„Es ist eine lange Geschichte,“ sagte der Baron von Diamant, „aber wenn es Sie interessiert, dann will ich Ihnen davon berichten. Man muß auch mal etwas für die Armen tun, wenn man ein vornehmer Herr ist. Also passen Sie auf! – Ich und viele meiner Brüder wurden da drunten in Südafrika geboren. Wir lagen tief unten im Gestein verborgen, im dunklen Schoß der Erde. Sehen Sie, was die Menschen jeden Tag finden können, das schätzen sie nicht, aber wenn man sich rar macht, dann wird man eben als vornehmer Mann behandelt.

Eines Tages kamen lauter schwarze Arbeiter, die hackten und schaufelten und gruben unablässig, denn sie suchten uns. Es waren arme Neger, und sie wurden für das Suchen bezahlt, aber behalten durften sie uns nicht, und damit sie uns nicht heimlich in ihren Taschen verschwinden ließen, mußten sie nackend arbeiten. Auch in Indien und in Brasilien suchen die Menschen nach Diamanten, aber nirgends haben sie so große und prächtige gefunden wie da unten in meiner Heimat Südafrika. Manche meiner Brüder sind noch viel vornehmer als ich. Den größten, der überhaupt aus der Erde herausgeholt wurde, besitzt der König von England. Er heißt „Cullinan“-Diamant, ist so groß wie eine Kinderfaust und wiegt mehr als ein Pfund. Sechzehn Millionen kostet er, und ein ganzes Heer von Polizisten hat ihn nach London gebracht, damit er unterwegs nicht gestohlen werden konnte. Der arme Neger, der ihn fand, bekam tausend Mark und ein gesatteltes Pferd für den schönen Fund. Auch der „Exzelsior“-Diamant ist aus dieser Gegend. Er ist halb so groß wie der Cullinan und hat einen Wert von zwölf Millionen Mark, aber der berühmte Koh-i-nor, was soviel heißt wie „Berg des Lichtes“, mein in der ganzen Welt bekannter Verwandter, der ebenfalls dem König von England gehört, stammt aus Indien. Er kostet wohl acht Millionen Mark, aber die Engländer haben ihn den Indern, die sie besiegten, abgenommen und nichts für bezahlt. Früher war er als Auge in das Bildnis eines Götzen eingesetzt, der in einem berühmten indischen Tempel stand, und da wurde er geraubt, und viele Morde und Untaten sind begangen worden, um ihn in Besitz zu bekommen. Ja, so sind die Menschen in ihrer Habgier!“

„Meinetwegen begeht man keine Bluttaten,“ sagte der Bleistift. „Ich bin doch froh, daß ich nur ein einfacher Mann bin, der seine Arbeit tut und in Frieden leben kann. – Aber bitte, erzählen Sie weiter!“

„Ja, es geht schnurrig zu in der großen Welt! Passen Sie auf, wie es mir nun erging. Also eines Tages hackte neben mir eine Picke in den Boden, und dann kam eine Schaufel, und ich wurde mit allen möglichen Gesteinbrocken auf eine Schiebkarre geworfen. In einer großen Halle wurde dann das Gestein genau untersucht, und da ich zufällig in einem Eckchen der Schiebkarre liegen geblieben war, ganz unansehnlich und mit einer dicken Schmutzkruste bedeckt, so fand man mich nicht. Ganz nebenher bemerkte mich dann der Neger, der die Karre wieder hinausschob. Er verbarg mich in der Achselhöhle und wollte mich behalten. Aber ein Kamerad von ihm hatte es doch gesehen. Er sagte es jenem, und die beiden beschlossen, zusammen zu fliehen und mich später in Kapstadt, oder gar in Europa, zu verkaufen.

Wirklich entflohen sie bei Nacht und Nebel durch den öden südafrikanischen Busch und durch dichte Wälder. Aber die Habgier brachte beide ins Verderben. Als der eine schlief, erstach ihn der andere, nahm mich an sich und floh weiter. – Die Polizei der Diamantengruben war aber schon hinter den beiden her, denn jedermann konnte sich denken, daß sie nur entwichen waren, weil sie einen Diamanten von großem Wert gestohlen hatten. So mußte denn der Mörder und Dieb auf einsamen Waldwegen weiterziehen, um nicht gefangen zu werden und am nächsten Baum zu enden. Schließlich verlief er sich in der wilden Einöde. Er hatte nichts mehr zu essen, brach zusammen und verhungerte elend. Erst nach Wochen fand man seine von der Sonne verdörrte Leiche, und in seiner schwarzen Hand hielt er noch immer mich, seinen Raub.“

„Da können Sie aber sehen, wie wenig man doch am Ende mit Ihrer Vornehmheit anfangen kann,“ so unterbrach hier der Bleistift den Erzähler. „Ich glaube, der Verhungernde hätte Sie in seinen letzten Stunden gern für ein Stückchen trockenen Brotes fortgegeben!“

„Das mag wohl sein, mein Lieber!“ entgegnete etwas von oben herunter der Diamant. „Etwas so Vornehmes, wie ich es bin, ist eben nichts für einen schmutzigen Nigger. Er hätte seine Hände davon lassen sollen. – Aber hören Sie weiter! Ich kam nun zu meinen rechtmäßigen Besitzern zurück, und dann nach Amsterdam, der Hauptstadt von Holland, wo die größten und berühmtesten Diamantenhändler und Diamantenschleifer wohnen, und da erst wurde ich richtig zum Licht erweckt, denn jeder Diamant ist, wenn er aus der Erde kommt, unansehnlich wie ein gewöhnlicher Stein. Erst wenn er geschliffen wird, kann das Licht in ihn hineindringen und er kann es dann tausendfach funkelnd zurückwerfen. – Ich kam dann zu einem Goldarbeiter, der mich mit einem goldenen Gürtel umgab, und dann lag ich in Paris im Schaufenster des berühmtesten Juweliers im Strahl der elektrischen Lampen auf einem Kissen von blauem Samt, und alle Vorübergehenden blieben stehen und riefen aus: „Oh, was für ein wundervoller Edelstein!“ Die Damen aber blieben lange stehen und schauten mich mit ihren dunklen Augen sehnsüchtig an, und dann gingen sie schließlich seufzend weiter.

Eines Nachts geschah etwas Schreckliches. Über die einsame Straße kam ein Mann daher, der blitzschnell mit einem Hammer die Scheibe einhieb und mich ergriff. Dann eilte er durch viele Gassen und Straßen, immer kreuz und quer mit mir dahin, aber es half ihm alles nichts, die Wächter hatten das Klirren des Glases gehört und waren ihm nachgeeilt. In einer dunklen Hausnische wurde er ertappt und verhaftet. Ich wurde zu einer Berühmtheit, die ganze Sache kam in die Zeitungen und kam vor die Richter, und der Dieb wurde viele Jahre eingesperrt. Ich aber war aus seinen schmutzigen Händen befreit und lag wieder auf meinem Samtkissen, und die Leute, die vorbeigingen, sagten: „Das ist der große Diamant, den jener Dieb entwendet hatte.“

Dann aber kam ein vornehmer Mann zu dem Juwelier, und an seinem Arm ging eine reizende junge Dame von großer Schönheit. Das war die berühmte Tänzerin der Großen Oper in Paris, und jener bleiche ernste Mann liebte sie mehr als sein Leben und seine Ehre. Sie hatte sich in mich verliebt und ihren Freund immer und immer wieder gebeten, daß er mich erwerben möchte, als Halsschmuck für sie. – Der ernste Mann hatte lange gezögert, aber dann gab er nach, und so kam ich in den Besitz jener gefeierten Künstlerin. Welch ein Tag des Triumphes für mich, als ich zum erstenmal abends an ihrem blütenweißen Halse an einem feinen Goldkettchen hing und im Licht von tausend Lampen funkelnd mit ihr die Bühne betrat! Welch eine wundervolle Musik, welch eine Farbenpracht ringsumher! Tausende von Menschen schauten mit ihren Opernguckern zu mir hin. Die Herren schmunzelten, und die Damen wurden grün vor Neid, am meisten aber die alten und häßlichen, und sie sagten, es sei ein Skandal. Aber das verstand ich nicht!

Aber dann kam etwas Trauriges. Während hier die Musik rauschend den weiten Saal mit seinen goldschimmernden Säulen und rotsamtnen Logen füllte und um mich herum die zierlichsten Damen in Gewändern, zart wie Engelwölkchen, tanzten, saß der ernste bleiche Mann daheim an seinem Schreibtisch und rechnete. Und dann schrieb er mehrere Briefe an das große Bankhaus, dessen Direktor er war, und sagte darin, daß er Geld, das ihm nicht gehörte, verwendet hätte und darum sterben müsse, und dann zog er ein glänzendes Ding aus seiner Schublade hervor, es gab einen Knall, und dann war er tot.“ –