Am 6. Juni befand sich die ganze verbündete Flotte etwa funfzehn Meilen westlich vom Cap Finisterre im Atlantischen Meere. Hier trennten sich Russell und Berkeley. Russell fuhr weiter nach dem Mittelländischen Meere, und Berkeley’s Geschwader, mit den Truppen an Bord, steuerte nach der Küste der Bretagne und ankerte vor der Camaretbai, nahe bei der Einfahrt des Hafens von Brest. Talmash schlug vor, in der Camaretbai zu landen. Es erschien daher wünschenswerth, die Beschaffenheit der Küste genau zu untersuchen. Der älteste Sohn des Herzogs von Leeds, jetzt Marquis von Caermarthen, nahm es auf sich, in die Bucht einzufahren und die nöthigen Aufschlüsse zu erlangen. Die Leidenschaft dieses tapferen und excentrischen jungen Mannes für Seeabenteuer war unbezwinglich. Er hatte um den Rang eines Contreadmirals gebeten und ihn erhalten und begleitete die Expedition auf seiner eigenen Yacht „Peregrine,” die als ein Meisterstück der Schiffbaukunst berühmt war und schon mehr als einmal in dieser Geschichte erwähnt worden ist. Cutts, der sich durch seine Unerschrockenheit im irischen Kriege ausgezeichnet hatte und mit der irischen Peerswürde belohnt worden war, erbot sich, Caermarthen zu begleiten. Lord Mohun, der wahrscheinlich mit dem Wunsche, durch ehrenvolle Thaten den Schandfleck zu verwischen, den ein schmachvoller und unglücklich ausgegangener Streit auf seinen Namen geworfen, als Freiwilliger bei den Truppen diente, bestand ebenfalls darauf, von der Partie zu sein. Der Peregrine fuhr mit seiner tapferen Mannschaft in die Bucht ein und kam wohlbehalten, aber nicht ohne in großer Gefahr geschwebt zu haben, wieder heraus. Caermarthen berichtete, daß die Vertheidigungsanstalten, von denen er indeß nur einen kleinen Theil gesehen, furchtbar seien. Berkeley und Talmash aber vermutheten, daß er die Gefahr überschätzt habe. Sie wußten nicht, daß ihr Vorhaben schon längst in Versailles bekannt gewesen, daß eine Armee zu ihrem Empfange zusammengezogen worden war und daß der größte Ingenieur der Welt die Küste befestigt hatte. Sie zweifelten daher nicht, daß ihre Truppen unter dem Schutze der Kanonen ihrer Schiffe leicht würden ans Land gesetzt werden können. Am folgenden Morgen erhielt Caermarthen Ordre, mit acht Linienschiffen in die Bai einzufahren und die französischen Werke zu bombardiren. Talmash sollte mit ungefähr hundert Booten voll Soldaten folgen. Es stellte sich bald heraus, daß das Unternehmen sogar noch gefährlicher war, als es den Tag vorher geschienen hatte. Batterien, die man gar nicht bemerkt hatte, eröffneten ein so mörderisches Feuer gegen die Schiffe, daß mehrere Verdecke bald gesäubert waren. Starke Infanterie- und Cavalleriecorps kamen zum Vorschein und erwiesen sich nach ihren Uniformen als reguläre Truppen. Der junge Contreadmiral schickte schleunigst einen Offizier ab, um Talmash zu warnen. Aber Talmash war so vollständig von dem Wahne beherrscht, daß die Franzosen nicht darauf vorbereitet seien, einen Angriff abzuwehren, daß er jede Vorsichtsmaßregel unterließ und nicht einmal seinen eigenen Augen traute. Er glaubte fest, daß die Truppenmacht, die er an der Küste versammelt sah, ein bloßer Bauernschwarm sei, den man in der Eile aus der Umgegend zusammengetrieben habe. Ueberzeugt, daß diese Scheinsoldaten vor wirklichen Soldaten wie Schafe davonlaufen würden, befahl er seinen Leuten, nach dem Strande zu rudern. Er wurde bald eines Andren belehrt. Ein fürchterliches Feuer mähte seine Truppen rascher nieder als sie ans Ufer gelangen konnten. Er selbst war kaum auf trocknen Boden gesprungen, als eine Kanonenkugel ihn am Schenkel verwundete, so daß er in sein Boot zurückgetragen werden mußte. Seine Leute schifften sich in Verwirrung wieder ein. Schiffe und Boote eilten aus der Bucht herauszukommen, was ihnen jedoch erst gelang, nachdem vierhundert Matrosen und siebenhundert Soldaten gefallen waren. Noch viele Tage nachher spülten die Wellen fortwährend von Kugeln zerrissene und verstümmelte Leichname an den Strand der Bretagne. Die Batterie, von welcher Talmash seine Wunde erhielt, wird noch heute „des Engländer’s Tod” genannt.
Der unglückliche General wurde auf sein Lager gebettet und in seiner Kajüte ein Kriegsrath gehalten. Er war dafür, direct in den Hafen von Brest einzufahren um die Stadt zu bombardiren. Dieser Vorschlag aber, der nur zu deutlich verrieth, daß seine Urtheilskraft unter der Aufregung eines verwundeten Körpers und eines verwundeten Gemüths gelitten hatte, wurde von den Flottenoffizieren wohlweislich verworfen. Das Geschwader kehrte nach Portsmouth zurück. Dort starb Talmash, noch mit seinem letzten Athemzuge versichernd, daß er durch Verrätherei in eine Schlinge gelockt worden sei. Der Schmerz und Unwille des Volks äußerte sich laut. Die Nation erinnerte sich der Dienste des unglücklichen Generals, verzieh ihm seine Uebereilung, bedauerte seine Leiden und fluchte dem unbekannten Verräther, dessen Machinationen ihm zum Verderben gereicht hatten. Es circulirten allerhand Muthmaßungen und Gerüchte. Einige durch Nationalvorurtheil verblendete starre Engländer schworen, daß keiner unserer Pläne je dem Feinde verborgen bleiben würde, so lange französische Refugiés hohe Militärcommandos bekleideten. Einige durch Parteigeist verblendete eifrige Whigs murmelten, daß es dem Hofe von Saint-Germain nie an guter Kundschaft fehlen würde, so lange ein einziger Tory im Cabinetsrath sei. Der wirklich Schuldige wurde nicht genannt und erst als die Archive des Hauses Stuart untersucht wurden, erfuhr die Welt, daß Talmash durch die schändlichste aller hundert Schändlichkeiten Marlborough’s umgekommen war.[115]
Und doch war Marlborough niemals weniger ein Jakobit gewesen als in dem Augenblicke wo er dem Jakobitismus diesen abscheulichen und schmachvollen Dienst leistete. Man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht seine Absicht war, der verbannten Familie zu dienen, und daß es nur seine sekundäre Absicht war, sich bei der verbannten Familie beliebt zu machen. Sein Hauptzweck war, sich in den Dienst der bestehenden Regierung einzudrängen und wieder in den Besitz der wichtigen und einträglichen Stellen zu gelangen, die ihm vor mehr als zwei Jahren entzogen worden waren. Er wußte, daß das Land und das Parlament es nicht geduldig ertragen würden, die Armee von ausländischen Generälen commandirt zu sehen. Nur zwei Engländer hatten sich für hohe militärische Posten brauchbar erwiesen: er selbst und Talmash. Wenn Talmash geschlagen und entlassen wurde, blieb Wilhelm fast keine Wahl mehr. In der That, sobald es bekannt wurde, daß die Expedition mißlungen und daß Talmash nicht mehr war, äußerte sich laut das allgemeine Verlangen, daß der König den ausgezeichneten Heerführer, der bei Walcourt, bei Cork und bei Kinsale so Großes geleistet habe, wieder zu Gnaden annehmen solle. Auch können wir die Menge wegen dieses Verlangens nicht tadeln, denn Jedermann wußte, daß er ein vorzüglich tapferer, geschickter und glücklicher Offizier war; aber nur sehr Wenige wußten, daß, während er Wilhelm’s Truppen befehligte, während er in Wilhelm’s Staatsrath saß und während er Wilhelm’s Kammerherr war, er ein ungemein arglistiges und gefährliches Complot schmiedete, um Wilhelm’s Thron umzustürzen, und noch Wenigere vermutheten in ihm den Urheber des neuerlichen Unglücks, des Gemetzels in der Camaretbai und des traurigen Schicksals Talmash’s. So hatte die schändlichste aller Verräthereien die Folge, daß der Verräther in der öffentlichen Achtung stieg. Er unterließ denn auch nicht, den günstigen Augenblick sich zu Nutze zu machen. Während die Börse wegen des durch ihn herbeigeführten Unglücks in Bestürzung war, während zahlreiche Familien um die tapferen Männer, deren Mörder er war, Trauer anlegten, begab er sich nach Whitehall und betheuerte dort mit all’ der Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, unter denen ein verdorrtes Gewissen und ein reueloses Herz vor den Blicken oberflächlicher Beobachter verborgen waren, daß er der treueste und loyalste Unterthan Wilhelm’s und Mariens sei, und sprach die Hoffnung aus, daß es ihm unter den gegenwärtigen dringenden Umständen vergönnt sein werde, Ihren Majestäten seinen Degen anzubieten. Shrewsbury wünschte sehr, daß das Anerbieten angenommen werden möchte, aber eine kurze und trockene Antwort von Wilhelm, der sich damals in den Niederlanden befand, machte für den Augenblick jeder Unterhandlung ein Ende. Ueber Talmash sprach sich der König mit hochherziger Rührung aus. „Das Schicksal des armen Freundes,” schrieb er, „hat mich tief ergriffen. Ich kann zwar nicht sagen, daß er den richtigen Weg eingeschlagen hat; aber sein heißer Drang sich auszuzeichnen, bewog ihn, Unmögliches zu versuchen.”[116]
Die nach Portsmouth zurückgekehrte Flotte segelte bald wieder nach der Küste Frankreich’s ab, aber vollbrachte nur Thaten, welche schlimmer als unrühmlich waren. Es wurde ein Versuch gemacht, den Hafendamm von Dünkirchen in die Luft zu sprengen. Einige von friedlichen Kaufleuten und Fischern bewohnte Städte wurden bombardirt. In Dieppe blieb fast kein einziges Haus stehen, ein Drittel von Havre wurde in Asche gelegt, und nach Calais wurden Bomben geworfen, welche dreißig Privatwohnungen zerstörten. Die Franzosen und Jakobiten schrien laut über die Feigheit und Barbarei, gegen eine wehrlose Bevölkerung Krieg zu führen. Die englische Regierung vertheidigte sich, indem sie die Welt an die Leiden der dreimal verwüsteten Pfalz erinnerte, und Ludwig und seinen Schmeichlern gegenüber war diese Rechtfertigung vollkommen genügend. Ob es sich aber mit der Humanität und mit einer gesunden Politik vereinbaren ließ, die Verbrechen, die ein unumschränkter Fürst und eine wilde Soldateska in der Pfalz verübt hatten, Krämern und Arbeitern, Frauen und Kindern entgelten zu lassen, die gar nicht wußten, daß es eine Pfalz gab, dürfte wohl zu bezweifeln sein.
Operationen im Mittelländischen Meere.
Inzwischen leistete Russell’s Flotte der gemeinsamen Sache gute Dienste. Widrige Winde hatten seine Einfahrt durch die Meerenge so lange verzögert, daß er erst Mitte Juli Carthagena erreichte. Indessen hatten die Fortschritte der französischen Waffen selbst bis in das Eskurial Schrecken verbreitet. Noailles hatte an den Ufern des Tar eine Armee unter den Befehlen des Vicekönigs von Catalonien geschlagen, und an dem Tage, an welchem dieser Sieg erfochten wurde, hatte sich das Brester Geschwader in der Rosasbai mit dem Touloner Geschwader vereinigt. Palamos, gleichzeitig zu Lande und zur See angegriffen, wurde mit Sturm genommen. Gerona kapitulirte nach schwachem Widerstande. Ostalric ergab sich auf die erste Aufforderung. Barcelona würde aller Wahrscheinlichkeit nach auch gefallen sein, hätten die französischen Admiräle nicht erfahren, daß der Sieger von La Hogue sich nähere. Sie verließen sogleich die Küste von Catalonien und hielten sich nicht eher für sicher, als bis sie unter dem Schutze der Batterien von Toulon waren.
Die spanische Regierung sprach ihren warmen Dank für diesen rechtzeitigen Beistand aus und machte dem englischen Admiral einen Juwel zum Geschenk, dessen Werth allgemein auf zwanzigtausend Pfund Sterling geschätzt wurde. Es hielt nicht schwer, einen solchen Juwel unter der Masse kostbarer Kleinodien zu finden, welche Karl V. und Philipp II. einem entarteten Geschlecht hinterlassen hatten. In Allem, was den wahren Reichthum eines Staates bildet, war jedoch Spanien sehr arm. Seine Schatzkammer war leer, seine Arsenale waren nicht gefüllt, seine Schiffe waren so verfallen, daß sie bei dem Abfeuern ihrer eigenen Geschütze aus den Fugen zu gehen drohten. Seine zerlumpten und verhungerten Soldaten mischten sich oft unter den Bettlerschwarm an den Thüren der Klöster und schlugen sich da um eine Suppe und eine Brotrinde. Russell erfuhr die Prüfungen, denen kein englischer Befehlshaber entgangen ist, den sein Unstern dazu verurtheilte, in Verbindung mit Spanien zu operiren. Der Vicekönig von Catalonien versprach Viel, that Nichts und erwartete Alles. Er erklärte, daß dreihundertfunfzigtausend Rationen zur Vertheilung an die vor Carthagena liegende Flotte bereit seien. Es ergab sich jedoch, daß alle Magazine dieses Hafens nicht soviel Lebensmittel enthielten, um eine einzige Fregatte auf eine einzige Woche zu verproviantiren. Gleichwohl glaubte Se. Excellenz das Recht zu haben, sich darüber zu beschweren, daß England außer der Flotte nicht auch eine Armee geschickt habe, und daß der ketzerische Admiral es nicht für gut fand, die Flotte durch Angreifen der Franzosen unter den Kanonen von Toulon der gänzlichen Vernichtung auszusetzen. Russell beschwor die spanischen Behörden, die Thätigkeit auf ihren Schiffswerften zu beschleunigen und Alles aufzubieten, um für nächstes Frühjahr ein kleines Geschwader zu stellen, das wenigstens seetüchtig sei; aber er konnte sie nicht dazu bewegen, ein einziges Schiff auszubessern. Nur mit Mühe und unter harten Bedingungen erlangte er die Erlaubniß, einige seiner Kranken in die Marinehospitäler an der Küste zu schicken. Doch trotz aller Verlegenheiten, die ihm die Bornirtheit und Undankbarkeit einer Regierung bereitete, welche ihren Alliirten jederzeit mehr Schaden zugefügt hat als ihren Feinden, machte er seine Sache gut. Es ist nicht mehr als recht und billig, wenn man sagt, daß von dem Augenblicke an, wo er erster Lord der Admiralität wurde, eine entschiedene Besserung in der Marineverwaltung eintrat. Obgleich er mit seiner Flotte viele Monate lang in der Nähe einer ungastlichen Küste und in weiter Entfernung von England lag, kamen keine Klagen über die Qualität oder Quantität der Lebensmittel vor. Die Mannschaften hatten bessere Speisen und Getränke, als sie je zuvor gehabt; Bequemlichkeiten, welche Spanien nicht darbot, wurden vom Hause herbeigeschafft, und dennoch war der Kostenaufwand nicht größer als zu Torrington’s Zeiten, wo der Matrose mit verfaultem Zwieback und mit verdorbenem Biere vergiftet wurde.
Da fast die ganze französische Seemacht im Mittelländischen Meere war und da zu erwarten stand, daß in folgendem Jahre ein Versuch auf Barcelona gemacht werden würde, so erhielt Russell den Befehl, in Cadix zu überwintern. Im October segelte er nach diesem Hafen ab und hier betrieb er die Ausbesserung seiner Schiffe mit einer Thätigkeit, die den spanischen Beamten, welche die elenden Ueberreste der einst größten Flotte der Welt ruhig vor ihren Augen verfaulen ließen, unbegreiflich war.[117]
Krieg zu Lande.
Längs der östlichen Grenze Frankreich’s schien der Krieg dieses Jahr lässig betrieben zu werden. In Piemont und am Rhein waren die wichtigsten Ereignisse des Feldzugs kleine Scharmützel und räuberische Einfälle. Ludwig blieb in Versailles und schickte seinen Sohn, den Dauphin, in die Niederlande, um ihn dort zu repräsentiren; aber der Dauphin stand unter der Vormundschaft Luxemburg’s und er erwies sich als ein sehr folgsames Mündel. Mehrere Monate lang beobachteten die feindlichen Heere einander nur. Die Verbündeten versuchten einen kühnen Angriff in der Absicht, den Krieg auf französisches Gebiet zu übertragen; Luxemburg aber vereitelte den Plan durch einen Eilmarsch, der die Bewunderung aller Kriegskundigen erregte. Dagegen gelang es Wilhelm, Huy zu nehmen, damals eine Festung dritten Ranges. Keine Schlacht ward geliefert, keinige wichtige Stadt ward belagert, aber die Verbündeten waren mit dem Feldzuge zufrieden. Die vier letztverflossenen Jahre waren jedes durch eine große Niederlage bezeichnet worden. Im Jahre 1690 war Waldeck bei Fleurus geschlagen worden. Im Jahre 1691 war Mons gefallen. Im Jahre 1692 war Namur vor den Augen der Alliirten genommen worden und auf dieses Unglück war bald die Niederlage bei Steenkerke gefolgt. Im Jahre 1693 war die Schlacht bei Landen verloren worden und Charleroy hatte sich dem Sieger unterworfen. Endlich im Jahre 1694 hatte sich das Blatt zu wenden begonnen. Die französischen Armeen hatten keine weiteren Fortschritte gemacht. Die Verbündeten hatten zwar nicht viel gewonnen; aber den durch eine lange Reihe von Unfällen Entmuthigten war auch der kleinste Gewinn willkommen.