Seine Stimme gurgelt, schwingt auf:

„Gelobet sei Dein Name ...“

Die zwei jungen, schweren Hände über die Flammen ausbreitend, mißt er mit taumelnder Müdigkeit des Käfigs Ferne, mißt und mißt; von östlichen Gewürzen singt mein Vater, über den aneinandergeschmiegten Leuten wölbt sich ungarischer Duft, am Fenster, in staubendem Regen des Essigbaums, sitzt meine träumende Mutter, Duftgewänder um den schönen, schlanken Körper. Feiertag, Abschied ist meines Vaters Gesang, im vertieften Schatten sinken seine Hände wie müde Vögel nieder; die geflochtene Wachskerze lodert, flackert, ihr spitzenzackiger Kopf wird einschläfernd in die auf dem Tisch wühlenden Flämmchen getaucht; mein Vater singt, die Stimmchen der Kinder zirpen kreisend auf, es summt der Bienenstock, im verbrämten Nest erfreuen sich zwitschernde Kindlein; auf dem Opfertischchen entflammt, verlöscht das behende Licht, flackert noch einmal auf, der ringende Glanz verkriecht sich, und der Abend verschließt sein Braun. Meines betenden Vaters langsame Hände segnen streichelnd.

Schlummernde Nacht schütze deine Geheimnisse, Dunkelheit verdichte deine Schleier; jemandes körperloses Leben geistert bereits auf dem Lebensvorhang.

Ineinanderfunkelnde Sterne tummelt euch, umherirrende Sommerwinde weht raunend ineinander, reife Bäume, offene Kelche, Blüten schwebt seufzend ineinander, heiliger David auf dem blassen Thron, spiel, spiel diese Nacht schöne jüdische Psalmen, denn heute segnet reine Freude zwei betörte Menschen. Blut, das sich an der Wärme des Euphrat gewärmt, Phantasie, vom Flüstern der Lotusblume erhitzt, Herz, das auf der Galeere des Stolzes, der Traurigkeit, der Schmach geschwommen, entbrennet; versunkenes Ahnentum, großäugige Hohepriester, Beduinenheiden, Ghettoträumer brechet auf; aus göttlicher Geheimnisse Schoß schießt zitterndes Leben hervor.

Trampelt sorglos zwischen eueren kinderduftigen Kissen, auf eueren Traumschaukeln, ihr, meine kleinen Geschwister.

Ich komme, komme.

Einst sah ich einmal, und sah damals zum letzten Mal meiner Mutter Heimatsdorf Rád; das damalige Kinderaug lebt auch jetzt noch in meinem Auge. Eine zusammengetakelte, baufällige Hütte, kitzelnder, schwerer Stallgeruch auf dem Hof, in einem niedrigen, mit kalter Erde gepflasterten Stübchen zögern sehr alte Leute, und neben dem Herd noch ältere, eine mütterchenartige Frau und ein Riesengreis dösen, am Ende des Hofes ein Hang, und noch weiter etwas wie ein Garten, lauter Pflaumenbäume; dichte Pflaumenbäume, ihre obsttragenden Kronen neigen sich ineinander und wurzeln mit waldiger Ferne in der Wiese; wie war dieses Dickicht über mir? Ich vermag es nicht zu sagen.

Wie ein zischender Augenblick, wenn wir das in die Sonne staunende Auge schließen und um uns herum der Abend mit wildem Tumult, mit wunderlichen Bildern niedersinkt, wie die Blendung, wenn wir zum erstenmal japanische Stiche kennen lernen und Laubkronen der japanischen Bäume unsere sich fortsehnende Neugierde zu Traumreisen verlocken, wie die Decken kleiner Bauernkapellen, von denen in dicken Wogen die himmelblauen Gipswolken herabhängen ... Oft hatte hier meine Mutter geweilt, wenn sie stürmische Traurigkeit von meinem Vater fortführte, und auf den schattigen Pfaden der Ráder Pflaumenbäume sind wir Kinder, im schlummernden Nichtsein, wahrlich alle dahingewandelt, wenn wir über unsere Mutter Unheil gebracht hatten.

Reife Laube, die sich über der müden Phantasie wölbt, o, wie oft hat sie meine Mutter umschlossen? Hat die kraftlose Frucht, der sich loslösende Gedanke meine Mutter in der verzückten Stille des blauen Schattens begleitet? Zeigt die heilige Traumversunkenheit immer nur die Armut, die ihre Verlobten mit dem Zauber des Leids aufsucht? Spielt der besuchende Traum immer nur mit seinen Fragen-Prismen, die der Erwählten Bewußtsein stets lähmen? ...