Die Nachwelt hat den König von dem Betrug, dessen sein Volk ihn beschuldigte, vollkommen freigesprochen. Unmöglich aber kann man ihn von der Thorheit und Verkehrtheit freisprechen, welche den Irrthum seiner Zeitgenossen erklären und entschuldigen. Er wußte recht gut, welche argwöhnischen Vermuthungen man im Publikum hegte,[104] und er hätte eben so gut wissen können, daß dieser Argwohn nicht durch das Zeugniß von Mitgliedern der römischen Kirche oder solchen Personen zerstreut werden konnte, die sich zwar Mitglieder der anglikanischen Kirche nannten, aber sich ganz bereit gezeigt hatten, die Interessen dieser Kirche zu opfern, um seine Gunst zu gewinnen. Daß der Eintritt des Ereignisses ihn vor der erwarteten Zeit überraschte, ist wahr, aber er hatte immerhin zwölf Stunden vor sich, um seine Anordnungen zu treffen. So gut als er den St. Jamespalast mit Bigotten und Schmarotzern füllen konnte, deren Wort die Nation nicht traute, eben so gut hätte er auch für die Anwesenheit einiger angesehenen Personen sorgen können, deren treue Anhänglichkeit an die Prinzessinnen und an die Landeskirche außer Zweifel stand.
Zu einer späteren Zeit, als er für seine tollkühne Verachtung der öffentlichen Meinung schwer gebüßt hatte, pflegte man in Saint-Germain ihn dadurch zu entschuldigen, daß man die Schuld auf Andere wälzte. Einige Jakobiten behaupteten, Anna habe sich absichtlich fern gehalten, ja sie scheuten sich nicht zu sagen, Sancroft habe den König herausgefordert, ihn in den Tower zu schicken, damit das Zeugniß, welches die Verleumdungen der Unzufriedenen widerlegen konnte, mangelhaft wäre.[105] Die Abgeschmacktheit dieser Beschuldigung ist handgreiflich. Konnte Anna oder Sancroft vermuthen, daß die Königin sich in ihrer Berechnung um einen ganzen Monat geirrt hatte? Wäre ihre Berechnung richtig gewesen, so würde Anna gewiß, um der Entbindung beiwohnen zu können, zur rechten Zeit von Bath zurückgekehrt und Sancroft nicht im Tower gewesen sein. Jedenfalls aber waren die mütterlichen Oheime der Tochter des Königs weder von London entfernt noch im Gefängniß. Die nämlichen Boten, welche die ganze Schaar der Renegaten, Dover, Peterborough, Murray, Sunderland und Mulgrave, herbeiholten, hätten ganz eben so leicht auch Clarendon herbeirufen können. Er war so gut Geheimer Rath als sie, und seine Wohnung befand sich in Jermyn Street, keine zweihundert Schritt von den Gemächern der Königin. Dennoch ließ man es ihn erst in der St. Jameskirche durch die Bewegung und das Geflüster der Gemeinde erfahren, daß seine Nichte aufgehört hatte, die präsumtive Thronerbin zu sein.[106] Gehörte er etwa deshalb nicht in das Entbindungszimmer, weil er ein naher Verwandter der Prinzessinnen von Oranien und von Dänemark war, oder weil er unerschütterlich treu an der anglikanischen Kirche hing?
Die ganze Nation sprach es laut und offen aus, daß ein Betrug gespielt worden sei. Mehre Monate lang hätten die Papisten auf der Kanzel und durch die Presse, in Prosa und in Versen, in englischer und in lateinischer Sprache prophezeit, daß die Bitten der Kirche erhört und ein Prinz von Wales geboren werden würde, und sie hätten jetzt selbst ihre Prophezeiung erfüllt. Jeder nicht zu bestechende oder zu hintergehende Zeuge sei sorgfältig ausgeschlossen worden. Anna habe man arglistigerweise zu einer Reise nach Bath überredet. Der Primas sei gerade am Tage vor dem zur Ausführung des Betrugs bestimmten den Vorschriften des Gesetzes und der Privilegien der Peers zum Trotz ins Gefängniß geworfen worden. Nicht eine einzige männliche oder weibliche Person, die das geringste Interesse an der Enthüllung des Betrugs haben konnte, sei zugezogen worden. Man habe die Königin plötzlich mitten in der Nacht in den St. Jamespalast gebracht, weil dieses Gebäude, für unehrliche Zwecke passender eingerichtet als Whitehall, einige für die Absichten der Jesuiten vortrefflich geeignete Zimmer und Gänge enthalte. Hier sei inmitten eines Kreises von Zeloten, denen nichts, was die Interessen ihrer Kirche fördern konnte, ein Verbrechen dünkte, und von Höflingen, welche nichts, was zu ihrer Bereicherung und Erhebung beitragen konnte, für Sünde hielten, ein neugeborenes Kind ins Bett der Königin practicirt und dann triumphirend als Erbe dreier Königreiche herumgegeben worden. Durch diesen zwar unbegründeten, aber nicht ganz unnatürlichen Verdacht aufgeregt, drängten sich die Leute nur um so eifriger danach, den frommen Opfern des Tyrannen zu huldigen, der, nachdem er lange seinem Volke das empörendste Unrecht zugefügt, das Maß seiner Schändlichkeit voll machte, indem er sich noch empörender an seinen eigenen Kindern verging[107].
Der Prinz von Oranien, der selbst keinen Betrug argwöhnte und den Zustand der Volksstimmung in England nicht kannte, ordnete Dankgebete für seinen kleinen Schwager unter seinem eigenen Dache an und schickte Zulestein mit einem förmlichen Beglückwünschungsschreiben nach London. Zulestein hörte zu seinem großen Erstaunen Jedermann ganz offen von dem schändlichen Betruge sprechen, den die Jesuiten eben begangen haben sollten, und erblickte jede Stunde ein neues Pasquill auf die Schwangerschaft und die Entbindung der Königin. Er schrieb sehr bald nach dem Haag, von zehn Personen glaube nicht eine, daß die Königin dieses Kind geboren habe[108].
Das Benehmen der gefangenen Prälaten erhöhte inzwischen die allgemeine Theilnahme, die ihre Lage erweckte. Am Abend des „schwarzen Freitags“, wie man den Tag ihrer Einkerkerung nannte, kamen sie gerade zur Stunde des Gottesdienstes in ihrem Gefängnisse an. Sie begaben sich sogleich in die Kapelle. Der Zufall wollte, daß im zweiten Vorlesestück die Worte vorkamen: „In allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes in großer Geduld und Trübsalen, in Nöthen und Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen.“ Alle eifrigen Anhänger der Staatskirche freuten sich dieses Zusammentreffens und erinnerten sich, wie ein ganz ähnliches vor fast vierzig Jahren Karl I. in seiner Todesstunde getröstet und erhoben hatte.
Am Abend des folgenden Tages, Samstag den 9. Juni, kam ein Schreiben von Sunderland, welcher dem Kaplan des Tower befahl, am nächsten Morgen beim Gottesdienste die Erklärung zu verlesen. Da die in dem Geheimrathsbefehl zur Verlesung in London bestimmte Zeit längst verstrichen war, so konnte dieses Verfahren der Regierung nur als eine ganz gemeine und kindische persönliche Insulte gegen die ehrwürdigen Gefangenen betrachtet werden. Der Kaplan weigerte sich zu gehorchen; er wurde sofort entlassen und die Kapelle geschlossen[109].
[103.] Correspondenz zwischen Anna und Marie in Dalrymple; Clarendon’s Diary Oct. 31. 1688.
[104.] Dies geht aus Clarendon’s Tagebuche vom 31. Oct. 1688 klar hervor.
[105.] Clarke’s Life of James the Second, II. 159. 160.
[106.] Clarendon’s Diary, June 10. 1688.