„Hat den Weihnachtsengel geschmolzen! Haben Sie ja vorhin schon alles erzählt, Madame! Geben Sie Obacht auf Ihren Spitzenrock, den haben Sie mit Ihren dicken Tränen schon ganz betropft. Je mehr Sie heulen, je schneller geht es mit Ihnen zu Ende.“

„Ich lebe noch lange,“ meinte die Kerze, „das Leben ist sehr interessant, und man lernt immer wieder etwas Neues.“

„Schnedderengteng! Es ist immer wieder dasselbe. Ich liege hier schon an die hundert Jahre und putze den Kerzen die langen Zöpfe, damit sie nicht die Bude vollqualmen, aber es ist immer dasselbe. Die jungen Damen denken immer, sie leben ewig und bleiben ewig strahlend schön und voll Wärme, und dann sind sie übermütig und wollen hoch hinaus und denken, es muß ein Prinz kommen, der sich in sie verliebt. Aber langsam werden sie alle klein und häßlich, weinen immer mehr und kriegen ganz absonderliche Figuren und dicke Füße. Lange Krokodilstränen hängen auf dem weißen Kleide, der Zopf fasert aus, sie gewöhnen sich das Rauchen an, und es fehlt nicht viel, so fangen sie noch an zu schnupfen wie der alte Gustav, der hier morgens immer alles ins reine bringt. Endlich aber sind sie so zusammengedörrt wie eine Backpflaume, klein und unansehnlich, und dann will sie keiner mehr, und die Geschichte hat ein Ende. Ich mag das ganze Weibsvolk nicht leiden. Ich war fünfundzwanzig Jahre mit einer gewissen Kette verheiratet. Ich hing an ihr mit all meiner Kraft. Wir standen in enger Verbindung mit einem sehr hohen Herrn, einem gewissen Messingleuchter. Was soll ich Ihnen sagen, eines Tages riß sie sich von mir los und ging mit dem Kerl auf und davon. Darum sage ich: Weg mit dem Weibervolk, mit der Liebe und den langen Zöpfen! Alles Schnedderengteng!“ Sprach’s und biß wieder ein Stück vom Zopf der Kerze ab, denn die war so empört von der Rede des alten Bullenbeißers, daß sie in hellem Zorn aufloderte.

„Wenn Sie mit der Kette auch so umgegangen sind wie mit mir, dann kann ich es ihr nicht verdenken, daß sie mit dem Messingleuchter durchging, denn Sie sind ein roher Patron. Aber für mich fängt das Leben erst an, und ich glaube, es wird ganz interessant werden. Ich mache Furore und sicher einmal eine gute Partie, eine glänzende Partie, wie es mir zukommt. Freilich, den ersten besten würde ich nicht nehmen.“

Schrumm! sagte es plötzlich. Ein dicker Käfer, angelockt durch das Licht der Kerze, war zum Fenster hereingeflogen und lag nun zu ihren Füßen. Er hatte große Bürsten an den Beinen, und damit strich er über seinen Schnurrbart und seine Frackflügel, denn er wußte, was sich schickt, wenn man einer Dame seinen Besuch macht. Er machte eine gar possierliche Figur, denn er war sehr dick, hatte einen kugelrunden Kopf und ganz kurze Beinchen. Er kribbelte langsam an dem Leuchter herum, machte ein paarmal seine Verbeugung und schien zu warten.

„Da kommt der erste Freier,“ sagte die Lichtputzschere, „halten Sie sich zu, sonst schwirrt er wieder ab.“

„Pee,“ meinte schnippisch die Kerze, „er ist mir zu dick und zu klein. Es wird noch ein anderer kommen. Ich habe Zeit, das Leben fängt ja erst an!“

Der Käfer kletterte inzwischen an der Kerze hoch, und als er dicht bei ihrem Flammengesicht war, knisterte sie so böse, daß er vor Schreck auf den Tisch herunterfiel und auf seinen runden Rücken zu liegen kam. Da lag er nun, strampelte unbeholfen mit den Beinen und konnte nicht wieder aufkommen, bis ihm die Schere einen Arm entgegenstreckte und ihm wieder auf die Beine half.

„Sehen Sie, Verehrtester, so geht es, wenn man auf Abenteuer ausgeht. Suchen Sie sich eine andere Flamme, denn diese hier will hoch hinaus, und man wird am besten mit ihr fertig, wenn man ihr den Zopf abbeißt.“

Der Käfer war ganz verstört. Schnurr, schnurr, sagte er, und dann flog er in die Gardinen.