„Vielleicht steigen wir morgen hinauf, wenn es Tag ist, die Sonne scheint und wärmt, Herr Professor!“
„Da kannst du lange warten, Christian, einige zwanzig Jahre vergehen, bis es hier wieder Tag wird, wenn man dieses trübe Sonnenlicht hier Tag nennen kann. Diese Gegend auf dem Uranus hat ungefähr vierzig Jahre Tag und Sommer, und dann wieder vierzig Jahre Nacht und Winter!“
„Um des Himmels willen, was für ein verrückter Stern ist das!“ rief Christian. „Vierzig Jahre lang sieht man die Sonne nicht und lebt wie ein Schlamm-Molch in tiefster Finsternis, und dann wird es wieder vierzig Jahre nicht dunkel? Nein, das ist keine Welt für mich! Wenn nun hier jemand während der langen Nacht geboren wird, da kann er, wenn er mit vierzig Jahren stirbt, niemals in seinem Leben die Sonne sehen. Und die lange Nacht, das ist etwas für Riesenfaulpelze!“
„Nun, Christian, die Leute wohnen ja hier unterirdisch bei künstlichem Licht und werden schon durch eine ihnen angenehme Einteilung des Tages Arbeit und Schlaf trennen. Aber hier, nahe dem Südpol des Uranus, ist es tatsächlich so, wie ich dir sagte. Der Uranus braucht vierundachtzig Jahre, um einmal die Sonne zu umwandern. Zweiundvierzig Jahre lang ist der Südpol dieses Erdenballes der Sonne zugekehrt, und dann kommt wieder zweiundvierzig Jahre lang der Nordpol an die Reihe. Wir sind hier, wie mir mein Uranuskollege klarmachte, nahe dem Südpol und befinden uns in der zweiundvierzigjährigen Nacht. Wollen wir also die Sonne sehen und die dicht bei ihr dahinziehende Erde, so müssen wir zur anderen Halbkugel hinüber reisen. Und das wollen wir morgen in Begleitung des Astronomen und eines hohen Staatsbeamten auch tun. – Jetzt aber wollen wir schlafen, mein Freund, denn ich bin todmüde.“
Sie drehten sich jeder auf die andere Seite, und als sie die Köpfe auf die Polster legten, erlosch auch das Licht an der Decke.
Die beiden Erdensöhne erwachten durch ein wohl drei Minuten währendes, melodisches Summen, das die ganze Uranuswelt durchtönte. Es war das Signal, das den Beginn des neuen Tages verkündete. Sie erhoben sich von ihren Lagern, und alsbald flammte auch das Licht wieder auf. Christian machte nun erst eine „Entdeckungsreise“ durch die Räumlichkeiten, wie er sagte. Und man war hocherfreut, alles vorzufinden, was man brauchte. Da floß in einem Nebenzimmer unablässig warmes Wasser in eine in den Felsen gehauene Wanne, und in einem Nachbarraum war auf Matten am Boden die Tafel gedeckt. Da die Uranusbewohner sehr klein waren, zudem die Anlegung der Gänge, Wohnungen, Straßen in den Felsen eine gewaltige Arbeit machte, weshalb man sie so niedrig wie möglich baute, konnten unsere Freunde nur gebückt gehen, was recht unbequem war. Die Uranier pflegten auf Matten am Boden zu sitzen, und die Erdensöhne mußten es ihnen schon des Raummangels wegen nachtun. Da saßen sie nun vor ihrem Frühstück und fanden, daß es sich hier ganz gut leben ließ. In Heißwasserbädern standen Krüge mit einer nach Fleischbrühe schmeckenden Flüssigkeit. Kleine warme Pasteten lagen in einem ebenfalls im heißen Wasser stehenden Metallkasten, und Christian fand, daß sie recht wohlschmeckend waren.
„Das heiße Wasser scheint in dieser Welt eine große Rolle zu spielen,“ sagte der Professor und nahm eine Prise. „Hätte ich nur meine Tabakspfeife bei mir,“ klagte der alte Diener, „dann wollte ich mit Herrn Professors Erlaubnis ein paar Züge tun, denn das Rauchen ist nun mal meine Leidenschaft.“
„Es scheint,“ sagte sein Herr, „als rauche man hier nicht. Wahrscheinlich, um die Luft reiner zu erhalten, denn natürlich ist es keine Kleinigkeit, in diesen unterirdischen Städten gute Luft zu schaffen. Sieh, das Ding, das da oben in der großen Deckenöffnung schnurrt, ist sicher ein Ventilator. Der Schacht, durch den wir hinabstiegen in diese Unterwelt, scheint ein Luftkanal gewesen zu sein.“
Über der Tür leuchtete plötzlich eine rote Lampe auf. Gleich darauf betrat der Uranus-Astronom mit einem anderen Manne, der drei Steine an der Stirn trug, die Hoheitszeichen der Uranier, den Raum. Sie begrüßten ihre Gäste, indem sie sich mehrmals mit den Fingern auf den glänzenden Kopf klopften und einen hellen Ton ausstießen, der wie ein kurzes Trompetensignal klang. Unsre Freunde versuchten das, so gut es ging, zu erwidern, wobei der Professor mit seinem ebenfalls glänzend-kahlen Schädel im Vorteil war. Nach einigen Andeutungen, ob die Fremden gut geschlafen und gespeist hätten, machte man ihnen klar, daß die Reise zur Nordhalbkugel beginnen könne. Erst suchte der Professor noch seine Brille, die Christian endlich im Schlafsack fand – „wahrscheinlich hat er sie nachts auf den Hühneraugen gehabt!“ brummte der alte Diener – und dann ging es fort.
Man bestieg einen kleinen, besonders bereitgestellten Bahnwagen, der für eine längere Reise eingerichtet war, und in schneller Fahrt sauste man dahin, bald geradeaus, bald senkrecht tiefer hinein in die unterirdische Welt, auf schnellstem Wege dem Ziele zu. Durch Zeichen und durch Zeichnungen auf Metallplatten gaben die Uranier nun alle möglichen Erklärungen und Schilderungen ihrer seltsamen Welt. Da erfuhr der Professor dann folgendes: