Die londoner Geistlichkeit gehorcht dem königlichen Befehle nicht. [In] der City und den Vorstädten Londons gab es ungefähr hundert Pfarrkirchen. Nur in vier derselben wurde der Geheimrathsbefehl befolgt. In der St. Gregorskirche wurde die Erklärung von einem Geistlichen, Namens Martin, verlesen. Sobald er die ersten Worte sprach, stand die ganze Gemeinde auf und entfernte sich. In der St. Matthäuskirche in Friday Street wurde ein Elender, Namens Timotheus Hall, der seinen Priesterrock geschändet, indem er der Herzogin von Portsmouth bei dem Handel mit Begnadigungen als Zwischenträger gedient und der jetzt Hoffnung auf das erledigte Bisthum Oxford hatte, ebenfalls von seiner Gemeinde in der Kirche allein gelassen. In Serjeant’s Inn, in Chancery Lane, gab der Geistliche vor, er habe vergessen, ein Exemplar der Erklärung mitzubringen, und der Oberrichter der Kings Bench, welcher anwesend war, um darauf zu sehen, daß dem königlichen Befehle gehorcht werde, mußte sich mit dieser Entschuldigung begnügen. Samuel Wesley, der Vater Johann’s und Karl’s Wesley, Pfarrer in London, wählte an diesem Sonntage zum Text seiner Predigt die edle Antwort, welche die drei Juden dem chaldäischen Tyrannen gaben: „So sollst Du nun wissen, o König, daß wir Deine Götter nicht ehren, noch das güldene Bild, das Du hast setzen lassen, anbeten wollen.“ Selbst in der Kapelle des St. Jamespalastes hatte der dienstthuende Geistliche den Muth, dem Befehle nicht zu gehorchen. Die Knaben von Westminster erinnerten sich noch lange dessen, was an jenem Tage in der Abtei vorging. Sprat, Bischof von Rochester, fungirte hier als Dechant. Sobald er die Erklärung zu verlesen begann, übertäubte das Murren und das Geräusch des sich aus der Kirche drängenden Volks seine Stimme. Er zitterte so heftig, daß man das Papier in seiner Hand sich bewegen sah. Lange bevor er geendet hatte, war die Kirche von Allen verlassen, bis auf Diejenigen, die ihre Stellung zum Bleiben nöthigte.[94]

Noch nie war die Kirche der Nation so theuer gewesen, als an jenem Nachmittage. Der Geist der Zwietracht schien erloschen zu sein. Baxter hielt auf der Kanzel eine Lobrede auf die Bischöfe und die Pfarrer. Wenige Stunden später schrieb der holländische Gesandte an die Generalstaaten, daß die anglikanische Geistlichkeit in der Achtung des Publikums unglaublich gestiegen sei. Die Nonconformisten, sagte er, sprächen sich allgemein dahin aus, daß sie lieber unter dem Drucke der Strafgesetze bleiben, als ihre Sache von der der Prälaten trennen wollten.[95]

So verging noch eine Woche ängstlicher Aufregung, und der zweite Sonntag kam heran. Abermals waren die Kirchen der Hauptstadt mit Hunderttausenden gefüllt. Die Erklärung wurde nirgends anderwärts verlesen, als an den wenigen Orten, wo sie vor acht Tagen verlesen worden war. Der Geistliche, der in der Kapelle des St. Jamespalastes gepredigt hatte, war seines Amtes entsetzt worden und es erschien ein servilerer Geistlicher mit dem Papier in der Hand; aber er war so befangen, daß er nicht vernehmlich sprechen konnte. Die Stimmung der ganzen Nation hatte sich in der That so gestaltet, daß nur die besten und hochherzigsten, oder die schlechtesten und characterlosesten Menschen ihr ohne große Angst die Stirn bieten konnten.[96]

[94.] Citters; 22. Mai (1. Juni) 1688; Burnet, I. 740 und Lord Dartmouth’s Note; Southey’s Life of Wesley.

[95.] Citters, 22. Mai (1. Juni) 1688.

[96.] Ibid. 29. Mai (8. Juni) 1688.

Unschlüssigkeit der Regierung. [Selbst] der König war einen Augenblick bestürzt über die Heftigkeit des von ihm heraufbeschworenen Sturmes. Was sollte er nun zunächst thun? Er mußte entweder vorwärts oder rückwärts gehen, und ersteres konnte er nicht ohne Gefahr, letzteres nicht ohne Demüthigung. Einmal nahm er sich vor, einen neuen Befehl zu erlassen, durch den er der Geistlichkeit in hochmüthigem und zornigem Tone gebot, seine Erklärung zu verlesen, und jedem Widerspenstigen mit augenblicklicher Amtsentsetzung drohte. Dieser Befehl wurde zu Papier gebracht und in die Druckerei geschickt, dann zurückgeholt, dann zum zweitenmal in die Druckerei geschickt und noch einmal zurückgeholt.[97] Zu einem andren Plane riethen einige von Denen, welche für strenge Maßregeln waren. Sie meinten, die Prälaten, welche die Petition unterzeichnet hatten, könnten ja vor die kirchliche Commission citirt und ihrer Bischofssitze beraubt werden. Gegen dieses Verfahren aber wurden im Staatsrathe energische Einwendungen erhoben. Man habe angekündigt, daß die Kammern noch vor Ende des Jahres einberufen werden sollten und die Lords würden das Absetzungsurtel unzweifelhaft für null und nichtig erklären, auf der Einberufung Sancroft’s und seiner Mitpetenten bestehen und sich weigern, einen neuen Erzbischof von Canterbury oder einen neuen Bischof von Bath und Wells anzuerkennen. So würde die Session, die aller Wahrscheinlichkeit nach im günstigen Falle immer noch sehr stürmisch werden würde, sogleich mit einem erbitterten Streite zwischen der Krone und den Peers beginnen. Wenn daher eine Bestrafung der Bischöfe für nöthig gehalten würde, so müßte dieselbe nach dem bekannten Gange des englischen Rechtsverfahrens über sie verhängt werden. Sunderland hatte sich von Anfang an, soweit er es ohne Gefahr wagen konnte, dem Geheimrathsbefehl widersetzt. Jetzt rieth er zu einem Verfahren, das zwar nicht frei von Nachtheilen, aber doch das klügste und würdigste war, welches der Regierung nach einer Reihe von Fehlgriffen noch offen stand. Der König solle mit Huld und Majestät der Welt ankündigen, daß das ungehorsame Benehmen der anglikanischen Kirche ihn tief verletzt habe, daß er aber die vielen Dienste nicht vergessen könne, die diese Kirche in schweren Prüfungszeiten seinem Vater, seinem Bruder und ihm selbst geleistet; daß er als Freund der Gewissensfreiheit nicht streng gegen Männer verfahren wolle, deren allerdings irregeleitetes und über alle Maßen bedenkliches Gewissen ihnen nicht erlaubt habe, seinen Befehlen zu gehorchen, und daß er daher die Schuldigen der Strafe überlassen werde, die ihre eigne Überzeugung ihnen zuerkennen müsse, wenn sie ihre neuesten Schritte mit den loyalen Grundsätzen verglichen, deren sie sich so laut gerühmt hätten. Nicht allein Powis und Bellasyse, welche stets für gemäßigte Beschlüsse waren, sondern selbst Dover und Arundell neigten sich zu diesem Vorschlage hin. Jeffreys dagegen behauptete, daß die Regierung entehrt sein würde, wenn sie solche Verbrecher, wie die sieben Bischöfe, mit einem bloßen Verweise davon kommen ließe. Er wünschte jedoch nicht, daß sie vor die Hohe Commission, in welcher er als erster oder vielmehr einziger Richter saß, geladen würden, denn die Last des öffentlichen Hasses, die er bereits zu tragen hatte, war selbst für seine schamlose Stirn und sein verknöchertes Herz zu groß, und er erschrak vor der Verantwortlichkeit, die er durch eine gesetzwidrige Verurtheilung der Oberhäupter der Staatskirche und der Lieblinge des Volkes auf sich geladen haben würde.

[97.] Ibid.

Es wird eine gerichtliche Verfolgung der Bischöfe wegen Libells beschlossen. [Jeffreys] empfahl deshalb einen Criminalprozeß gegen sie anhängig zu machen. In Folge dessen wurde beschlossen, den Erzbischof und die sechs anderen Bittsteller unter der Anklage auf Abfassung eines aufrührerischen Libells vor den Gerichtshof der Kings Bench zu stellen. Daß sie für schuldig befunden werden würden, daran war kaum zu zweifeln, denn die Richter und ihre Unterbeamten waren Werkzeuge des Hofes. Seitdem der Hauptstadt ihr alter Freibrief entzogen worden, war kaum ein Gefangener, den die Regierung bestraft wissen wollte, von einer Jury freigesprochen worden. Die widerspenstigen Prälaten wurden höchst wahrscheinlich zu unerschwinglichen Geldbußen und langer Haft verurtheilt und waren dann froh, wenn sie sich dadurch loskaufen konnten, daß sie in und außer dem Parlament den Absichten des Königs dienten.[98]

Am 27. Mai wurde den Bischöfen angekündigt, daß sie am 8. Juni vor dem Könige im Geheimen Rathe erscheinen sollten. Warum eine so lange Frist gestattet wurde, ist uns nicht bekannt. Vielleicht hoffte Jakob, daß einige der Schuldigen sich aus Furcht vor seiner Ungnade bis zu dem zum Verlesen der Erklärung bestimmten Tage noch fügen und, um sich mit ihm auszusöhnen, die Geistlichen ihrer Diöcesen zum Gehorsam überreden würden. Wenn dies wirklich seine Hoffnung war, so wurde sie vollständig getäuscht. Der 3. Juni kam und alle Theile Englands folgten dem Beispiele der Hauptstadt. Die Bischöfe von Norwich, Gloucester, Salisbury, Winchester und Exeter hatten bereits Abschriften der Petition zum Beweis ihrer Zustimmung unterzeichnet; der Bischof von Worcester hatte sich geweigert, die Erklärung unter seine Geistlichen zu vertheilen; der Bischof von Hereford hatte sie vertheilt, wurde aber, wie allgemein bekannt war, deshalb von Reue und Scham gequält. Von fünfzig Pfarrern fügte sich noch nicht einer dem Geheimrathsbefehl. In der großen Diöcese Chester, welche die Grafschaft Lancaster umfaßt, konnte Cartwright nicht mehr als drei Geistliche zum Gehorsam gegen den König bewegen. Die Diöcese Norwich enthält viele hundert Pfarreien, und nur in vieren davon wurde die Erklärung verlesen. Dem höfischen Bischof von Rochester gelang es nicht, die Gewissensscrupel des Gefängnißpredigers von Chatham, der von der Regierung besoldet wurde, zu heben. Es existirt noch ein rührender Brief, den dieser wackere Geistliche an den Sekretär der Admiralität schrieb. „Ich kann wohl nicht erwarten,“ schrieb er darin, „daß Euer Ehren sich für mich verwenden. Der Wille Gottes geschehe. Ich will lieber leiden, als sündigen“[99].