der talentvollste Diplomat gewesen wäre, so würde doch ein Umstand ihn für die besondere Mission, mit der er betraut war, untauglich gemacht haben. Er war in ganz Europa als der Gatte des schamlosesten Weibes bekannt, und als weiter nichts. Man konnte unmöglich mit ihm oder von ihm sprechen, ohne daran zu denken, wie er zu dem Titel gekommen war, bei dem er genannt wurde. Dieser Umstand würde wenig auf sich gehabt haben, wenn er an einem sittenlosen Hofe accreditirt gewesen wäre, wie zum Beispiel bei dem, an welchem unlängst die Herzogin von Montespan das Regiment geführt hatte. Aber es war offenbar ein grober Mißgriff, ihn mit einem Auftrage mehr geistlichen als weltlichen Characters an einen Papst von patriarchalischer Sittenstrenge zu senden. Die Protestanten von ganz Europa spöttelten darüber, und Innocenz, der ohnehin schon gegen die englische Regierung eingenommen war, betrachtete die ihm mit so großer Gefahr und so großen Kosten erzeigte Aufmerksamkeit als nicht viel besser denn eine Beleidigung. Der Gehalt des Gesandten war auf hundert Pfund die Woche festgesetzt. Castelmaine klagte, daß dies zu wenig sei und daß das Dreifache dieses Betrags kaum ausreichen werde. Denn in Rom bemühten sich die Gesandten aller großen Continentalmächte einander vor den Augen eines Volks, das durch den beständigen Anblick prächtiger Gebäude, Decorationen und Ceremonien verwöhnt war, im Glanz zu überbieten. Er erklärte stets, daß er bei seiner Gesandtschaft Geld zusetzen müsse. Es waren ihm mehrere junge Adelige aus den vornehmsten katholischen Familien Englands, wie die Ratcliffe, die Arundell und Tichborne, beigegeben, und er bewohnte in Rom den Palast der Familie Pamfili an dem prächtigen Navonaplatze. Eine Privatunterredung mit Innocenz wurde ihm bald bewilligt, die officielle Audienz aber wurde lange hinausgeschoben. Castelmaine’s Vorbereitungen zu diesem wichtigen Acte waren so prachtvoll, daß sie, obgleich schon zu Ostern 1686 begonnen, im darauffolgenden November noch nicht beendigt waren, und im November bekam der Papst einen wirklichen oder angeblichen Gichtanfall, der einen weiteren Aufschub verursachte. Im Januar 1687 endlich fand die feierliche Vorstellung und Aufwartung mit ungewöhnlichem Pompe statt. Die Staatswagen, welche zu der Auffahrt in Rom gebaut wurden, waren so prächtig, daß man sie für werth hielt, der Nachwelt in schönen Abbildungen überliefert und von Dichtern in mehreren Sprachen besungen zu werden.[70] Die Façade des Gesandtschaftspalastes wurde an diesem hochwichtigen Tage mit geschmacklosen allegorischen Gemälden von riesenhafter Größe decorirt. Man sah hier den heiligen Georg mit dem Fuße auf dem Nacken des Titus Oates, und Herkules, wie er mit seiner Keule den protestantischen Tischler College zu Boden schlägt, der sich vergebens mit seinem Flegel zu vertheidigen sucht. Nach dieser öffentlichen Schaustellung lud Castelmaine alle damals in Rom anwesenden Notabilitäten zu einem Bankett in dem freundlichen und prächtigen Saale ein, den Peter von Cortona mit Gemälden von Scenen aus der Aeneide geschmückt hat. Die ganze Stadt drängte sich zu dem Schauspiele und nur mit Mühe konnte eine Compagnie der Schweizergarde die Ordnung unter den Zuschauern aufrechterhalten. Die Kavaliere des päpstlichen Hofstaates gaben hierauf ihrerseits dem Gesandten glänzende Gastmähler, und Dichter und Literaten überhäuften seinen Gebieter mit abgeschmackten und hyperbolischen Schmeicheleien, wie sie da am meisten floriren, wo Genie und Geschmack am tiefsten gesunken sind. An der Spitze der Schmeichler stand ein gekröntes Haupt. Mehr als dreißig Jahre waren verflossen, seit Christine, die Tochter des großen Gustav Adolph, freiwillig vom schwedischen Throne herabgestieqen war. Nach langen Wanderungen, während denen sie viele Thorheiten und Verbrechen begangen, hatte sie endlich in Rom ihren bleibenden Aufenthalt genommen, wo sie sich mit astrologischen Berechnungen und mit den Intriguen des Conclave beschäftigte und sich nebenbei mit Gemälden, Gemmen, Handschriften und Münzen die Zeit vertrieb. Jetzt dichtete sie einige italienische Stanzen zu Ehren des englischen Fürsten, der, wie sie selbst, einem Geschlecht von Königen entsprossen, welche zu ihrer Zeit als die Vorkämpfer der Reformation betrachtet wurden, sich, gleich ihr, mit der alten Kirche wieder ausgesöhnt hatte. Sie gab eine glänzende Gesellschaft in ihrem Palaste. Ihre in Musik gesetzten Verse wurden unter allgemeinem Beifalle vorgetragen und einer ihrer literarischen Günstlinge hielt über denselben Gegenstand eine Rede in so blühendem Style, daß er den Geschmack der englischen Zuhörer beleidigt zu haben scheint. Die dem Papste feindlich gesinnten, den Interessen Frankreichs ergebenen Jesuiten, denen jede Gelegenheit, Jakob Ehre zu erzeigen, willkommen war, empfingen den englischen Gesandten mit möglichstem Gepränge in dem fürstlichen Hause, wo die Überreste des Ignatius Loyola in einem Schrein von Lasurstein und Gold aufbewahrt werden. Bildhauerkunst, Malerei, Poesie und Beredtsamkeit wurden aufgeboten, um den Fremden zu bewillkommnen; aber alle diese Künste lagen tief im Argen. Es wurde viel schwülstige und unedle Latinität entfaltet, die eines so gelehrten Ordens unwürdig war, und einige von den die Wände zierenden Inschriften zeigten noch schlimmere Fehler als schlechten Styl. An einer Stelle war gesagt, daß Jakob seinen Bruder als Boten zum Himmel gesandt habe, an einer andren, daß Jakob die Schwingen geliefert, welche seinen Bruder in eine höhere Region emporgetragen. Außerdem gab es ein noch viel unglücklicheres Distichon, welches damals wenig beachtet wurde, dessen man aber einige Monate später mit boshaften Auslegungen gedachte. „O König,“ sagte der Dichter, „seufze nicht länger nach einem Sohne. Mag auch die Natur Deinen Wunsch nicht erfüllen, die Sterne werden Mittel finden, um ihn zu befriedigen.“

Inmitten dieser Festlichkeiten erfuhr Castelmaine schwere Kränkungen und Demüthigungen. Der Papst behandelte ihn mit äußerster Kälte und Zurückhaltung. So oft der Gesandte ihn um eine Antwort auf das zu Gunsten Petre’s gestellte Anliegen bat, bekam Innocenz einen heftigen Hustenanfall, der dem Gespräch ein Ende machte. Ganz Rom unterhielt sich von diesen sonderbaren Audienzen. Pasquino schwieg nicht und die ganze neugierige und geschwätzige Bevölkerung der müßigsten aller Städte, mit alleiniger Ausnahme der Jesuiten und der Prälaten der französischen Faction, lachte über Castelmaine’s verunglückte Mission. Sein von Natur unfreundlicher Character wurde bald auf’s Heftigste erbittert und er verbreitete eine Denkschrift mit Betrachtungen über den Papst. Dadurch gerieth er in eine schiefe Stellung, der kluge Italiener hatte einen Vortheil gewonnen und er ließ sich denselben nicht wieder entreißen. Er erklärte gerade heraus, die Regel, welche die Jesuiten von kirchlichen Würden ausschließe, dürfe zu Gunsten Petre’s nicht übertreten werden. Der immer mehr gereizte Castelmaine drohte jetzt Rom zu verlassen. Innocenz erwiederte ihm mit sanfter Impertinenz, die um so kränkender war, weil sie sich kaum von treuherziger Einfalt unterscheiden ließ. Seine Excellenz könne gehen, wenn es ihm beliebe. „Wenn wir ihn aber verlieren müssen,“ setzte der ehrwürdige Pontifex hinzu, „so hoffe ich wenigstens, daß er unterwegs seine Gesundheit schonen wird. Ein Engländer weiß nicht, wie gefährlich es ist, hier zu Lande während der Tageshitze zu reisen. Man thut am besten, wenn man vor Tagesanbruch aufbricht und zu Mittag Rast macht.“ Mit diesem wohlmeinenden Rathe und einem Rosenkranze wurde der unglückliche Gesandte entlassen. Wenige Monate darauf erschien eine pomphafte Geschichte seiner Sendung in einer prachtvollen Folioausgabe mit Kupferstichen in italienischer und englischer Sprache. Das Titelkupfer zeigte zum großen Ärgerniß aller Protestanten Castelmaine in der Peersrobe und mit der Adelskrone in der Hand, wie er Innocenz den Fuß küßt.[71]

[69.] Adda, 9.(19.) Nov. 1685.

[70.] Der Professor der griechischen Sprache am Kollegium De Propaganda Fide machte seiner Bewunderung in einigen abscheulichen Hexametern und Pentametern Luft, von denen folgende Probe genügen mag:

Ρωγερίου δὴ σκεψόμενος λαμπροῖο θρίαμβον,

Ὦκα μάλ’ ἤϊσσεν καὶ θέεν ὄχλος ἅπας·

Θαυμάζουσα δὲ τὴν πομπὴν, παγχρύσεά τ’ αὐτοῦ