„Zeit? Zeit?“ fragte verwundert das Pumpwerk in der Brust, „was ist das für ein Ding?“

„Ja,“ wisperte die Uhr, „genau weiß ich es auch nicht, aber es ist eine kostbare Sache, denn mein Herr sagt, Zeit ist Geld und Geld regiert die Welt. – Ich spiele eine wichtige Rolle im Leben. Kaiser und Könige richten sich nach mir, und bei allen wichtigen Geschäften werde ich zu Rate gezogen. Dennoch sind die Menschen zu mir nicht dankbarer als zu Ihnen. Sehn Sie, ich bin nun schon zwanzig Jahre im Dienste meines Herrn, und das will etwas heißen. In einer Sekunde ticke ich fünfmal, also achtzehntausendmal in der Stunde und vierhundertzweiunddreißigtausendmal am Tage. Einhundertachtundfünfzigmillionenmal im Jahr. Tag und Nacht arbeite ich ununterbrochen. Mein Schwungrädchen ist nicht größer als ein Fingernagel meines Herrn, es dreht sich blitzschnell seit Jahren und Tagen hin und her, so schnell, daß man es kaum sehen kann. Würde es immer geradeaus rollen, so legte es in einem Tage sechsunddreißig Kilometer zurück, und in drei Jahren hätte es einmal die ganze Erdkugel umwandert. Dabei ist alles an mir zart und fein, ich habe Achsen so dünn wie ein Haar und eine winzige kleine Feder. Ich esse nichts und trinke nichts, brauche nur alle paar Jahre ein kleines Tröpfchen Öl, aber die Menschen sind trotzdem undankbar, und man kann es ihnen nicht recht machen. Wenn ich könnte, so ginge ich weit fort in die Welt, aber ich liege hier an der Kette wie ein Bullenbeißer.“

„Jeder hat seinen Ärger,“ meinte das Herz. „Ich muß aufpassen, daß die ganze Geschichte hier drinnen in Schwung bleibt. Mein Herr hat vierzehn Liter Blut in seinen Adern, und die pumpe ich in einem Tage sechshundertmal rundum. Ja, es ist ein schönes Stück Arbeit, und anstatt mir die zu erleichtern, macht mich mein Herr fast krank mit seinem ewigen Weintrinken und Zigarrenrauchen. Dazu der Ärger mit den einzelnen Gliedern! Bald ist zuviel Blut im Kopf, und der hat Schmerzen, bald setzt sich mein Herr so ungeschickt, daß er die Adern zudrückt und ihm die Beine einschlafen, weil das Blut nicht durch die Leitungsröhren hindurch kann, und ein anderes Mal wieder beschweren sich die Hände, daß sie zu wenig Blut bekommen und frieren. Immer hab ich die Schuld!“

„Ich,“ meinte die Taschenuhr, „lebe in einem langjährigen Kriege mit den Gebrüdern Zeiger. Sie denken, sie wären das Wichtigste, weil der Herr nur auf sie schaut, aber wenn das Räderwerk sie nicht dreht, so sind sie zu nichts nütze. Ewig leben sie miteinander in Hader. Der kleine dicke ärgert sich, daß der lange dünne ihn immer überholt, und so hängt er sich zuweilen an seine Frackschöße und geht mit ihm, so daß die ganze Zeigerei beim Teufel ist. Am übelsten aber ist der ganz kleine, der sich nur immer in einem engen Kreise herumschwingt wie ein Zirkuspferd. Er möchte so gern auch weit herum, wo all die großen dicken Zahlen stehen, und so klammert er sich fortwährend an den langen dünnen oder schleift vor Ärger auf dem Zifferblatt, bis die ganze Geschichte stillsteht. Dann nimmt mich der Herr wutschnaubend und klopft mich hart gegen die Tischkante, daß mir die Eingeweide durcheinanderzufallen drohen, und dann schimpft er greuliche Worte, behauptet, ich wäre eine niederträchtige Zwiebel, und wenn ich nicht von Gold wäre, würde er mich zum Fenster hinauswerfen.“

„Pssst!“ machte das Herz, „er erwacht!“

Richtig, er erwachte, machte laut „Uäh! – Aah! Huaaaa!“ und dann sprang er mit beiden Beinen herab von seinem Ruhebett. Er zog die Uhr. „Halb fünf!“ sagte er. „Hoffentlich geht die alte Pfeffermühle richtig!“

„Ja, ja,“ seufzte die Uhr, „Undank ist der Welt Lohn!“»

Ein Tag auf dem Monde

«Kinder» – sagte der Doktor Ulebuhle an einem schönen Sommerabend, als der Mond wie ein Wächterhorn über den hohen Tannen stand – «ihr seid allesamt große Rüpel und Taugenichtse und werdet eines Tages ein übles Ende nehmen, aber ich habe es euch versprochen, und was man verspricht, das muß man halten, und so will ich euch denn den Mond durch mein großes Fernrohr zeigen!»

«Au fein, Ulebuhle! Wenn Ihr das tut, dann sammeln wir auch wieder Kräuter für Euch im Bergwald und Moos für Eure Käfer!»