«Nun gut, das läßt sich hören!» brummte der Alte, löste einen mächtigen Schlüssel von seinem Bund und trat mit uns hinaus auf den Vorflur, wo die Treppe hinaufführte zum schiefergedeckten Turm, in dem das große Fernrohr stand.
Es war gruselig und dunkel auf der Stiege, aber dann zündete Ulebuhle sein Öllämpchen an, der Schlüssel drehte sich kreischend im Schloß, und knarrend öffnete sich die Turmtür, um uns einzulassen in den geheimnisvollen Raum. – Da stand in der Mitte auf einer Säule ein großes Ding, wie eine Kanone, und so dick, daß die dünnsten von uns wohl hätten durch das Rohr hindurchkriechen können. Es blinkte daran von allerlei Schrauben und Griffen, von Stahl und Messing. Oben war ein großes Glas im Rohr, wohl wie ein Teller, und unten ein ganz winziges, durch das man hindurchschauen mußte. Und dann tickte da noch eine große Uhr in einem Glasgehäuse, mit einem langen Perpendikel, der mächtig vornehm und langsam hin und her schwang und unablässig ganz bedächtig sein „Tick-Tack ... Tick-Tack“ sagte. – Da waren auch noch allerlei Apparate in den Ecken und an den Wänden, und Bilder hingen da von Mond und Sternen, und dicke Bücher lagen in den Fächern. Aber wenn wir Ulebuhle nach all dem fragten, dann sagte er nur in seiner knurrigen Weise: «Schnickschnack und Finger davon! Das versteht ihr nicht!»
Im Dach des Turmes waren große Klappen, die konnte man öffnen, und dann schauten die Sterne hinein, so daß man sie im Fernrohr betrachten konnte. Ganz dunkel war es im Turm, nicht einmal die Lampen auf den Straßen drangen mit ihrem Licht hinein, aber dann schob Ulebuhle die Riegel von den Klappen zurück, öffnete sie, und das bleiche Licht des Mondes blinkerte auf den Instrumenten und warf unsere Schatten lang über den Boden.
Jetzt aber richtete der alte Gelehrte das große Rohr auf das silbern glänzende Gestirn der Nacht. Er drehte viele Schrauben und Hebel, schaute selbst hinein in die Himmelskanone, und dann durften wir eins nach dem anderen herzutreten und sahen vor uns viel hundertmal vergrößert die stille, ferne Welt des Mondes, mit allen ihren merkwürdigen Ländern und Bergen.
Wie war das seltsam, als man hindurchschaute! Man sah nur einen Teil des Mondes, ganz riesenhaft groß. Wie eine mächtige Gipsplatte erschien zunächst, was man bemerkte; eine Gipsplatte, die ganz grell beleuchtet ist. Da sah man große graue Flecke, von denen Ulebuhle sagte, daß es große Ebenen auf dem Monde wären, ungeheure Wüsten, die wahrscheinlich früher einmal vom Mondmeer bedeckt waren. Was aber besonders interessant war, das waren die Berge. Man sah da allerlei blinkende Berggipfel, und Ulebuhle erklärte uns, daß sie so hell im Sonnenlicht strahlten, denn der Mond wird genau so von der Sonne erleuchtet wie die Erde und ist eigentlich genau so dunkel wie sie. Die Berge warfen lange, spitze Schatten weithin über die Ebenen, und in den Tälern, wo das Sonnenlicht nicht hindringen konnte, lag tiefschwarze Nacht. Viel tausend kreisrunde Krater waren da zu sehen, und dann wieder lange Gebirgszüge, und alles war so wild zerrissen und zerklüftet, daß es im Glase aussah, als sei es ein großer Kuchen, in den die Mäuse Loch an Loch geknabbert.
So standen wir und schauten, und der alte Ulebuhle erzählte uns mancherlei über das, was wir sahen. Als wir aber immer wieder fragten, da wurde er wieder grimmig, schnaufte in sein großes buntes Taschentuch, rückte die Hornbrille zurecht und knurrte in seiner alten Weise:
«Still jetzt, ihr Racker! Und nicht alle durcheinander geschrien! Ihr habt den Mond gesehen und erfahren, daß er eine Weltkugel ist wie die Erde, aber eine erstorbene, auf der kein Mensch mehr lebt. Wollt ihr aber noch mehr wissen, dann will ich euch die Geschichte von dem kleinen Jungen erzählen, der einen Tag auf dem Monde zubrachte. Setzt euch hier ringsum und öffnet weit eure Lauscher!»
Und dann nahm Ulebuhle eine mächtige Prise aus der buntbemalten Dose, nieste zweimal gewaltig, so daß sein Zöpfchen erschrocken einen Satz über den Rockkragen tat, und dann erzählte er:
«Seht, da war ein kleiner Junge, der lag des Abends spät in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Der Mond schien ihm voll ins Gesicht; er stand, ein einsamer Nachtwandler, drüben hinter den Bergen, und seine Strahlen spielten mit all den kristallenen Sternchen der hartgefrorenen Schneedecke, die auf der Erde ruhte. Und der kleine Junge schaute hinauf zu der silbern glänzenden Scheibe, die mit ihren grauen Flecken wie ein gutmütig lächelndes Gesicht aussah, und überdachte, was er an diesem Abend alles gehört hatte. Seine Eltern hatten Besuch bekommen; ein Freund des Vaters, ein sehr gelehrter Professor, der sein ganzes Leben nichts getan als Sonne, Mond und Sterne zu erforschen, war angekommen, und beim Abendbrot hatte er allerlei vom Himmel erzählt. Da hatte der kleine Franz auch nach dem Monde gefragt, der eben aufgegangen war und durch das Fenster schaute. Und der alte Professor mit der goldenen Brille hatte ihm gesagt, daß es alles ganz anders wäre, wie die Kinder sich das immer erzählten, vom ‚Mann im Monde‘, der dort ewig sein Reisigbündel tragen muß, und was sonst für Märchen. Der Mond sei eine ferne Weltkugel, sagte er, voll von Bergen und Tälern, weiten Ebenen und tiefen Kratern, aber still und tot, und kein lebendes Wesen sei darauf anzutreffen, ebensowenig wie je eines Menschen Fuß diese seltsame Welt betreten hätte.
„Wenn man doch da einmal hinauf könnte,“ hatte die Mutter gesagt, und der Vater meinte, die Menschen hätten schon viel schnurrige Dinge erfunden, sie würden es auch noch einmal fertig bekommen, nach dem Monde zu fliegen. Da hatte der alte Professor seltsam durch die goldene Brille gelächelt und zum kleinen Franz gesagt: „Nun, mein Junge, dann machen wir die erste Reise nach dem Monde miteinander!“