Und wirklich, es ist so! Zwei riesige schwarze Gestalten stehen da vorn im Nebel. Der Doktor putzt seine Brille und schaut noch einmal hin, und dann lacht er aus vollem Halse, daß es nur so hallt und schallt. „Jochen Päsel, wat büst du für’n Esel!“ sagt er zu dem betroffenen Gespenster-Heinrich, „Menschenskind, das ist ja dein eigener Schatten, den die Laterne, die hinter dir steht, auf die Nebelwand vor dir wirft, und du bist also vor deinem eigenen Schatten davongelaufen! Du brauchst ja nur die Arme zu schwenken oder mit den Beinen zu strampeln, dann wirst du sehen, daß der schwarze Teufel da vorn dir all diese Bewegungen nachmacht, denn er ist nichts anderes als dein Schatten, nur daß er nicht auf den Erdboden fällt, wie er es tut, wenn dich die Sonne bescheint, oder der Mond, oder eine Straßenlaterne, sondern daß er auf der Nebelwand vor dir entsteht, weil deine Laterne tief unten am Boden steht!“
Das sah denn auch der gute Heinrich ein, und still ging er mit hängenden Ohren neben dem Doktor her, und nahm sich vor, ein andermal verständiger zu sein.»
Doktor Ulebuhle klopfte seine Pfeife aus und stopfte sie aufs neue. «Ja,» sagte er, «da seht ihr nun, was es mit den Gespenstern für eine windige Sache ist! Die Erscheinung, die der Heinrich da gesehen hatte, ist in den Bergen gar nicht selten, man nennt sie das „Berggespenst“ oder „Brockengespenst“, denn auf dem Brocken, dem höchsten Berge im Harz, ist sie besonders häufig. Da ziehen viele Tage im Jahre dichte Nebelschleier um die Bergkuppe, und wenn die Sonne aufgeht, dann wirft sie unseren Schatten auf die Nebelwand, die zuweilen ein ganzes Endchen von uns entfernt ist, wodurch dann der Schatten riesenhaft vergrößert erscheint. Aber ihr werdet zugeben, daß das ein recht harmloses Gespenst ist, das niemandem etwas zuleide tut und mit dem Nebel in alle Winde zerflattert!»
«Ulebuhle,» fragte das kleine Mädchen, «hat denn der Heinrich später noch andere Gespenster gesehen?»
«Ei freilich, Urschel! Er war ein dummer Tropf und erfand immer neuen Spuk, als wenn er dafür bezahlt bekommen hätte! Einmal mußte er des Abends spät über Land, um seinem Herrn allerlei winzige Instrumente zu bringen, denn ein Kranker hatte ein böses Geschwür, und das mußte aufgeschnitten werden. Drüben sah er das Dorf jenseits der Wiesen liegen, und er beschloß, sich den Weg abzukürzen und quer durch Wiesen und Felder zu wandern. Es waren aber auch große Seen in der Nähe, und an manchen Stellen waren die Wiesen sehr sumpfig. Langsam wurde es dunkel, und nur ganz fern in dem Dörfchen brannten ein paar Lichter, so daß sich der Heinrich immerhin zurechtfinden konnte, wenn er auch aufpassen mußte, nicht in den Sumpf zu geraten. Das ging eine ganze Weile gut, aber plötzlich wurde ihm gar sonderbar zumute! Vor ihm tanzte in der Dunkelheit ein merkwürdiges Lichtlein, es hüpfte auf und nieder, war bald hier, bald dort und kam einmal seiner Hand so nahe, daß er es greifen konnte, und da verlöschte es.
Zugleich merkte unser Heinrich, daß er vom Wege abgekommen war und daß unter ihm der feuchte Moorboden wabberte. Er blickte sich um und sah nun hinter seinem Rücken da und dort einen schwachen Lichtschein. „Aha,“ meinte er, „das sind die Lichter vom Dorf, da wär ich beinahe in der Irre umhergelaufen.“
So ging er denn auf jene Lichter zu. Aber da flackerte wieder vor ihm das seltsame Flämmchen, das frei in der Luft tanzte, nicht weit über dem Boden. „Tanz du nur, Höllenspuk,“ sagte er, „ich gehe meines Weges, und wenn du willst, so komm mit!“
Auf einmal war er ganz dicht bei den Lichtern, von denen er glaubte, sie seien noch weit fort und gehörten zum Dorfe. Er sah, daß auch sie nicht feststanden und immer vor ihm hertanzten, und als er sich nun seitwärts wandte, da flackerten auch dort und ringsum die hüpfenden Flämmchen. Dazu zischelte und wisperte es so seltsam in der Runde, als ob’s im Teekessel siedete, und der Boden wurde immer weicher und wabberte wie Gummi. Mitunter klang es wie verhaltenes Kichern um ihn herum, und wenn er sich in Trab setzte, um dem Spuk zu entgehen, dann wichen die grünlichen Flämmchen vor ihm aus und verschwanden seitwärts, aber neue tauchten vor seinen Füßen auf und schienen aus dem Boden zu kriechen.
Schließlich blieb der arme Heinrich zitternd stehen. Das Wasser ging ihm schon dann und wann oben zu den Stiefelschäften hinein, und der Lichterspuk nahm kein Ende. Da stand der arme Kerl nun und wußte nicht mehr aus und ein. Er war vollkommen vom Wege ab und konnte nicht einmal mehr feststellen, in welcher Richtung das Dorf lag, denn andere Lichter als die hier hin und her hüpfenden grünen Flämmchen waren nirgends zu entdecken.