Wenn man berücksichtigt, daß die Geistlichen der anglikanischen Kirche fast ohne Ausnahme die Indulgenzerklärung als eine Verletzung der Landesgesetze, als einen Wortbruch des Königs und als einen verderblichen Gewaltstreich gegen die Interessen und die Würde ihres Standes betrachteten, so wird man schwerlich daran zweifeln können, daß der Geheimrathsbefehl darauf berechnet war, als eine tiefe Kränkung von ihnen empfunden zu werden. Man glaubte im Volke, daß Petre diese Absicht durch ein der orientalischen Redeweise entlehntes rohes Gleichniß ausgesprochen habe. Er sollte gesagt haben, er wolle sie Koth essen lassen und zwar den abscheulichsten und ekelhaftesten Koth. Aber konnte man annehmen, daß die anglikanische Geistlichkeit diesem tyrannischen und gehässigen Befehle den Gehorsam verweigern werde? Der Character des Königs war willkürlich und streng und das Verfahren der kirchlichen Commission eben so summarisch wie das eines Kriegsgerichts. Wer sich aufzulehnen wagte, konnte in Zeit von acht Tagen seiner Stelle entsetzt, seines ganzen Einkommens beraubt, der ferneren Bekleidung jedes geistlichen Amts unfähig erklärt und in die Nothwendigkeit versetzt werden, von Haus zu Haus sein Brot zu erbetteln. Wenn der ganze Stand sich einmüthig dem königlichen Willen widersetzte, dann war es allerdings wahrscheinlich, daß selbst Jakob nicht den Muth haben würde, zehntausend Schuldige auf einmal zu bestrafen. Aber zu einer allgemeinen Verständigung in dieser Angelegenheit war keine Zeit. Am 7. Mai erschien der Befehl in der Gazette und schon am 20. sollte die Erklärung von allen Kanzeln Londons und dessen Umgegend verlesen werden. Er wäre damals mit der größten Anstrengung nicht möglich gewesen, binnen vierzehn Tagen die Ansichten nur des zehnten Theiles der im ganzen Lande zerstreuten Pfarrgeistlichen einzuholen, ja nur die Stimmen der Bischöfe hätten nicht leicht in so kurzer Zeit gesammelt werden können. Auch stand zu befürchten, daß, wenn die Geistlichkeit das Verlesen der Erklärung verweigerte, die protestantischen Dissenters die Weigerung falsch auslegen, die Hoffnung, von den Mitgliedern der anglikanischen Kirche Duldung zu erlangen, aufgeben und ihr ganzes Gewicht in die Wagschale des Hofes werfen würden.
[83.] Citters, 1.(11.) Mai 1688.
[84.] London Gazette, Mai 7. 1688.
Die Geistlichkeit ist unschlüssig. [Die] Geistlichkeit war daher unschlüssig und diese Unschlüssigkeit läßt sich wohl entschuldigen, denn einige hochgestellte Laien, welche das öffentliche Vertrauen in hohem Maße genossen, waren geneigt, zur Unterwerfung zu rathen. Sie waren der Meinung, ein allgemeiner Widerstand stehe kaum zu erwarten und ein theilweiser werde für die Einzelnen verderblich und für die Kirche und die Nation im Allgemeinen nur von geringem Nutzen sein. Dies war die ausgesprochene Ansicht von Halifax und Nottingham. Der Tag rückte heran und noch war keine Verständigung und kein bestimmter Entschluß erzielt.[85]
[85.] Johnstone, 27. Mai 1688.
Patriotismus der protestantischen Nonconformisten Londons. [In] diesem Augenblicke erwarben sich die protestantischen Dissenters der Hauptstadt einen Anspruch auf die ewige Dankbarkeit ihres Vaterlandes. Die Regierung hatte sie bisher als einen Theil ihrer Stärke betrachtet. Einige von ihren thätigsten und lautesten Predigern hatten, durch die Gnadenbezeigungen des Hofes bestochen, Adressen zu Gunsten der Politik des Königs zu Stande gebracht. Andere, welche durch die Erinnerung an viele schwere Unbilden sowohl der anglikanischen Kirche als dem Hause Stuart entfremdet waren, hatten mit boshafter Schadenfreude gesehen, wie der tyrannische Fürst und die tyrannische Hierarchie durch bittere Feindschaft von einander getrennt waren und sich gegenseitig überboten, um den Beistand von Secten zu erlangen, die sie noch unlängst verfolgt und verachtet hatten. Aber so natürlich dieses Gefühl auch sein mochte, man hatte sich demselben lange genug hingegeben. Die Zeit war gekommen, wo man eine Wahl treffen mußte, und die Nonconformisten traten in einer hochherzigen Regung auf die Seite der Anglikaner, um gemeinschaftlich mit ihnen die Grundgesetze des Reichs zu vertheidigen. Baxter, Bates und Howe zeichneten sich durch ihre Anstrengungen, dieses Bündniß zu Stande zu bringen, besonders aus; aber die edle Begeisterung, welche die Gesammtheit der Puritaner beseelte, erleichterte ihnen die Aufgabe. Der Eifer der Pfarrer wurde von dem ihrer Gemeinden noch übertroffen. Diejenigen Presbyterianer- und Independentenprediger, welche Lust zeigten, mit dem Könige Partei gegen die Landeskirche zu nehmen, wurden nachdrücklich bedeutet, daß, wenn sie ihr Verfahren nicht änderten, ihre Gemeinden sie fernerhin weder hören noch bezahlen würden. Alsop, der sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatte, daß er im Stande sein werde, einen großen Theil seiner Anhänger dem Könige zuzuführen, sah sich plötzlich von Denen, die ihn kurz zuvor noch als ihren geistlichen Führer verehrt hatten, verachtet und verabscheut, verfiel darüber in eine tiefe Schwermuth und verbarg sich vor den Blicken der Welt. Bei mehreren londoner Geistlichen erschienen Deputationen, um sie zu bitten, daß sie die Masse der Dissenters nicht nach den kriechenden Schmeicheleien beurtheilen möchten, welche kürzlich die Spalten der Gazette gefüllt hätten, und forderten sie, als bei dem großen Kampfe in vorderster Reihe stehend, auf, mit männlicher Tapferkeit für die Freiheiten Englands und den den Heiligen überlieferten Glauben zu streiten. Diese Versicherungen wurden freudig und dankend aufgenommen. Unter Denen aber, die sich zu entscheiden hatten, ob sie am nächsten Sonntage, den 20. Mai, dem Befehl des Königs nachkommen wollten oder nicht, herrschte noch immer große Ängstlichkeit und Meinungsverschiedenheit.
Berathung der londoner Geistlichkeit. [Die] londoner Geistlichkeit, welche damals allgemein als die Elite ihres Standes anerkannt war, veranstaltete eine berathende Versammlung. Funfzehn Doctoren der Theologie waren anwesend. Tillotson, Dechant von Canterbury, der berühmteste Kanzelredner der damaligen Zeit, kam vom Krankenlager dahin. Sherlock, Vorsteher des Tempels, Patrick, Dechant von Peterborough und Oberpfarrer des wichtigen Kirchspiels St. Paul in Coventgarden, sowie auch Stillingfleet, Archidiakonus von London und Dechant der St. Pauls-Kathedrale, nahmen daran Theil. Die Versammlung im Allgemeinen schien der Ansicht zu sein, daß es im Grunde doch gerathen sei, dem Geheimrathsbefehl zu gehorchen. Der Streit begann hitzig zu werden und hätte vielleicht schlimme Folgen haben können, wäre er nicht durch die Festigkeit und Einsicht des Unterpfarrers von St. Giles, Cripplegate, Doctor Eduard Fowler, beendigt worden. Dieser Mann gehörte zu der kleinen aber ausgezeichneten Klasse von Theologen, welche die der Schule Calvin’s eigene Liebe zur bürgerlichen Freiheit mit der Theologie der Schule des Arminius verbanden[86]. Er erhob sich und sprach: „Ich will offen meine Meinung sagen. Die Sache ist so klar und einfach, daß lange Erörterungen kein neues Licht auf sie werfen können, sondern nur die Leidenschaften aufregen müssen. Lassen Sie einem Jeden blos Ja oder Nein sagen. Ich für meine Person kann mich durch das Votum der Majorität nicht binden lassen. Es würde mir leid thun, wenn dadurch unsre Einigkeit gestört werden sollte, aber mein Gewissen erlaubt mir nicht, diese Erklärung zu verlesen.“ Tillotson, Patrick, Sherlock und Stillingfleet erklärten, daß sie der nämlichen Meinung seien, und die Majorität fügte sich einer so achtbaren Minorität. Es wurde ein Beschluß schriftlich ausgefertigt, durch den sich alle Anwesenden gegen einander verpflichteten, die Erklärung nicht zu verlesen. Patrick war der Erste, der seinen Namen unterschrieb, Fowler der Zweite. Das Papier wurde dann in der Stadt herumgeschickt und war bald von fünfundachtzig Pfründeninhabern unterzeichnet[87].
Unterdessen beriethen sich mehrere Bischöfe in banger Sorge über das einzuschlagende Verfahren. Am 12. Mai war ein ernster und gelehrter Kreis um den Tisch des Primas zu Lambeth versammelt. Compton, Bischof von London, Turner, Bischof von Ely, White, Bischof von Peterborough, und Tenison, Oberpfarrer des Kirchspiels St. Martin, befanden sich unter den Anwesenden. Der Earl von Clarendon, ein warmer und unerschütterlicher Freund der Kirche, war ebenfalls eingeladen worden. Cartwright, Bischof von Chester, drängte sich, wahrscheinlich als Spion, in die Versammlung. So lange er anwesend war, konnten vertrauliche Mittheilungen nicht stattfinden; nach seinem Weggange aber wurde die große Frage, welche alle Gemüther erfüllte, zur Sprache gebracht und erörtert. Die allgemeine Ansicht war, daß die Erklärung nicht verlesen werden solle. An mehrere der achtbarsten Prälaten der Provinz Canterbury wurden sogleich Briefe geschrieben, durch welche dieselben aufgefordert wurden, unverzüglich nach London zu kommen, um ihren Metropoliten in dieser Angelegenheit zu unterstützen[88]. Da man kaum zweifeln konnte, daß diese Briefe geöffnet werden würden, wenn sie durch das Postamt in Lombard Street gingen, so wurden sie bis zu den nächsten Poststationen in den verschiedenen Richtungen durch reitende Boten befördert. Der Bischof von Winchester, dessen Loyalität sich bei Sedgemoor so glänzend erprobt hatte, beschloß trotz eines ernstlichen Unwohlseins der Aufforderung nachzukommen und sofort abzureisen, sah aber, daß er die Erschütterung des Fahrens nicht vertragen konnte. Der an Wilhelm Lloyd, Bischof von Norwich, gerichtete Brief wurde ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln von einem Postmeister zurückgehalten, und dieser Prälat, welcher keinem seiner Amtsbrüder in Muth und Eifer für die gemeinsame Sache seines Berufs nachstand, kam zu spät in London an[89]. Sein Namensvetter, Wilhelm Lloyd, Bischof von St. Asaph, ein frommer, rechtschaffener und gelehrter Mann, aber von schwacher Urtheilskraft und halb aufgerieben durch seine beharrlichen Anstrengungen, aus Daniel und der Offenbarung einige Aufschlüsse über den Papst und den König von Frankreich zu gewinnen, eilte nach der Hauptstadt und traf am Sechzehnten ein[90]. Am nächstfolgenden Tage kamen auch der treffliche Ken, Bischof von Bath und Wells, Lake, Bischof von Chichester, und Sir Johann Trelawney, Bischof von Bristol, ein Baronet aus einer alten und angesehenen Familie in Cornwall.
[86.] Der verstorbene Alexander Knox, dieser ausgezeichnete Mann, dessen beredte Conversation und vortrefflich ausgearbeitete Briefe einen großen Einfluß auf die Gemüther seiner Landsleute ausübten, hat, wie ich vermuthe, vieles von seinem theologischen System und Fowler’s Schriften gelernt. Fowler’s Werk über den Zweck des Christenthums wurde von Johann Bunyan mit einer durch nichts zu rechtfertigenden Heftigkeit angegriffen, die sich nur durch die Herkunft und mangelhafte Erziehung des ehrlichen Kesselflickers einigermaßen entschuldigen läßt.
[87.] Johnstone, 23. Mai 1688. Es existirt ein satirisches Gedicht auf diese Versammlung betitelt: „Die geistliche Cabale.“