Einsam stand in der weiten Halle Cornelius der Künstler. Er war leichenblaß. Unheimlich funkelten seine Augen. Neben ihm lag sein Werk. Da faßte ihn eine namenlose Wut. Er ergriff eine schwere eiserne Stange, die in der Ecke der. Halle lehnte, er hieb wie ein Rasender mit wuchtigen Schlägen auf den wunderbaren Johann ein, der ihn mit starren Augen und offenem Munde höhnisch anblickte. Er zerschmetterte ihn mit wahnsinnigem Eifer, er trat mit den Füßen in das kunstvolle Gewirr von Rädern und Hebeln, Walzen und Gelenken, Drähten und Federn, bis alles ein wüster Trümmerhaufen war.
Dann hüllte er sich in seinen Mantel, und als der Abend hereinbrach, eilte er aus der Stadt, wanderte ohne Ruh und Rast durch Wälder und Felder in die unbekannte Ferne.
Man hat ihn nie wieder gesehen.»
Das Zündholz und die Kerze
Einmal ging eine böse Krankheit durch die Stadt. Auf leisen Sohlen schlich sie heimtückisch in alle Häuser, zu den Armen und zu den Reichen, und der Wagen des alten Doktor Horn klapperte von früh bis spät durch die winkligen Gassen mit den schnurrig-schiefen Häuschen; aber weder die bittere Medizin noch die lustigen Scherze des Alten vom Theresienhof wollten diesmal helfen. Der Tod, der überall im Lande reiche Ernte hielt, wollte auch aus der Bergstadt Goslar seinen Zehnten haben, und war kein Kraut gegen ihn gewachsen.
Eines Tages starben zu gleicher Stunde der alte Bergmann Klaus, der achtzig Sommer gehen und kommen sah, und sein Enkelchen Friedel, das mit uns auf der Schulbank saß und mit zum Märchenkreis des alten Ulebuhle gehörte.
Am Abend, als sie zu Grabe getragen wurden, das uralte Menschenkind und das ganz junge, saßen wir betrübt beim Doktor Ulebuhle, und da erzählte er die Geschichte vom Zündholz und der Kerze, vom kurzen und vom langen Leben.
«Kinder,» sagte er, «kurz und lang, das ist Menschenwitz. Für den Herrn der Welt ist es eins. Ihm lebt der Maikäfer so lange wie der Elefant, obgleich der ein paar hundert Jahre alt werden kann, denn für die Ewigkeit ist die Minute so lang wie das Jahrhundert. Seht, da stand eine Kerze auf dem Tisch eines jungen Mannes und ein Zündholz lag dabei. Die Kerze war schön weiß und hatte noch nie geleuchtet, denn die Magd hatte sie erst am Morgen vom Krämer gekauft. Das Zündholz hatte einen ganz roten Kopf. Es war ein Bullerjahn, wie alle aus seiner Familie, und immer gleich Feuer und Flamme und immer auf dem Sprunge, sich an allem und jedem zu reiben. Die Kerze tat sehr steif und vornehm und war von ihrem Beruf ungemein eingenommen. Oben hatte sie einen kleinen Zopf und unten ein Spitzenkleid aus Papier; ihr Fuß steckte in einem Porzellanschuh, und dicht daneben lag das Zündhölzchen in einer kleinen hölzernen Bettlade ganz allein, denn es war das letzte Glied einer kinderreichen Familie.
Ein Sonnenstrahl drang durch die Fensterladen und fiel auf die beiden. Das Zündhölzchen erwachte, besah sich eine Weile die Kerze und sagte plötzlich: