Die akademischen Würdenträger, zwischen der Ehrerbietung gegen den König und der Achtung vor dem Gesetz schwankend, waren in großer Verlegenheit. Es wurden in aller Eile Boten an den Herzog von Albemarle gesandt, der Monmouth’s Nachfolger als Kanzler der Universität war, und er wurde dringend ersucht, dem Könige die Sache in geeigneter Weise vorzustellen. Unterdessen begaben sich der Registrator und die Pedelle zu Francis und erklärten ihm, daß er sogleich aufgenommen werden solle, wenn er die gesetzlich vorgeschriebenen Eide leiste. Er weigerte sich dessen, machte den Beamten Vorwürfe wegen ihrer Nichtachtung des königlichen Befehls, und da sie nicht nachgaben, reiste er auf der Stelle wieder ab, um sich in Whitehall zu beschweren.

Die Vorsteher der Collegien versammelten sich zu einer Berathung. Die Gutachten der ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten wurden abgehört und sie sprachen sich entschieden zu Gunsten des beobachteten Verfahrens aus. Aber schon war ein zweites hochmüthiges und drohendes Schreiben von Sunderland unterwegs. Albemarle antwortete der Universität unter vielen Versicherungen seiner Theilnahme und seines Bedauerns, daß er alles Mögliche gethan habe, aber vom Könige sehr kalt und unfreundlich aufgenommen worden sei. Der akademische Körper, durch die königliche Ungnade erschreckt und von dem aufrichtigen Willen beseelt, den Wünschen Seiner Majestät nachzukommen, dabei aber auch fest entschlossen, das klare Gesetz des Landes nicht zu verletzen, unterbreitete die bescheidensten und ehrerbietigsten Auseinandersetzungen, aber ohne Erfolg. Bald darauf kam eine Vorladung, welche den Vicekanzler und den Senat auf den 24. April vor die Hohe Commission nach Westminster beschied. Der Vicekanzler sollte in Person erscheinen, der Senat, der aus allen Doctoren und Magistern der Universität besteht, eine Deputation senden.

Der Earl von Mulgrave. [Als] der festgesetzte Tag erschien, füllte sich der Sitzungssaal mit einer großen Zuschauermenge. Jeffreys fungirte als Präsident der Commission. Rochester war, seit ihm der weiße Stab abgenommen worden, nicht mehr Mitglied, anstatt seiner erschien der Lordkammerherr Johann Sheffield, Earl von Mulgrave. Das Schicksal dieses Edelmanns glich in einer Beziehung dem seines Collegen Sprat. Mulgrave schrieb Verse, die sich kaum über die absolute Mittelmäßigkeit erhoben, da er aber ein in den politischen und vornehmen Kreisen hochangesehener Mann war, so fanden seine Verse doch Bewunderer. Die Zeit zerstörte den Zauber, zu seinem Unglücke aber erst nachdem seine Gedichte bereits ein unveräußerliches Recht auf eine Stelle in allen Sammlungen englischer Dichtungswerke erlangt hatten. Dennoch werden bis auf den heutigen Tag seine, abgeschmackten Reimereien und seine jämmerlichen Lieder an Amoretta und Gloriana in Gesellschaft des „Comus“ und des „Festes Alexander’s“ immer wieder gedruckt. Die Folge davon ist, daß unsre Generation Mulgrave hauptsächlich als einen Dichterling kennt und ihn als solchen verachtet. Er war jedoch, wie selbst Diejenigen zugaben, die ihn weder liebten noch achteten, ein durch schöne Talente ausgezeichneter Mann und in der parlamentarischen Beredtsamkeit stand er kaum einem Redner seiner Zeit nach. Dagegen verdiente sein moralischer Character keine Achtung. Er war ein Wüstling, aber ohne jene Offenheit des Herzens und der Hand, welche zuweilen auch die Ausschweifung liebenswürdig, und ein stolzer Aristokrat ohne jene Hoheit der Denkungsart, welche zuweilen den aristokratischen Hochmuth achtungswerth macht. Die damaligen Satiriker gaben ihm den Spottnamen Lord Allpride (Ganzstolz). Sein Stolz vertrug sich indessen mit allen schmachvollen Lastern. Viele wunderten sich darüber, wie ein Mann, der ein so übertriebenes Gefühl seiner Würde zur Schau trug, in Geldangelegenheiten so zäh und knauserig sein konnte. Er hatte der königlichen Familie großes Ägerniß dadurch gegeben, daß er den Gedanken zu hegen wagte, das Herz und die Hand der Prinzessin Anna zu erobern. In dieser Hoffnung getäuscht, hatte er sich bemüht, durch kriechende Gemeinheit die durch Anmaßung verwirkte Gunst wieder zu gewinnen. Seine von ihm selbst verfaßte Grabschrift sagt noch heute jedem Besucher der Westminsterabtei, daß er in religiösen Dingen als Zweifler lebte und starb, und aus seinen hinterlassenen Memoiren ersehen wir, daß der römische Aberglaube ein Lieblingsthema seines Spottes war. Dennoch begann er unmittelbar nach Jakob’s Regierungsantritt eine starke Hinneigung zum Papismus zu zeigen und gerirte sich endlich privatim als Convertit. Der Lohn für diese verworfene Heuchelei war seine Anstellung bei der Hohen Commission.[8]

Vor diesem gefürchteten Tribunal erschien jetzt der Vicekanzler der Universität Cambridge, Doctor Johann Pechell. Er selbst war kein Mann von ausgezeichneter Befähigung und Energie, aber es begleiteten ihn acht vom Senat gewählte vorzügliche Akademiker. Einer davon war Isaak Newton, Fellow des Trinity-Collegiums und Professor der Mathematik. Sein Genie stand damals in seiner vollsten Kraft. Das große Werk, welches ihm die erste Stelle unter den Geometern und Naturforschern aller Zeiten und aller Nationen sichert, wurde seit einiger Zeit unter der Sanction der Königlichen Societät gedruckt und war seiner Vollendung nahe. Er war der entschiedenste Freund der bürgerlichen Freiheit und der protestantischen Religion, aber seine Gewohnheiten machten ihn für die Kämpfe des praktischen Lebens durchaus nicht geeignet. Er verharrte daher in bescheidenem Stillschweigen unter den Delegirten und überließ anderen Männern, welche im Geschäftsleben mehr bewandert waren, die Aufgabe, seine geliebte Universität zu vertheidigen.

Es konnte keinen klareren Rechtsfall geben. Das Gesetz ließ keinen Zweifel zu und die Praxis hatte fast stets im Einklang mit dem Gesetz gestanden. Es konnte vielleicht schon vorgekommen sein, daß an einem besonders feierlichen Tage, wo viele Ehrengrade verliehen wurden, in der Menge Einer durchgeschlüpft war, der die Eide nicht abgelegt hatte; aber eine solche Unregelmäßigkeit, lediglich die Folge der Eil und Unachtsamkeit, konnte nicht als Vorgang geltend gemacht werden. Fremde Gesandte verschiedener Glaubensrichtungen, insbesondere ein Muselmann, waren ohne die Eide aufgenommen worden. Aber es war eine große Frage, ob solche Fälle im Bereiche der Ansicht und des Geistes der betreffenden Parlamentsverordnungen lagen. Es war nicht einmal behauptet worden, daß schon einmal Jemand, dem die Eide angesonnen wurden und der sie nicht leisten wollte, einen akademischen Grad erlangt habe, und in dieser Lage befand sich Francis. Die Delegirten erboten sich zu beweisen, daß unter der vorigen Regierung mehrere königliche Befehle unberücksichtigt geblieben waren, weil die empfohlenen Personen sich dem Gesetz nicht hatten fügen wollen, und daß die Regierung sich in solchen Fällen stets bei dem Verfahren der Universität beruhigt habe, da sie es als das richtige anerkennen mußte. Jeffreys aber wollte von nichts hören. Er kam bald dahinter, daß der Vicekanzler ein schwacher, unerfahrener und schüchterner Mann war und ließ daher der ganzen Unverschämtheit, welche so lange der Schrecken der Old Bailey gewesen war, freien Lauf. Der unglückliche Doctor, der an ein solches Auditorium und an eine solche Behandlung nicht gewöhnt war, wurde bald so eingeschüchtert, daß er gänzlich die Fassung verlor. Sobald andere zur Verfechtung ihrer Sache besser befähigte Akademiker das Wort ergreifen wollten, wurden sie auf die unsanfteste Weise zum Schweigen gebracht. „Sie sind nicht Vicekanzler; wenn Sie es einmal sein werden, dann mögen Sie sprechen, bis dahin aber geziemt es Ihnen, den Mund zu halten.“ Die Angeklagten wurden, ohne gehört worden zu sein aus dem Gerichtssaale gewiesen. Nach einer Weile wurden sie wieder hereingerufen und ihnen kundgethan, daß die Commission beschlossen habe, Pechell seiner Würde als Vicekanzler zu entheben und ihm alle Einkünfte vorzuenthalten, die er als Vorsteher eines Collegiums bezog und welche ganz den Character eines unantastbaren Eigenthums hatten. „Sie, meine Herren,“ sagte Jeffreys zu den Delegirten, „sind größtentheils Theologen, und ich will Sie daher mit einer Stelle aus der Schrift heimschicken: „Gehet hin und sündigt fortan nicht mehr, damit Euch nicht etwas Ärgeres widerfahre.“[9]

[8.] Mackay’s Character of Sheffield nebst Swift’s Note; Satire on the Deponents, 1688; Life of John, Duke of Buckinghamshire, 1729; Barillon, 30. Aug. 1687. Ich besitze ein handschriftliches Spottgedicht aus Mulgrave von 1690, das nicht ohne Witz ist. Die bemerkenswerthesten Zeilen sind diese:

Heut’ schmeichelt er dem Peters (Petre), morgen dem Burnet.

Fragt nicht nach Glauben und Partei, denn alle sind ihm gleich.

[9.] Siehe den Prozeß gegen die Universität Cambridge in der Collection of State Trials.

Zustand Oxford’s. [Man] sollte meinen, daß dieses Verfahren ungerecht und willkürlich genug war. Aber der König hatte schon angefangen, Oxford mit einer Strenge zu behandeln, im Vergleich zu welcher die gegen Cambridge bewiesene Milde genannt werden konnte. Schon war das University-Collegium durch Obadja Walker in ein römisch-katholisches Seminar verwandelt, schon stand das Christchurch-Collegium unter der Leitung eines römisch-katholischen Dechanten, schon wurde in diesen beiden Collegien täglich Messe gelesen. Die ruhige, majestätische Stadt, so lange das Bollwerk des monarchischen Prinzips, war von Leidenschaften aufgeregt, die sie bisher nie gekannt hatte. Die Untergraduirten verhöhnten mit stillschweigender Erlaubniß ihrer Vorgesetzten die Mitglieder von Walker’s Gemeinde und sangen Spottlieder unter ihren Fenstern. Einige Bruchstücke von den Serenaden, welche damals in High Street die Ruhe störten, sind der Nachwelt erhalten worden; der Refrain einer Ballade lautet: