Zur Zeit lebten keine Menschen mehr auf der Oberfläche des Sternes; die Kälte war zu stark, und die langen Zeiten der Finsternis verhinderten höheres Leben. Aus Spuren, die man am Äquator, da, wo es noch am wärmsten und hellsten war, gefunden hatte, ging hervor, daß vor grauen Zeiten wilde Menschen da gehaust, als die Oberfläche dieser Welt noch wärmer war, weil das innere Feuermeer noch bis dicht unter die Erdkruste flammte, sie wie eine Ofenplatte erwärmte. – Jetzt hausten am Äquator nur noch wenige Tiere mit mächtigen Zottelpelzen, die sich von Flechten und Moosen ernährten, die da spärlich wuchsen.
Seit vielen Jahrtausenden lebten die Uranier unterirdisch. Die Städte lagen in Etagen übereinander. Je tiefer sie lagen, je wärmer waren sie. Luft wurde durch große Pumpwerke in Schächten herabgeführt, die verbrauchte Luft oben abgesaugt.
Es führten Schächte aus den tiefen Städten hinunter bis zu Stellen, wo es siedeheiß war. Dahin leitete man auch das Wasser unterirdischer Quellen und Seen und verdampfte es. So erhielt man die Kraft zum Treiben von Maschinen. Im Gestein fand man überall Metalle, aus denen alle möglichen Gebrauchsgegenstände hergestellt wurden. In mächtigen unterirdischen Höhlen wuchsen filzige Flechten, aus denen man Stoffe für Kleider webte. Auch Tiere seltsamer Art, zumeist mit dichtem Haarkleid, hausten da und wurden gezüchtet. In warmen Seen gab es Fische und Muscheltiere, große eßbare Würmer und dergleichen. So ließ es sich ganz gut da unten leben, und niemand kam auf den Gedanken, daß es anders sein könnte, denn die Gewohnheit schafft des Menschen Glück.
Der Professor notierte sich das alles sorgfältig. „Wenn ich im Himmel bin, werde ich ein großes Buch darüber schreiben. Vielleicht kann es zur Erde gebracht werden, und dann ärgert sich mein Kollege Sauerbrot, daß er es nicht schreiben konnte!“ sagte er fröhlich.
Dann erzählte der Professor, ebenfalls durch Zeichen und Zeichnungen, von der Erde, und so verging die Zeit. Der Bahnwagen rollte durch Orte und kam an Bergwerken vorbei, er fuhr durch mächtige Höhlen, in denen Seen lagen, und kam einmal so tief hinein in die Unterwelt, daß der Professor und sein Diener sich vor Hitze nicht zu lassen wußten. „Am Gottes willen,“ sagte der, „hier kommt man auf seine alten Tage noch an den Bratspieß wie eine Ente!“
Endlich aber, nach vielen Tagen, hatte die Fahrt ein Ende, und man entstieg dem Gefährt. Jetzt, deutete der Uranusbeamte an, geht es durch die Oberwelt. Wir sind auf der südlichen Halbkugel und werden die Sonne sehen. Alle hüllten sich in mächtige Pelze, und man stieg durch einen Luftschacht hinauf. Es wurde kälter und kälter, und schließlich war man am Gitter angelangt, trat hinaus.
Ja, da war es Tag und Sommer! Aber was für ein „Tag“, und was für ein „Sommer“! Ein trübes Dämmerlicht, gegen das eine mondhelle Nacht auf Erden blendende Lichtfülle gewesen wäre, lag über der vollkommen vereisten Landschaft. Am Himmel standen die Sterne, und nahe dem Horizont glänzte ein blendend heller Stern von mächtigem Glanze: die Sonne!
„Da ist die Sonne, die liebe Sonne!“ rief der Professor und deutete mit dem Regenschirm auf den wundervollen Stern. „Dicht dabei muß auch unsere Heimatserde schweben!“
„Was, dieser Stern ist unsere mächtige Sonne? Oh, wie hat sie sich verändert!“ rief Christian. „Und wo ist die Erde?“
„Sie steht von hier aus gesehen ganz dicht bei der Sonne, verschwindet in ihren Strahlenflügeln. Nur ein großes Fernrohr kann sie uns sichtbar machen!“