So bildete sich allmälig ein Whigministerium. Es gab jetzt zwei whiggistische Staatssekretäre, einen whiggistischen Großsiegelbewahrer, einen whiggistischen ersten Lord der Admiralität und einen whiggistischen Kanzler der Schatzkammer. Der Lord Geheimsiegelbewahrer Pembroke konnte ebenfalls ein Whig genannt werden, denn sein Geist war so beschaffen, daß er willig den Eindruck jedes stärkeren Geistes aufnahm, mit dem er in Berührung gebracht wurde. Seymour wurde entlassen, nachdem er lange genug ein Commissar des Schatzes gewesen war, um einen großen Theil seines Einflusses auf die toryistischen Landgentlemen zu verlieren, die ihn meist angehört hatten wie ein Orakel, und seine Stelle wurde mit Johann Smith besetzt, einem eifrigen und talentvollen Whig, der an den Debatten der letzten Session thätigen Antheil genommen hatte.[112] Die einzigen Tories, welche noch hohe Aemter bei der ausübenden Verwaltung bekleideten, waren der Lordpräsident Caermarthen, der zwar zu fühlen begann, daß die Macht seinen Händen allgemach entschlüpfte, sich aber doch noch verzweifelt daran festklammerte, und der erste Lord des Schatzes, Godolphin, der sich wenig um Dinge bekümmerte, die außer dem Bereiche seines speciellen Departements lagen, und die Obliegenheiten dieses Departements mit Geschick und Emsigkeit erfüllte.
Verleihung neuer Titel.
Wilhelm bemühte sich indessen noch immer, seine Gunstbezeigungen zwischen den beiden Parteien zu theilen. Obgleich die Whigs die eigentliche Macht mehr und mehr an sich rissen, erhielten die Tories doch auch ihren Theil von ehrenvollen Auszeichnungen. So wurde Mulgrave, der während der letzten Session seine großen parlamentarischen Talente zu Gunsten der Politik des Königs aufgeboten hatte, zum Marquis von Normanby creirt und zum Cabinetsrath ernannt, aber nie um Rath gefragt. Er erhielt zu gleicher Zeit ein Jahrgeld von dreitausend Pfund. Caermarthen, den die neuerlichen Veränderungen tief gekränkt hatten, wurde durch ein glänzendes Zeichen der königlichen Zufriedenheit einigermaßen getröstet. Er wurde Herzog von Leeds. Es hatte ihm wenig über zwanzig Jahre Zeit gekostet, um sich von der Stellung eines Landgentleman von Yorkshire zur höchsten Stufe der Pairie emporzuschwingen. Zwei hochgestellte whiggistische Earls, Bedford und Devonshire, wurden zu gleicher Zeit zu Herzögen creirt. Es muß bemerkt werden, daß Bedford schon mehrere Male die Würde ausgeschlagen hatte, die er jetzt mit einigem Widerstreben annahm. Er erklärte, daß ihm sein Earltitel lieber sei als ein Herzogtitel, und er motivirte diese Bevorzugung durch einen sehr verständigen Grund. Ein Earl, der eine zahlreiche Familie habe, könne einen Sohn in den Tempel, einen andren auf ein Handelscomtoir der City schicken. Die Söhne eines Herzogs aber seien alle Lords und ein Lord könne sich seinen Lebensunterhalt weder in der Advokatur noch auf der Börse verdienen. Doch die Einwendungen des alten Mannes wurden besiegt, und den beiden vornehmen Häusern Russell und Cavendish, welche seit langer Zeit durch Freundschaft und durch Verschwägerung, durch gemeinsame Ansichten, durch gemeinsame Leiden und durch gemeinsame Triumphe eng verbunden waren, wurde an einem und demselben Tage die größte Ehre zu Theil, welche die Krone zu verleihen im Stande ist.[113]
Kriegsplan der Franzosen.
Die Gazette, welche diese Ernennungen anzeigte, zeigte auch an, daß der König nach dem Continent abgereist sei. Vor seiner Abreise hatte er mit seinen Ministern die Mittel zur Vereitelung eines von der französischen Regierung entworfenen Operationsplanes zur See berathen. Bisher war der Seekrieg hauptsächlich im Kanal und auf dem atlantischen Meere geführt worden. Jetzt aber hatte Ludwig beschlossen, seine Seemacht im Mittelländischen Meere zu concentriren. Er hoffte, daß mit ihrer Hülfe die Armee des Marschalls Noailles im Stande sein werde Barcelona zu nehmen, ganz Catalonien zu unterwerfen und Spanien zu zwingen, um Frieden zu bitten. Demgemäß segelte Tourville’s Geschwader, aus dreiundfunfzig Kriegsschiffen bestehend, am 25. April von Brest ab und passirte am 4. Mai die Straße von Gibraltar.
Kriegsplan England’s.
Um die Absichten des Feindes zu vereiteln, beschloß Wilhelm, Russell mit dem größeren Theile der combinirten Flotte England’s und Holland’s ins Mittelländische Meer zu schicken. In den britischen Gewässern sollte ein Geschwader unter den Befehlen des Earls von Berkeley bleiben. Talmash sollte sich mit einem starken Truppencorps an Bord dieses Geschwaders einschiffen und sollte Brest angreifen, das man in Abwesenheit Tourville’s und seiner dreiundfunfzig Schiffe für leicht einnehmbar hielt.
Daß in Portsmouth Anstalten zu einer Expedition getroffen wurden, an der die Landtruppen Theil nehmen sollten, ließ sich nicht verheimlichen. Ueber die Bestimmung des Geschwaders hatte man in der Rose und bei Garraway allerhand Vermuthungen. Einige sprachen von Rhe, Andere von Oleron, noch Andere von Rochelle, wieder Andere von Rochefort. Manche glaubten, ehe die Flotte sich in westlicher Richtung zu bewegen begann, sie sei nach Dünkirchen bestimmt. Manche Andere vermutheten dagegen, daß Brest der Angriffspunkt sein werde; aber sie vermutheten dies eben nur, denn das Geheimniß wurde besser bewahrt als die meisten andern Geheimnisse der damaligen Zeit.[114] Russell versicherte bis zu dem Augenblicke wo er bereit war die Anker zu lichten, seinen jakobitischen Freunden beständig, er wisse von nichts. Seine Verschwiegenheit blieb selbst Marlborough’s Kunstgriffen gegenüber fest. Doch Marlborough hatte andere Quellen. An diese Quellen wendete er sich, und es gelang ihm endlich, den ganzen Plan der Regierung zu entdecken. Er schrieb sofort an Jakob. Er habe, sagte er, so eben in Erfahrung gebracht, daß zwölf Regimenter Infanterie und zwei Regimenter Marinesoldaten unter Talmash’s Commando auf dem Punkte ständen sich einzuschiffen, um den Hafen von Brest und die daselbst liegenden Schiffe zu zerstören. „Dies,” setzte er hinzu, „würde ein großer Vortheil für England sein. Aber keine Rücksicht kann und soll mich jemals abhalten, Ihnen Alles mitzutheilen, wovon ich glaube, daß es Ihnen nützlich sein kann.” Dann, warnte er Jakob vor Russell. „Ich versuchte vor einiger Zeit, dies von ihm zu erfahren; aber er behauptete stets, nichts davon zu wissen, obgleich ich fest überzeugt bin, daß er den Plan schon seit mehr als sechs Wochen kannte. Dies scheint mir ein schlimmes Zeichen von der Gesinnung dieses Mannes.”
Die von Marlborough erhaltene Benachrichtigung theilte Jakob der französischen Regierung mit, und diese traf mit der ihr eigenen Energie und Eile ihre Maßregeln. Rasches Handeln war allerdings auch nöthig, denn als Marlborough seinen Brief schrieb, waren die Rüstungen in Portsmouth nahezu vollendet, und wäre der Wind den Engländern günstig gewesen, so hätte der Zweck der Expedition vielleicht ohne Kampf erreicht werden können. Aber widrige Winde hielten unsre Flotte noch einen Monat im Kanal zurück. Unterdessen war bei Brest ein zahlreiches Armeecorps zusammengezogen worden. Vauban war beauftragt, die Vertheidigungswerke in Stand zu setzen, und unter seiner geschickten Leitung wurden Batterien aufgefahren, welche jeden Punkt beherrschten, wo der Feind möglicherweise eine Landung versuchen konnte. Acht große Flöße, deren jedes eine Menge Mörser trug, wurden im Hafen vor Anker gelegt, und einige Tage vor Ankunft der Engländer war Alles zu ihrem Empfange bereit.