„Der alte Obadja
singt Ave Maria.“
Als die Schauspieler nach Oxford kamen, äußerte sich die öffentliche Meinung noch stärker. Es wurde Howard’s „Comité“ gegeben. Dieses bald nach der Restauration geschriebene Stück stellte die Puritaner in einem gehässigen und verächtlichen Lichte dar und war deshalb seit einem Vierteljahrhundert ein Lieblingsstück des oxforder Publikums. Jetzt war es beliebter als je zuvor, denn ein glücklicher Zufall wollte, daß eine der Hauptrollen ein alter Heuchler Namens Obadja war. Das Publikum brach in einen Beifallsjubel aus, als Obadja in der letzten Scene mit einem Strick um den Hals hereingeschleppt wurde, und der Applaus nahm zu, als einer der Schauspieler, von dem vorgeschriebenen Texte abweichend, ankündigte, daß Obadja wegen Glaubenabfalls gehängt werden solle. Der König war höchlich entrüstet über diesen Hohn. Die Stimmung der Universität war so rebellisch, daß eines der neu errichteten Regimenter, das welches gegenwärtig das zweite Gardedragonerregiment heißt, nach Oxford versetzt wurde, um einen Aufstand zu verhindern.[10]
Diese Vorgänge hätten Jakob überzeugen können, daß er einen Weg eingeschlagen hatte, der ihn ins Verderben führen mußte. An das Geschrei der Londoner war er schon längst gewöhnt. Es war zuweilen ungerechterweise, zuweilen vergebens gegen ihn erhoben worden; er hatte demselben wiederholt getrotzt und konnte ihm auch fernerhin trotzen. Daß aber Oxford, der Sitz der Loyalität, das Hauptquartier der Kavalierarmee, der Ort, wohin sein Vater und sein Bruder ihren Hof verlegten, wenn sie sich in ihrer stürmisch bewegten Hauptstadt nicht mehr sicher glaubten, der Ort, wo die Schriften der großen republikanischen Lehrer unlängst den Flammen überliefert worden waren, daß diese Stadt sich jetzt in einer unzufriedenen Gährung befand und die muthigen Jünglinge, die sich vor wenigen Monaten so eifrig als Freiwillige gemeldet hatten, um gegen die Insurgenten im Westen zu marschiren, jetzt nur mit Mühe durch Säbel und Karabiner im Schach gehalten wurden: das waren Zeichen von schlimmer Vorbedeutung für das Haus Stuart. Doch der abgestumpfte, starrsinnige und eigenwillige Tyrann beachtete den Warnungsruf nicht. Er hatte sich einmal vorgenommen, seiner Kirche die reichsten und glänzendsten Stiftungen Englands zu verschaffen. Umsonst machten ihm die besseren und verständigeren seiner römisch-katholischen Rathgeber Vorstellungen. Sie erklärten ihm, daß er der Sache seiner Religion viel nützen könne, ohne die Eigenthumsrechte zu verletzen. Eine Bewilligung von jährlich zweitausend Pfund aus seiner Privatchatulle würde hinreichen, um ein Jesuitencollegium in Oxford zu unterhalten, und diese Summe könne er leicht verschmerzen. Ein solches Collegium, mit tüchtigen, gelehrten und eifrigen Lehrern ausgestattet, würde ein gefährlicher Nebenbuhler für die alten akademischen Anstalten werden, welche nur zu deutliche Symptome einer von Reichthum und Sicherheit unzertrennlichen Erschlaffung zeigten. König Jakob’s Collegium würde bald selbst von den Protestanten hinsichtlich der Wissenschaften sowohl als auch der moralischen Zucht als die erste Bildungsanstalt der Insel anerkannt werden. Dies würde der wirksamste und zugleich glimpflichste Weg sein, um die anglikanische Kirche zu demüthigen und die römische zu Ansehen zu bringen. Der Earl von Ailesbury, einer der ergebensten Diener des königlichen Hauses, erklärte, daß er, obgleich Protestant und nicht reich, lieber selbst einen Beitrag von tausend Pfund zu diesem Zwecke hergeben wolle, als daß sein Gebieter die Eigenthumsrechte verletze und sein der Staatskirche gegebenes Wort breche.[11] Der Plan fand jedoch keinen Beifall in den Augen des Königs. Allerdings entsprach er auch in mehr als einer Beziehung seinem unfreundlichen Character nicht. Denn es machte ihm Vergnügen, den Sinn der Menschen zu beugen und zu brechen, und von seinem Gelde konnte er sich nur schwer trennen. Was er auf seine Kosten zu unternehmen nicht hochherzig genug war, das beschloß er auf Kosten Anderer durchzuführen. Wenn er einmal etwas begonnen hatte, so hielt sein Stolz und sein Starrsinn ihn ab, wieder zurückzutreten, und er ließ sich endlich Schritt für Schritt zu Handlungen türkischer Tyrannei verleiten, zu Handlungen, welche die Nation zu der Überzeugung bringen mußten, daß das Vermögen eines protestantischen Freisassen Englands unter einem römisch-katholischen König ebenso unsicher war, wie das eines Griechen unter der Herrschaft eines Moslem.
[10.] Wood’s Athenae Oxonienses; Apology for the Life of Colley Cibber; Citters, 2.(12.) März 1686.
[11.] Burnet, I. 697; Brief von Lord Ailesbury, abgedruckt im European Magazine, April 1795.
Das Magdalenen-Collegium in Oxford. [Das] Magdalenen-Collegium, gegründet im funfzehnten Jahrhundert von Wilhelm von Waynflete, Bischof von Winchester und Lordgroßkanzler, war eine der hervorragendsten unserer akademischen Institute. Ein schlanker Thurm, auf dessen Zinnen alljährlich am Morgen des ersten Mai von Choristen eine lateinische Hymne gesungen wurde, fesselte schon von weitem die Aufmerksamkeit des von London her kommenden Reisenden. Wenn er sich näherte, bemerkte er, daß dieser Thurm sich von einem mit Zinnen versehenen, zwar niedrigen und unregelmäßigen, aber doch sehr ehrwürdig aussehenden Gebäude erhob, das von Bäumen beschattet und von den trägen Fluthen des Chervell bespült wurde. Er trat durch einen Thorweg,[12] über dem eine stattliche Gallerie hinlief, in einen geräumigen Kreuzgang, der mit Emblemen der Tugenden und Laster, von den Bildhauern des funfzehnten Jahrhunderts roh in grauen Stein gemeißelt, verziert war. Der Tisch der Gesellschaft wurde in einem mit Gemälden und phantastischem Schnitzwerk reich ausgestatteten Refectorium gedeckt. Der Gottesdienst wurde früh und Abends in einer Kapelle gehalten, die von den Reformers und den Puritanern viel zu leiden gehabt hatte, aber trotz alledem ein wunderschönes Bauwerk war, das in unseren Tagen mit seltenem Geschmack und Geschick restaurirt worden ist. Die großen Gartenanlagen am Ufer des Flusses zeichneten sich durch hohe Bäume aus, unter denen ein Wunder der Pflanzenwelt unsrer Insel emporragte, eine riesige Eiche, welche hundert Jahre älter sein sollte, als das älteste Collegium der Universität.
Die Statuten der Gesellschaften bestimmten, daß die Könige von England und die Prinzen von Wales in dem Hause aufgenommen werden sollten, wie in ihrem eignen Palaste. Eduard IV. hatte das Gebäude bewohnt, als es noch nicht vollendet war. Richard III. hatte darin sein Hoflager gehalten, im großen Saale Disputationen mit angehört, war königlich bewirthet worden und hatte die Küche seiner Wirthe mit einem Geschenk von fetten Rehböcken aus seinen Forsten beehrt. Zwei muthmaßliche Thronerben, welche frühzeitig hinweggerafft wurden, Arthur, der ältere Bruder Heinrich’s VIII., und Heinrich, der ältere Bruder Karl’s I., hatten in dem Collegium studirt; ebenso auch ein andrer Prinz von Geblüt, der letzte und beste der römisch-katholischen Erzbischöfe von Canterbury, der menschenfreundliche Reginald Pole. Zur Zeit des Bürgerkriegs war das Collegium der Sache der Krone treu geblieben. Ruprecht hatte dort sein Hauptquartier aufgeschlagen, und ehe er zu einigen seiner kühnsten Unternehmungen auszog, hatte man in den stillen Kreuzgängen seine Trompeter zum Aufbruch blasen hören. Die Mehrzahl der Fellows waren Theologen und konnten den König nur mit Gebeten und Geldspenden unterstützen. Doch einer von den Mitgliedern der Gesellschaft, ein Doctor des Civilrechts, warb eine Truppe Untergraduirter und fiel an ihrer Spitze im tapferen Kampfe gegen die Soldaten von Essex. Als die Feindseligkeiten beendigt und die Rundköpfe Herren von England waren, verweigerten sechs Siebentel der Mitglieder der usurpirten Gewalt ihre Unterwerfung. In Folge dessen wurden sie aus ihren Wohnungen vertrieben und ihrer Einkünfte beraubt. Nach der Restauration kehrten die noch Lebenden an ihren lieblichen Wohnsitz zurück. Eine neue Generation war auf sie gefolgt, die ihre Ansichten und ihren Muth geerbt hatte. Zur Zeit des Aufstandes im Westen hatten diejenigen Collegiaten, welche nicht durch Alter oder Beruf zum Gebrauche der Waffen unfähig waren, sich bereitwilligst erboten, für die Krone zu kämpfen. Es dürfte schwerlich im ganzen Königreiche irgend eine Korporation zu finden sein, welche gerechteren Anspruch auf die Dankbarkeit des Hauses Stuart gehabt hätte.[13]
Die Gesellschaft bestand aus einem Präsidenten, vierzig Fellow’s, dreißig Studenten (Demies, Halbe genannt) und einer Anzahl von Kaplanen, Schreibern und Chorsängern. Zur Zeit der Generalvisitation unter Heinrich VIII. waren die Einkünfte viel bedeutender als die jeder andren ähnlichen Stiftung des Landes, fast um die Hälfte größer als die der reichen Stiftung Heinrich’s VI. in Cambridge und über noch einmal so groß als die, welche Wilhelm von Wykeham seinem Collegium in Oxford vermacht hatte. In den Tagen Jakob’s II. war der Reichthum des Magdalenen-Collegiums enorm und wurde durch das Gerücht noch übertrieben. Das Collegium wurde allgemein für reicher als die reichsten Abteien des Continents gehalten. Wenn die Pachtgelder alle eingingen, hieß es unter dem Volke, so beliefen sich die jährlichen Einkünfte auf die ungeheure Summe von vierzigtausend Pfund Sterling.[14]
Die Collegiaten waren durch die von dem Begründer festgesetzten Statuten ermächtigt, sich ihren Präsidenten unter Personen, welche Mitglieder ihrer Gesellschaft oder des Neuen Collegiums waren oder gewesen waren, selbst zu wählen. Dieses Recht war in der Regel mit völliger Freiheit ausgeübt worden. Nur in einzelnen Fällen waren königliche Zuschriften gekommen, welche dem Collegium befähigte Personen anempfahlen, die bei Hofe in Gunst standen, und es war in solchen Fällen Sitte gewesen, auf die Wünsche des Souverains gebührende Rücksicht zu nehmen.