Sunderland’s Angst. [Der] schlaue Minister kam dahinter, daß sein Rath früher nur deshalb angenommen worden war, weil er denselben jederzeit nach dem Willen des Königs eingerichtet hatte, daß er aber von dem Augenblicke an, wo er wirklich guten ertheilte, kein Gehör mehr finden würde. Bei dem Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium hatte er einige Lauheit gezeigt. Er hatte ferner ganz neuerdings den König zu überzeugen gesucht, daß Tyrconnel’s Plan zur Confiscirung des Eigenthums der englischen Colonisten in Irland höchst gefährlich sei, und er hatte es mit Hülfe Powis’ und Bellasyse’s wenigstens dahingebracht, daß die Ausführung des Planes noch um ein Jahr aufgeschoben wurde. Aber diese zaghafte Bedenklichkeit hatte den Keim des Widerwillens und Mißtrauens ins Herz des Königs gelegt[116]. Der Tag der Vergeltung war jetzt gekommen. Sunderland war in der nämlichen Lage, in der sich einige Monate früher sein Nebenbuhler Rochester befunden hatte. Beide Staatsmänner lernten die Angst eines Menschen kennen, der sich krampfhaft an eine Stütze anklammert, die seinen Händen mehr und mehr entschlüpft. Beide sahen ihre Rathschläge verächtlich zurückgewiesen. Beide erlitten die Qual, in den Mienen und dem Benehmen ihres Gebieters Unzufriedenheit und Mißtrauen zu lesen, und doch wurden Beide von ihrem Vaterlande für die Verbrechen und Irrthümer, von denen sie ihn vergebens zurückzubringen versucht hatten, verantwortlich gemacht. Während er sie in dem Verdacht hatte, daß sie auf Kosten seiner Autorität und seiner Würde sich populär machen wollten, beschuldigte die öffentliche Stimme sie laut des Versuchs, auf Kosten ihrer eigenen Ehre und des Gemeinwohls die königliche Gunst zu gewinnen. Doch trotz aller Kränkungen und Demüthigungen hielten Beide ihren Ministerposten mit der verzweifelten Kraft Ertrinkender umklammert. Beide versuchten es, den König wieder günstig zu stimmen, indem sie sich stellten, als ob sie zum Anschluß an seine Kirche geneigt wären. Es gab aber eine Grenze, welche Rochester entschlossen war nicht zu überschreiten. Er ging bis an den Rand des Glaubensabfalls; hier aber blieb er stehen und in Berücksichtigung der Standhaftigkeit, mit der er sich weigerte, den letzten Schritt zu thun, verzieh ihm die Welt großmüthig seine frühere Willfährigkeit.

[116.] Sunderland’s eigner Erzählung darf man natürlich nicht unbedingten Glauben beimessen. Aber er führte Godolphin zum Zeugen für das an, was in Betreff der irischen Ansiedlungsacte vorgegangen war.

Er erklärt sich für einen Katholiken. [Der] weniger gewissenhafte und für das Schamgefühl weniger empfängliche Sunderland beschloß durch einen Schritt, der jedem von der Wichtigkeit der religiösen Überzeugung durchdrungenen Gemüth als eines der schändlichsten Verbrechen erscheinen mußte und den selbst weltlich gesinnte Menschen als das Übermaß von Verworfenheit betrachten, seine bisherige Mäßigung wieder gut zu machen und das Vertrauen des Königs wieder zu gewinnen. Ungefähr eine Woche vor dem zur Verhandlung des Prozesses anberaumten Tage erschien die öffentliche Ankündigung, daß er Papist geworden sei. Der König sprach mit Entzücken von diesem Siege der göttlichen Gnade. Die Höflinge und auswärtigen Gesandten bemühten sich nach Kräften ernsthaft zu bleiben, als der Renegat versicherte, daß er schon lange von der Unmöglichkeit überzeugt sei, außerhalb des Schooßes der römischen Kirche selig werden zu können, und daß sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen, bis er sich von dem Ketzerglauben losgesagt habe, in dem er erzogen worden. Die Neuigkeit verbreitete sich schnell. In allen Kaffeehäusern erzählte man sich, wie der Premierminister von England barfuß und mit einer Kerze in der Hand sich nach der königlichen Kapelle begeben und demüthig um Einlaß gebeten, wie die Stimme eines Priesters drinnen gefragt habe, wer da sei, wie Sunderland zur Antwort gegeben, ein armer Sünder, der lange fern von der wahren Kirche umherirre, flehe um Aufnahme und Absolution, wie hierauf die Thüren geöffnet worden seien und der Neubekehrte an den heiligen Mysterien habe Theil nehmen dürfen[117].

[117.] Barillon, 21. Juni (1. Juli) 1688; Adda, 29. Juni (9. Juli); Citters, 26. Juni (6. Juli); Johnstone, 2. Juli 1688; The Converts, a poem.

Prozeß der Bischöfe. [Dieser] schmachvolle Abfall konnte das Interesse nur erhöhen, mit dem die Nation dem Tage entgegensah, an welchem das Schicksal der sieben muthigen Bekenner der anglikanischen Kirche entschieden werden sollte. Eine willfährige Jury zusammenzubringen war jetzt das Hauptziel des Königs. Die Kronanwälte erhielten Befehl, die Gesinnung der Männer, welche in das Verzeichniß der Freisassen eingetragen waren, genau zu erforschen. Sir Samuel Astry, Sekretär der Krone, dem die Auswählung der Namen in solchen Fällen oblag, wurde in den Palast beschieden und hatte eine Unterredung mit Jakob, an welcher der Kanzler Theil nahm[118]. Sir Samuel scheint sein Möglichstes gethan zu haben, denn es befanden sich, wie es hieß, unter den achtundvierzig Personen, die er auswählte, mehrere Diener des Königs und mehrere Katholiken[119]. Da aber der Vertheidiger der Bischöfe das Recht hatte, zwölf davon zu streichen, so waren diese natürlich die gestrichenen. Die Kronanwälte strichen ebenfalls zwölf und die Liste reducirte sich dadurch auf vierundzwanzig. Die ersten zwölf, welche aufgerufen wurden, hatten dann den Ausspruch zu thun.

Am neunundzwanzigsten Juni waren Westminsterhall, der alte und der neue Palasthof und alle benachbarten Straßen weithin mit einer dicht gedrängten Volksmasse angefüllt. Ein so zahlreiches Auditorium war nie zuvor und ist auch seitdem nie wieder im Gerichtssaale der Kings Bench versammelt gewesen. Man zählte fünfunddreißig weltliche Peers unter der Menge[120].

Sämmtliche vier Richter des Gerichtshofes waren anwesend. Wright, der den Vorsitz führte, war einzig und allein wegen seiner gewissenlosen Servilität vielen tüchtigeren und gelehrteren Männern bei Besetzung seines hohen Postens vorgezogen worden. Allibone war Papist und verdankte seine Stellung der Dispensationsgewalt, deren Gesetzlichkeit eben in Frage stand. Holloway war seither ein willenloses Werkzeug der Regierung gewesen. Selbst Powell, der sich des Rufes strenger Rechtschaffenheit erfreute, hatte bei einigen Vorgängen eine Rolle gespielt, die sich nicht vertheidigen läßt. Er hatte in dem wichtigen Prozesse Sir Eduard Hales’, allerdings mit einigem Bedenken und nach einigem Zögern, mit der Mehrheit der Richter gestimmt und dadurch auf seinen Character einen Flecken geworfen, der aber durch sein ehrenwerthes Benehmen an diesem Tage völlig verwischt wurde.

Die beiderseitigen Rechtsanwälte waren einander durchaus nicht ebenbürtig. Die Regierung hatte von ihren Kronjuristen so gehässige und entehrende Dienste verlangt, daß die ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten und Advokaten der Torypartei nach einander ihre Mitwirkung verweigert hatten und ihrer Ämter entsetzt worden waren. Sir Thomas Powis, der Generalfiskal, war kaum ein Jurist dritten Ranges. Der Generalprokurator, Sir Wilhelm Williams, besaß zwar einen scharfen Verstand und einen unbeugsamen Muth, aber es fehlte ihm an der nöthigen Ruhe und Bedächtigkeit; er war streitsüchtig, konnte sein Temperament nicht beherrschen und wurde von allen politischen Parteien gehaßt und verachtet. Die hervorragendsten Beistände des Fiskals und des Prokurators waren Serjeant Trinder, ein Katholik, und Sir Bartholomäus Shower, Syndikus von London, der einige juristische Kenntnisse besaß, aber wegen seiner oft den Anstand verletzenden Vertheidigungen und seiner endlosen Wiederholungen das Gespött von ganz Westminsterhall war. Gern hätte die Regierung Maynard’s Dienste gewonnen; aber er hatte geradezu erklärt, daß er sich auf das, was man von ihm verlangte, mit gutem Gewissen nicht einlassen könne[121].

Auf der andren Seite hingegen standen fast alle ausgezeichneten juristischen Talente der damaligen Zeit. Sawyer und Finch, welche beim Regierungsantritt Jakob’s Fiskal und Prokurator gewesen waren, und die während der Verfolgung der Whigs unter der vorigen Regierung der Krone mit nur zu großem Eifer und zu glücklichem Erfolge gedient hatten, befanden sich unter den Vertheidigern der Angeklagten. Ihnen zur Seite standen zwei Männer, welche, seit Maynard’s Thätigkeit durch sein vorgerücktes Alter vermindert worden war, für die beiden besten Juristen galten: Pemberton, der zur Zeit Karl’s II. Oberrichter der Kings Bench gewesen, wegen seiner Menschlichkeit und Mäßigung aber dieses hohen Postens entsetzt worden und deshalb wieder zur advokatorischen Praxis zurückgekehrt war, und Pollexfen, der lange die Assisen im Westen geleitet und von dem man, obgleich er sich bei den blutigen Assisen durch Annahme von Aufträgen für die Krone und besonders durch sein Auftreten gegen Alice Lisle sehr unpopulär gemacht hatte, dennoch wußte, daß er im Herzen ein Whig, wenn nicht gar ein Republikaner war. Ferner war dabei Sir Creswell Levinz, ein Mann von gründlichen Kenntnissen und reichen Erfahrungen, aber von auffallend ängstlichem Wesen. Er war einige Jahre vorher von der Richterbank entfernt worden, weil er sich nicht hatte entschließen können, den Zwecken der Regierung zu dienen. Jetzt scheute er sich wieder, als Vertheidiger der Bischöfe aufzutreten und hatte sich zuerst geweigert, ihnen seine Dienste zu widmen; aber die ganze Corporation der Gerichtsadvokaten, die ihn beschäftigten, hatten ihm erklärt, daß wenn er diesen Auftrag zurückwiese, er nie wieder einen erhalten sollte[122].

Sir Georg Treby, ein reichbegabter und eifriger Whig, der unter der alten städtischen Verfassung Syndikus von London gewesen war, stand auf der nämlichen Seite. Sir Johann Holt, ein noch ausgezeichneterer whiggistischer Advokat, wurde wahrscheinlich deshalb, weil Sancroft gegen ihn eingenommen war, nicht mit zur Vertheidigung berufen, war aber vom Bischof von London privatim um Rath gefragt worden[123]. Der jüngste Rechtsbeistand der Bischöfe war ein junger Advokat, Namens Johann Somers. Er war weder durch hohe Geburt noch durch Vermögen begünstigt und hatte auch noch keine Gelegenheit gehabt, sich öffentlich auszuzeichnen, aber sein Genie, sein Fleiß und sein vielseitiges großes Talent waren einem kleinen Kreise von Freunden wohl bekannt, und sein gründliches, klares System der Beweisführung, sowie sein jederzeit taktvolles Benehmen hatten ihm trotz seiner whiggistischen Ansichten die Aufmerksamkeit des Gerichtshofes der Kings Bench bereits gesichert. Johnstone hatte den Bischöfen eindringlich vorgestellt, wie wichtig es sei, seinen Beistand zu gewinnen, und Pollexfen sollte erklärt haben, daß Niemand in Westminsterhall zur Behandlung einer geschichtlichen und die Verfassung berührenden Frage so befähigt sei, als Somers.