Dann aber war die Mutter gekommen und hatte den kleinen Jungen ins Bett gebracht, denn es war spät, und Kinder müssen viel schlafen, wenn sie gesund bleiben wollen. – Aber des Professors Erzählen von der Weltkugel, die da oben so ruhig in weiter Ferne ihre Bahn zog, hatte den Buben gewaltig erregt. Nun lag er da und grübelte darüber nach, wie es sein müßte, da hinaufzufliegen und zu wandern auf einem fernen Gestirn. Langsam aber fielen ihm die Augen zu, über die des Mondes Strahl, durch die weißen Gardinen gedämpft, wie streichelnd hinwegglitt. Er wurde müder und müder und glitt hinüber ins Land der Träume.
Und plötzlich sah unser Franz die Tür aufklinken. Des Professors Kopf wurde sichtbar. Er nickte dem Schläfer freundlich zu, aber er sah viel älter aus, und sein Haar war schneeweiß. Viele Jahre mußten vergangen sein. „Junge,“ rief er, „kennst du mich noch? Ich bin doch dein Freund, der Sterngucker! Weißt du noch, was ich dir damals versprochen, als du zum Monde hinauf wolltest? Nun, inzwischen habe ich lange gearbeitet an der großen Himmelsflugmaschine, und nun ist sie fertig. Ich habe versprochen, dich mitzunehmen auf die Mondreise. Was man verspricht, muß man halten! Jetzt komm! Der Vater steht schon draußen und wartet.“
Da fuhr unser kleiner Freund wie ein Wiesel aus dem Bett und hinein in die Kleider. Die Mutter kam und hüllte ihn noch warm ein in Tüchern und Pelzen, und dann traten sie vor das Haus.
Da stand auf dem großen Platz eine gar wunderliche Maschine, halb wie ein Flugzeug, halb wie ein Zeppelin gebaut, mit Flügeln und Luftschrauben und einer großen Gondel mit dicken gläsernen Wänden. Und viele Leute standen drum herum und staunten, und Nachbars Philipp, der immer alles besser wußte als andere Leute, schrie weit über den Platz: „Da kommt der Präsident rinn. Er fahrt nach dem Nordpol. Da streiken die Schneeschipper, und er will ihn’ jut zureden!“ Polizeisergeant Lemke aber hatte einen ganz roten Kopf und rannte mit gesträubtem Schnauzbart umher und schrie: „Jehn Sie weiter, jehn Sie weiter, meine Herrschaften!“
Jetzt aber kam der Vater mit dem Professor durch die Menge hindurch. Sie waren beide in dicke Pelze gehüllt und winkten ihm zu. Auch die Mutter war da, reichte allen noch einmal die Hand, umarmte den kleinen Jungen und blickte recht bekümmert und mit rotgeweinten Augen auf die Himmelsflugmaschine, denn Mütter halten nun mal nicht viel von Reisen nach dem Monde! Dem Franz wurde zwar auch etwas bänglich zumute, aber der Professor war kreuzvergnügt und sagte, es wäre gar nichts dabei. So stieg man denn hurtig in die große gläserne Gondel ein, der Professor drehte an allerlei Hebeln und Schrauben, und schnurrend erhob sich der große Vogel vom Boden und stieg kerzengerade in die Luft.
Unten schrien die Leute: „Hoch“ und „Hurra“ und winkten mit den Taschentüchern und Hüten, so daß man sehen konnte, wer keine Haare mehr auf dem Kopfe hatte, und die Mutter stand abseits und weinte. –
Immer kleiner wurde die Stadt. Die Häuser sahen wie Spielzeug aus und die Gärten wie Moosstückchen, und schließlich war sie nur noch ein bunter Farbenfleck. Dann sah man das weite Land. Aber wie verändert war es! Die Wälder waren große dunkelgrüne Tücher geworden, die Berge waren kaum noch von der Ebene unterschieden, und die Flüsse glichen dünnen, glänzenden Staniolstreifen. Auf einmal aber war alles wie weggeblasen! Eine undurchdringliche weiße Masse wogte ringsum, wie ein Ozean von Milch, und an den Scheiben der Gondel lief das Wasser nieder, als würden sie mit einer Gießkanne besprengt. Der kleine Junge lief ängstlich zu den beiden Männern, aber sie beruhigten ihn lachend.
„Nur Mut, mein Sohn,“ sagte der Professor, „was dich schreckt, ist nichts anderes als eine Wolke, durch die wir hindurchfahren, eine Wolke, die etwa siebentausend Meter über der Erde schwebt. Paß auf, gleich werden wir hindurch sein!“
Und so war es. Da war wieder der blaue Himmel mit der Sonne, und unten zog wie ein mächtiges Gebirge aus Schlagsahne die Wolke, die wohl mehr als tausend Meter lang war, schnell seitwärts hinweg, vom Winde getrieben. Durch Löcher in ihrer fortwährend die Gestalt ändernden Masse sah man dann und wann die Erde tief unten hindurchschimmern. – „Wie aber kommt es, daß alles so naß geworden ist?“ fragte der schon wieder beruhigte Franz.
„Ei, das ist ganz einfach,“ antwortete der Professor. „Eine Wolke ist ja nichts anderes als Wasserdampf, genau so wie die weiße Wolke, die aus der Lokomotive steigt. Das ist wie in einer Waschküche! Wenn der Wasserdampf gegen die kalten Scheiben schlägt, dann fließt er zu lauter Wassertröpfchen zusammen, und die Scheiben beschlagen, und das Wasser rinnt an ihnen hernieder.“