Russell erster Lord der Admiralität.
Trotz dieser Niederlage war der Vortheil entschieden auf Seiten der Whigs. Die an der Spitze der Marineverwaltung stehenden Tories waren zwar der Anklage entgangen, aber sie waren ihr mit so genauer Noth entgangen, daß der König sich ihrer unmöglich noch ferner bedienen konnte. Sunderland’s Rath behielt die Oberhand. Es wurde eine neue Admiralitätscommission gebildet und Russell zum ersten Lord ernannt. Das Commando der Kanalflotte besaß er bereits.
Nottingham’s Rücktritt.
Seine Erhebung machte Nottingham’s Rücktritt nothwendig. Denn obgleich es damals nichts Ungewöhnliches war, Männer, welche persönliche und politische Feinde waren, gleichzeitig hohe Aemter verwalten zu sehen, so war doch das Verhältniß zwischen dem ersten Lord der Admiralität und dem Staatssekretär, dessen Leitung das was man jetzt das Kriegsdepartement nennen würde, übertragen war, so eigenthümlicher Art, daß der öffentliche Dienst ohne herzliches Zusammenwirken Beider nicht wohl versehen werden konnte, und ein solches Zusammenwirken war bei Russell und Nottingham nicht zu erwarten. „Ich danke Ihnen,” sagte Wilhelm zu Nottingham, „für Ihre Dienste. Ich habe über nichts in Ihrem Verhalten zu klagen und trenne mich nur aus Nothwendigkeit von Ihnen.” Nottingham zog sich mit Würde zurück. Obwohl ein durchaus rechtschaffener Mann, verließ er das Amt doch viel reicher als er vor fünf Jahren in dasselbe eingetreten war. Was damals als die rechtmäßigen Emolumente seiner Stelle betrachtet wurde, war sehr bedeutend; überdies hatte er Kensington House an die Krone verkauft und hatte auch wahrscheinlich nach damaliger Sitte einige lucrative Schenkungen erhalten. Er legte alle seine Ersparnisse in Grundeigenthum an. Er habe erfahren, sagte er, daß seine Feinde ihn der Erwerbung von Reichthum durch unerlaubte Mittel zu beschuldigen gedächten. Er sei jeden Augenblick bereit, sich einer Untersuchung zu unterwerfen. Er wolle nicht, wie einige Minister gethan hätten, sein Vermögen so anlegen, daß es außer dem Bereiche der Gerechtigkeit seines Vaterlandes stehe, er wolle keinen geheimen Schatz haben und nichts in auswärtigen Papieren anlegen. Sein Eigenthum solle ausschließlich solches sein, das leicht ausfindig gemacht und confiscirt werden könne.[75]
Shrewsbury will kein Amt annehmen.
Einige Wochen lang blieben die von Nottingham abgegebenen Siegel im königlichen Cabinet. Die anderweitige Vergebung derselben erwies sich als kein leichtes Ding. Sie wurden Shrewsbury angeboten, der von allen Whighäuptern in der Gunst des Königs am höchsten stand; aber er lehnte sie ab und zog sich, um ferneren Anträgen aus dem Wege zu gehen, aufs Land zurück. Dort erhielt er bald einen dringenden Brief von Elisabeth Villiers. Diese Dame hatte, als sie noch ein Mädchen war, Wilhelm eine Leidenschaft eingeflößt, die an dem kleinen Hofe im Haag großes Aergerniß erregt und viel Unheil angerichtet hatte. Sie verdankte ihren Einfluß keineswegs persönlichen Reizen — denn es bedurfte Kneller’s ganzer Geschicklichkeit, damit sie auf der Leinwand erträglich aussah — und eben so wenig den ihrem Geschlecht eigenen Talenten — denn sie excellirte nicht in angenehmer Unterhaltung und ihren Briefen fehlte es auffallend an weiblicher Leichtigkeit und Eleganz — sondern vielmehr Geistesgaben, die sie geeignet machten, an den Sorgen von Staatsmännern Theil zu nehmen und ihnen rathend zur Seite zu stehen. Bis ans Ende ihres Lebens fragten sie große Politiker um Rath. Selbst Swift, der Schlaueste und Cynischste unter ihren Zeitgenossen, erklärte sie für die klügste aller Frauen und saß mehr als einmal, durch ihre Unterhaltung gefesselt, von zwei Uhr Nachmittags bis gegen Mitternacht bei ihr.[76] Nach und nach eroberte sich Marie durch ihre Tugenden und Reize den ersten Platz im Herzen ihres Gemahls. Aber in schwierigen Fällen wendete er sich noch immer häufig an Elisabeth Villiers um Rath und Beistand. Sie beschwor jetzt Shrewsbury, seinen Entschluß nochmals zu überlegen und sich nicht die Gelegenheit entgehen zu lassen, die Whigs für immer zu einigen. Wharton und Russell schrieben in dem nämlichen Sinne. Als Antwort kamen leere und nichtssagende Entschuldigungen: „Ich eigne mich nicht für das Hofleben; ich bin einer Stelle nicht gewachsen, die viel Anstrengung erfordert; ich stimme mit keiner Partei im Staate ganz überein; kurz, ich tauge nicht für die Welt. Ich will reisen, ich möchte Spanien kennen lernen.” Dies waren bloße Ausflüchte. Hätte Shrewsbury die ganze Wahrheit sagen wollen, so würde er geschrieben haben, daß er in einer bösen Stunde der Sache der Revolution, bei der er eine so große Rolle gespielt, untreu geworden, daß er Verpflichtungen eingegangen sei, die er bereue, von denen er sich aber nicht wieder losmachen könne, und daß er, so lange diese Verpflichtungen auf ihm lasteten, nicht gesonnen sei, in den Dienst der bestehenden Regierung zu treten. Marlborough, Godolphin und Russell machten sich allerdings kein Gewissen daraus, mit dem einen Könige zu correspondiren, während sie dem andren dienten. Shrewsbury aber hatte, was Marlborough, Godolphin und Russell nicht hatten: ein Gewissen, das ihn zwar nur zu oft nicht abhielt, Unrecht zu thun, das ihn aber stets strafte.[77]
In Folge seiner Weigerung die Siegel anzunehmen wurden die vom Könige beabsichtigten ministeriellen Arrangements erst gegen den Schluß der Session vollständig geordnet. Inzwischen waren die Verhandlungen der beiden Häuser höchst interessant und wichtig gewesen.
Debatten über den Handel mit Indien.
Bald nach dem Zusammentritt des Parlaments richtete sich die Aufmerksamkeit der Gemeinen von neuem auf den Zustand des Handels mit Indien, und die der alten Compagnie so eben ertheilte Concession wurde ihnen vorgelegt. Sie würden wahrscheinlich nicht abgeneigt gewesen sein, das neue Arrangement, das sich eigentlich nur wenig von dem unterschied, welches sie selbst nicht viele Monate früher vorgeschlagen hatten, zu bestätigen, wenn die Directoren mit Vorsicht zu Werke gegangen wären. Aber die Directoren hatten von dem Tage, an welchem sie ihre Concessionsurkunde erhalten, die Schleichhändler unbarmherzig verfolgt und ganz außer Acht gelassen, daß es etwas Andres war, die Schleichhändler in den östlichen Meeren zu verfolgen, als sie im Hafen von London zu verfolgen. Bisher war der Krieg der Monopolisten gegen die Privatkaufleute meist in einer Entfernung von fünfzehntausend Meilen von England geführt worden. Wenn Gewaltthätigkeiten geschahen, so sahen die Engländer es nicht und hörten erst davon nachdem sie lange geschehen waren; auch war es keineswegs leicht, in Westminster zu ermitteln, wer in einem vor mehreren Jahren in Murschedabad oder Canton entstandenen Streite Recht und wer Unrecht gehabt hatte. Mit unglaublicher Unbesonnenheit beschlossen die Directoren gerade in dem Augenblicke wo das Schicksal ihrer Compagnie in Frage stand, der Bevölkerung dieses Landes eine genaue Einsicht in die gehässigsten Züge des Monopols zu verschaffen. Einige reiche Londoner Kaufleute hatten ein schönes Schiff, die „Redbridge” genannt, ausgerüstet. Es hatte eine starke Bemannung und eine sehr werthvolle Ladung. Die Papiere waren nach Alicante adressirt, aber man hatte einigen Grund zu vermuthen, daß es nach den Ländern jenseit des Caps der guten Hoffnung bestimmt sei. In Gemäßheit eines Befehls, den die Compagnie, wahrscheinlich durch Vermittelung des Lordpräsidenten, vom Geheimen Rathe erlangt hatte, wurde es von der Admiralität angehalten. Jeder Tag, den es in der Themse lag, verursachte den Eigenthümern große Kosten. Die Entrüstung in der City war groß und allgemein. Die Compagnie behauptete, daß aus der Rechtmäßigkeit des Monopols die Rechtmäßigkeit des Anhaltens nothwendig hervorgehe. Das Publikum kehrte das Argument um, und da es fest überzeugt war, daß das Anhalten unrechtmäßig sei, folgerte es daraus, daß auch das Monopol unrechtmäßig sei. Der Streit hatte seinen Höhepunkt erreicht, als das Parlament zusammentrat. Petitionen von beiden Seiten wurden sogleich auf den Tisch der Gemeinen gelegt und beschlossen, daß diese Petitionen durch einen Ausschuß des ganzen Hauses in Erwägung gezogen werden sollten. Die erste Frage, an der die streitenden Parteien ihre Stärke versuchten, war die Wahl eines Präsidenten. Die Feinde der alten Compagnie schlugen Papillon vor, einst der engste Verbündete und nachher der entschiedenste Gegner Child’s, und sie setzten seine Wahl mit hundertachtunddreißig gegen hundertsechs Stimmen durch. Der Ausschuß schritt nun zu der Untersuchung, auf wessen Autorität die Redbridge angehalten worden sei. Einer ihrer Eigenthümer, Gilbert Heathcote, ein reicher Kaufmann und entschiedener Whig, erschien als Zeuge an der Schranke. Er wurde gefragt, ob er es wagen könne zu leugnen, daß das Schiff thatsächlich für den indischen Handel befrachtet worden sei. „Es ist meines Wissens keine Sünde,” antwortete er, „nach Indien Handelsgeschäfte zu machen, und ich werde Geschäfte dahin machen, bis ich durch eine Parlamentsacte verhindert werde.” Papillon erklärte in seiner Berichterstattung, daß nach der Meinung des Ausschusses das Anhalten der Redbridge unrechtmäßig sei. Es wurde hierauf die Frage gestellt, ob das Haus dem Ausschusse beistimme. Die Freunde der alten Compagnie wagten eine zweite Abstimmung und wurden mit hunderteinundfunfzig gegen hundertfünfundzwanzig Stimmen geschlagen.[78]
Dem Schlage folgte bald ein zweiter. Wenige Tage später wurde beantragt, daß alle Unterthanen England’s gleiches Recht hätten nach Ostindien Handel zu treiben, wenn es ihnen nicht durch eine Parlamentsacte verboten würde, und die Freunde der alten Compagnie ließen in der Ueberzeugung, daß sie die Minorität bildeten, den Antrag ohne Abstimmung durchgehen.[79]