Das Universitätssystem Englands ist von der Art, daß jedes Ereigniß, das die Interessen oder die Ehre irgend einer Universität berührt, im ganzen Lande nothwendig einen starken Eindruck machen muß. Jeder neue Schlag gegen das Magdalenen-Collegium wurde daher bis an die äußersten Endpunkte des Königreichs gefühlt. In den londoner Kaffeehäusern, in den juristischen Hochschulen, unter den Geistlichen aller Domkapitel, in Pfarrwohnungen und Landschlössern selbst der entferntesten Grafschaften war das Mitleid mit den Duldern und der Unwille gegen die Regierung beständig im Zunehmen. Hough’s Protest fand überall Beifall, das Aufsprengen seiner Thür wurde überall mit Abscheu erzählt und das über die Collegiaten verhängte Beraubungs- und Vertreibungsurtheil zerriß endlich die einst so engen und theuren Bande, welche die anglikanische Kirche mit dem Hause Stuart verknüpften.
[22.] Prozeßverfahren gegen das Magdalenen-Collegium zu Oxford wegen Nichterwählung Anton Farmer’s zum Präsidenten, in der Collection of State Trials, Ausgabe von Howell; Luttrell’s Diary, June 15., 17., Oct. 24., Dec. 10. 1687; Smith’s Narrative; Brief von Doctor Richard Rawlinson vom 31. Oct. 1687; Reresby’s Memoirs; Burnet, I. 699; Cartwright’s Diary; Citters, 25. Oct. (4. Nov.), 28. Oct. (7. Nov.), 8.(18.) u. 18.(28.) Nov. 1687.
Groll der Geistlichkeit. [Bitterer] Groll und schlimme Befürchtungen traten an die Stelle der Liebe und des Vertrauens. Es gab keinen Pfründner, keinen Rector und keinen Vikar, der nicht von der Angst gequält worden wäre, daß er, so friedlich sein Character und so unbedeutend seine Stelle sein mochte, vielleicht in wenigen Monaten durch einen willkürlichen Machtspruch aus seinem Hause vertrieben werden könne, um im zerrissenen Priesterrocke mit Frau und Kindern zu betteln, während sein durch uralte Gesetze und durch das königliche Wort gesichertes Eigenthum von einem Apostaten in Besitz genommen wurde. Das war also der Lohn für die heldenmüthige Loyalität, die sich in allen Wechselfällen fünfzig stürmischer Jahre nicht ein einziges Mal verleugnet hatte! Deshalb also hatte die Geistlichkeit für Karl I. Plünderung und Verfolgung ertragen, deshalb hatte sie Karl II. in seinem harten Kampfe mit der whiggistischen Opposition unterstützt, deshalb hatte sie in der vordersten Reihe gegen Diejenigen gestanden, welche Jakob seines Geburtsrechtes berauben wollten! Ihrer Treue allein verdankte ihr Unterdrücker die Macht, die er jetzt zu ihrem Verderben anwendete. Lange genug hatten sie mit bitterem Schmerze die Leiden aufgezählt, die sie von den Puritanern in den Tagen ihrer Macht hatten erdulden müssen. Der Puritaner war indessen einigermaßen zu entschuldigen. Er war ein erklärter Feind, er hatte sich für erlittenes Unrecht zu rächen und selbst er war nicht ganz ohne Mitleid gewesen, als er die Kirchenverfassung des Landes umgestaltete und Alle, die seinen Covenant nicht unterschreiben wollten, absetzte. Er hatte denen, die er ihrer Pfründen beraubte, wenigstens so viel davon gelassen, als sie zu ihrem Lebensunterhalte nothwendig brauchten. Aber des Königs Haß gegen die Kirche, die ihn vor der Verbannung bewahrt und auf den Thron erhoben hatte, war nicht so leicht zu sättigen. Nur der völlige Ruin seiner Opfer konnte ihn zufrieden stellen. Nicht genug, daß sie aus ihren Wohnungen vertrieben und ihres Einkommens beraubt wurden, auch jede andre Laufbahn, auf der Männer ihrer Art ihren Unterhalt suchen konnten, war ihnen mit raffinirter Böswilligkeit verschlossen und es blieb ihnen nichts Andres übrig, als die unsichere und beschämende Hülfsquelle der öffentlichen Mildthätigkeit.
Die anglikanische Geistlichkeit und diejenigen Laien, welche dem protestantischen Episcopat mit Liebe zugethan waren, betrachteten daher jetzt den König mit Gefühlen, wie sie eine durch Undank noch verschlimmerte Ungerechtigkeit nothwendig, erregen muß. Indessen hatte der Anglikaner noch immer viele Bedenken des Gewissens und der Ehre zu überwinden, ehe er sich zum gewaltsamen Widerstande gegen die Regierung entschließen konnte. Man hatte ihn gelehrt, daß das göttliche Gesetz passiven Gehorsam ohne Bedingung oder Ausnahme vorschreibe. Diese Ansicht hatte er laut und offen ausgesprochen und die Insinuation, daß extreme Fälle eintreten könnten, welche dem Volke das Recht gäben, gegen königliche Tyrannei das Schwert zu ziehen, mit Verachtung zurückgewiesen. Sowohl Grundsatz als Scham hielten ihn demnach ab, das Beispiel der rebellischen Rundköpfe nachzuahmen, so lange noch einige Hoffnung auf friedliche und gesetzmäßige Befreiung vorhanden war, und eine solche Hoffnung konnte man vernünftigerweise wohl hegen, so lange die Prinzessin von Oranien die nächste Thronerbin war. Wenn er diese Glaubensprüfung geduldig überstand, so würden die Gesetze der Natur bald das für ihn thun, was er ohne Sünde und Schande nicht selbst für sich thun konnte. Die Bedrückungen der Kirche wurden dann abgestellt, ihr Eigenthum und ihre Würde durch neue Bürgschaften gesichert und die schändlichen Minister, die sie in Zeiten der Bedrängniß gekränkt und verhöhnt hatten, wurden exemplarisch bestraft.
Pläne der jesuitischen Cabale in Bezug auf die Thronfolge. [An] das Ereigniß, von dem die anglikanische Kirche eine ehrenvolle und friedliche Erlösung von ihren Leiden erwartete, konnten auch die sorglosesten Mitglieder der jesuitischen Cabale nicht ohne quälende Besorgnisse denken. Wenn ihr Gebieter starb, ohne ihnen eine größere Sicherheit gegen die Strafgesetze zu hinterlassen als eine Indulgenzerklärung, welche die ganze Nation einstimmig für null und nichtig erklärt hatte, wenn ein von dem nämlichen Geiste, welcher in den Parlamenten Karl’s II. vorgeherrscht, beseeltes Parlament sich um den Thron eines protestantischen Landesoberhauptes versammelte, war dann nicht vorauszusehen, daß eine furchtbare Vergeltung ausgeübt, daß die alten Gesetze gegen den Papismus mit schonungsloser Strenge gehandhabt und daß noch härtere neue Gesetze dem Gesetzbuche einverleibt werden würden? Von diesen schlimmen Befürchtungen wurden die bösen Rathgeber der Krone schon seit langer Zeit gequält, und einige von ihnen hatten sonderbare und verzweifelte Schutzmittel ersonnen. Jakob hatte den Thron kaum bestiegen, so begann man sich in Whitehall schon zuzuflüstern, daß, wenn die Prinzessin Anna katholisch werden wollte, es mit Hülfe Ludwig’s vielleicht nicht unmöglich sein würde, das Geburtsrecht ihrer älteren Schwester auf sie zu übertragen. Bei der französischen Gesandtschaft fand diese Idee großen Beifall und Bonrepaux war der Meinung, daß Jakob’s Einwilligung nicht schwer zu erlangen sein werde.[23] Bald jedoch zeigte es sich deutlich, daß Anna der Landeskirche unerschütterlich treu war. Der Gedanke, sie zur Königin zu machen, wurde daher wieder aufgegeben. Dessenungeachtet nährte ein kleines Häuflein Fanatiker noch immer die kühne Hoffnung, daß es ihnen gelingen könne, die Thronfolgeordnung zu ändern. Der Plan dieser Männer wurde in einem Entwurfe dargelegt, von dem noch eine schlechte französische Übersetzung vorhanden ist. Es sei zu hoffen, sagten sie, daß der König im Stande sein werde, den wahren Glauben zu befestigen, ohne zu extremen Mitteln zu greifen; im schlimmsten Fall aber könne er die Verfügung über seine Krone Ludwig anheimstellen. Es sei für die Engländer immer noch besser, wenn sie Vasallen Frankreichs wären, als Sklaven des Teufels.[24] Dieses höchst merkwürdige Actenstück ging unter den Jesuiten und Höflingen von Hand zu Hand, bis endlich einige ausgezeichnete Katholiken, in denen die Bigotterie noch nicht allen Patriotismus erstickt hatte, dem holländischen Gesandten eine Abschrift anfertigten. Dieser zeigte den Aufsatz dem Könige, und Jakob erklärte denselben für eine erbärmliche Fälschung, die von einem holländischen Pamphletschmierer ersonnen sein müsse. Der holländische Gesandte antwortete mit Entschiedenheit, daß er durch das Zeugniß mehrerer ausgezeichneter Mitglieder der eigenen Kirche Seiner Majestät das Gegentheil beweisen könne, ja daß es sogar nicht schwer sein werde, den Verfasser ausfindig zu machen, welcher im Grunde nur das niedergeschrieben habe, wovon viele Priester und geschäftige Politiker täglich in den Gallerien des Palastes sprächen. Der König hielt es nicht für rathsam, nach dem Verfasser zu forschen, nahm den Vorwurf der Fälschung zurück und versicherte mit großer Heftigkeit und Feierlichkeit, daß es ihm nie in den Sinn gekommen sei, seine älteste Tochter zu enterben. „Niemand,“ sagte er, „hat es je gewagt, eine solche Idee gegen mich zu äußern, und ich würde auch nie darauf hören. Gott befiehlt uns nicht, die wahre Religion durch Ungerechtigkeit zu verbreiten, und dies würde die empörendste, widernatürlichste Ungerechtigkeit sein“.[25] Trotz aller dieser Betheuerungen meldete Barillon wenige Tage später seinem Hofe, daß Jakob angefangen habe, auf Einflüsterungen in Betreff einer Änderung der Thronfolgeordnung zu hören, daß die Sache zwar sehr kitzlich sei, daß man aber gegründete Hoffnung habe, mit der Zeit und durch vorsichtiges Verfahren einen Weg zu finden, um die Krone mit Ausschließung der beiden Prinzessinnen auf ein römisch-katholisches Haupt zu bringen.[26] Dieser Plan wurde noch viele Monate von den heftigsten und überspanntesten Papisten am Hofe besprochen, und es wurden wirklich Candidaten für den Königsthron genannt.[27]
[23.] „Quand on connoit le dedans de cette cour aussi intimement que je la connois, on peut croire que Sa Majesté Britannique donnera volontiers dans ces sortes de projets.“ Bonrepaux an Seignelay, 18.(28.) März 1686.
[24.] „Que, quand pour établir la religion Catholique et pour la confirmer icy, il (Jakob) devroit se rendre en quelque façon dépendant de la France, et mettre la décision de la succession à la couronne entre les mains de ce monarque là, qu’il seroit obligé de le faire, parcequ’il vaudroit mieux pour ses sujets qu’ils devinssent vassaux du Roy de France, étant Catholiques, que de demeurer comme esclaves du Diable.“ — Dieses Schriftstück befindet sich sowohl im französischen als auch im holländischen Archive.
[25.] Citters, 6.(16.) u. 17.(27.) Aug.; Barillon, 19.(29.) Aug.
[26.] Barillon, 13.(23.) Sept. 1686. „La succession est une matière fort délicate à traiter. Je sais pourtant qu’on en parle au Roy d’Angleterre et qu’on ne désespère pas avec le temps de trouver des moyens pour faire passer la couronne sur la tête d’un héritier Catholique.“
[27.] Bonrepaux, 11.(21.) Juli 1687.