„Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Zündholz ist mein Name. Ich stamme aus Schweden. Meine Mutter war eine geborene Tanne, die erst mit einem Herrn Schwefel und nachher mit Herrn Phosphor verheiratet war. Entschuldigen Sie, daß ich im Liegen spreche. Wenn man ein Holzbein hat –, Sie begreifen! Ich bin der Letzte meines Stammes. Wir sind ein kurzlebiges Geschlecht.“
Die Kerze schwieg eine Weile und überlegte, ob sie dem kleinen rotköpfigen Wicht überhaupt antworten sollte. Endlich aber sagte sie mit fettiger Stimme:
„Ich heiße Kerze. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich nicht auf vertraulichem Fuße mit Ihnen verkehren kann, denn Sie sind als mein Diener hier angestellt. Mein Vater war der Baron von Rindertalg, und meine Mutter stammt aus der reichen Kaufmannsfamilie Baumwolle. Ein Verwandter von mir ist ein hervorragendes Kirchenlicht, und einer meiner Brüder stand an der Spitze des Christbaumes, dicht neben dem Weihnachtsengel. Sie unterhielten so enge Beziehungen, und der wundervolle Engel verliebte sich derart in meinen Bruder, daß er vor Sehnsucht zerfloß, denn er war eine wachsweiche Natur.“
„Das ist alles sehr interessant,“ meinte das Zündholz, „aber Ihr Diener bin ich denn doch nicht!“
„Aber freilich, Verehrtester, Sie sind ja nur meinetwegen hierher gelegt und werden mich heut abend entzünden! Was meinen Sie wohl, welche Rolle ich hier im Hause spiele! Ich bringe Licht in die ganze Geschichte. Ich ersetze die Sonne, bin ihr Stellvertreter auf Erden. Ohne mich könnte der junge Herr gar nicht seine schönen Gedichte zu Papier bringen, denn das tut er nur des Nachts, und dann seufzt er, denn er liebt eine schöne Dame.“
„Sehr interessant,“ meinte der kleine Mann mit dem Holzbein wieder, „aber wenn ich nicht wäre, dann könnten Sie gar nicht leuchten, denn ich muß durch mein Feuer Sie erst entzünden. Seien Sie nicht so hochmütig! Wenn ich auch nur klein bin und nur ein Holzbein habe, bin ich doch ein tüchtiger Kerl, denn ich habe es im Kopfe.“
„Nur keinen Streit, mein Bester! Ich darf mich nicht erhitzen, das schadet meiner Figur, und ich habe noch ein langes Leben vor mir. Sie freilich, mit Ihrem Holzbein, sind schnell in Asche zerfallen, aber ich zehre von meinem Fett und überlebe Sie und alle Ihre Brüder.“
Der alte Tisch mit den seltsam verschnörkelten krummen Beinen, der schon länger als ein Jahrhundert in diesem Hause diente, knackte plötzlich laut, so daß die beiden erschraken und der Holzwurm, der in dem alten Möbel hauste, zu bohren aufhörte. Es war, als ob der Tisch irgend etwas knurrte, aber man konnte den alten Burschen nicht verstehen.
„Sie sind schrecklich aufgeblasen und hochmütig wie alle reichen Leute, die von ihrem Fett zehren,“ meinte das Zündholz, „aber wenn Sie auch ein wenig länger leben als ich, sterben müssen Sie auch einmal, und ob Sie das in Ihrem letzten Stündlein so mutig tun werden wie ich, das ist noch die Frage, denn ich verschieße im letzten Moment mutig mein Pulver, wie ein alter Soldat, daß es zischt und pufft, und dann hat die liebe Seele Ruhe, ich habe meine Schuldigkeit getan, und damit Gott befohlen! Denn darauf kommt es im Leben allein an, daß man seine Schuldigkeit tut. Wir waren sechzig Schweden in einer Schachtel; alle taten ihre Pflicht; sie gaben Feuer und starben. Nur zwei waren Drückeberger; sie brachen zusammen, und der Herr schleuderte sie wütend ins Wasser und sagte: „Lumpenzeug!“
„Nun,“ sagte die Kerze, „es wird sich alles finden. Wenn Sie mich nur heut abend nicht im Stich lassen und kräftig Feuer geben, denn dazu sind Sie hierher gelegt. Mein Zopf ist schön gedreht und gefettet. Noch ist er weiß, aber je älter ich werde, je länger ich leuchte, um so dunkler wird er. Es ist umgekehrt wie bei den Menschen. Die haben in der Jugend einen schwarzen Zopf und im Alter einen weißen! Schade, daß Sie mich nicht strahlen sehen können. Aber zu Herzen wird es mir doch gehen, und dann weine ich große Tropfen, die an meinem Kleide niederrollen. Ja, das Leben ist schwer!“