Und früher habe ich nicht gelebt?
Es mochte ein geschäftiger, schenkender, die Gebetsandacht des Abends vorbereitender Tag gewesen sein ... Jahrmarktstag. In der morgentlichen Luft hüpften die rötlichen Kälblein, braune Bauern schleppten Weizensäcke, aus schattigen Zelten glänzten wohlriechende, faltige Stiefel, glockenröckige Bäuerinnen feilschten keifend vor den Kurzwarenständen, auf dem feuchten Bürgersteig bunte Blumenbeete, im Sonnenschein nickten Goldregen, Stiefmütterchen; aus den Garküchen wehten Fisch- und Bratengerüche von gaumenanreizender Fettigkeit hervor. Am Saume des Marktes, in aufgewirbeltem Staub, wurden Fohlen, stolze Rosse geschirrt; hier rannte mit feilschender Aufregung, mit verschmitztem Eifer, ärgerte sich, scherzte erleichtert, mein arbeitsamer Vater. Und er schickte das rote Kalb zum Metzger, bestimmte die fünf Sack Weizen für den Getreidehändler, kaufte für den Gastwirt Enten, Schafe, und bis zum Abend haben sich die flinken Sechserln, die schwerfälligeren, selteneren Gulden angesammelt; daß nur endlich der milde, schmeichelnde Abend gekommen ist.
Sabbat Abend ...
Braune Schatten engen die kleine Stube ein, aus ihrem Schoß flattern, zittern Alkoholflammen auf dem Tisch, violette Kämme beben auf, in der Höhe wird Goldlicht angezündet, von gaffenden Augen bis an den Tisch reichender Kinder blinkend gespiegelt; ein verbrämter, versteckender Käfig ist nun die kleine Stube, auf den Schattenteppichen spaziert und singt mein Vater, unter des Fensters Baldachin sitzt und schweigt meine strahlende Mutter.
Mein Vater singt.
Körnt summend die Gebetzeilen ab, seine Stimme rastet mit andächtiger Mattigkeit, er geht mit seligen Schritten in der Dämmerung auf und nieder, sein gehetztes Gehirn spielt mit dem Frieden, das hebräische Lied lockt abermals seine Stimme hervor, und er singt, jammert, wie die vielen, vielen alten Leute, die zueinander die gottesfürchtigen Freuden hinübersingen, diese von Traurigkeit verängsteten Melodien.
Spazierend singt mein Vater, seine Stimme schwillt an, bebt vom Feuer der heiligen Kantoren, das Verständnis des Gelehrten verkostet einzeln die gejammerten hebräischen Worte; seine gehetzte Phantasie streift flatternd Geheimnisse der heiligen Bücher und berührt dräuende Schrecken der erschütternden Sorgen; mein Vater singt. Die Qual des Morgens, die Verheißung der Schmach, der Schrecken der Phylloxera, sieghafte Intriguen der geschickteren Feilschereien, Ungemach, Schmerz und ängstliche Feigheit spuken auch jetzt bösartig in der weißen Betäubung, doch zieht mein Vater über sein verwirrtes Herz das Gebet, singt sehnsuchtsvoll, flehentlich:
„Friede mit euch, Selah ...“
Friede mit euch, Selah ... Erschlaffe, schmerzende Ungewißheit, besänftige dich, sinnlose Drohung, zerstreue dich, niedersinkende Düsterheit, Geld, Unheil, Schreck, greint lallend, in armer Leute Heim rastet friedlich der Abend; auf dem Tisch zucken die ersterbenden Flammen; der duftende Alkohol, die dumpfen Muskaten, des Ölbaumes silbriger Zweig flattern verschlungen über dem Opfertischchen, in der Abenddunkelheit züngeln Flammen in die Höhe, mein Vater singt munter, selbstvergessen heiter:
„Der Du erschaffen die duftenden Gewürze ...“