„Es ist doch schnurrig, so durch eine Wolke hindurchzureisen, das haben meine Kameraden drunten noch nie erlebt wie ich nun!“
„Da bist du in einem Irrtum, mein Junge! Auch sie waren, genau so wie du, schon oft mitten in einer Wolke, nämlich im Nebel, und das ist ja nichts anderes als eine Wolke, die sich tief unten auf der Erdoberfläche befindet.“
Aber schon gab es wieder etwas Interessantes zu sehen! Die Erde lag jetzt als eine ungeheure Scheibe tief unter den Reisenden. Man sah auf ihr nur noch helle und dunkle, leicht gefärbte Flächen von Ländern und Meeren. Selbst die Wolken lagen jetzt so tief unten, daß es aussah, als wären es Schneeflächen auf der Erde selbst. Mit riesiger Geschwindigkeit sauste die Flugmaschine aufwärts. Europa sah aus, so ähnlich wie auf der Landkarte. Man bemerkte den Stiefel von Italien, der sich in einen langgestreckten, dunklen Fleck, das Mittelländische Meer, hineinschob, man sah im Norden wie einen springenden Löwen die große Halbinsel der Schweden und Norweger und noch weiter nördlich eine blendend helle weiße Fläche, die Eis- und Schneegefilde rings um den Nordpol. Nach Westen zu aber wuchs eine tiefdunkelgraue Ebene ins Endlose, und das war der Atlantische Ozean. Von Menschen und Menschenwerk war auch nicht die Spur mehr zu entdecken, und man erkannte hier so recht, wie winzig doch in Wahrheit die menschliche Welt ist und wie töricht die Bewohner der Erde, wenn sie sich gegenseitig in schrecklichen Kriegen zerfleischen, um einen Landzipfel mehr zu haben als die andern.
Nun aber geschah etwas ganz Eigenartiges! Bisher war das Flugschiff immer senkrecht von der Erde emporgeflogen, der Sonne zu. Da die Reise aber zum Monde gehen sollte, der der Sonne fast gegenüberstand, denn es war gerade Vollmond, so mußte man jetzt seitwärts steuern, hinüber zur anderen Hälfte der Erdkugel, wo es Nacht war und der Mond am Himmel stand. Der alte Professor lenkte seine wunderbare Maschine nach dort hinüber, und da sah denn der kleine Franz etwas ganz Merkwürdiges. Die Erde, die bis dahin als mächtige hellbeleuchtete, kreisrunde Scheibe unter den Reisenden gelegen hatte, wurde plötzlich an dem einen Rande immer mehr und mehr abgefressen, und schließlich sah sie nur noch wie der Halbmond aus; die andre Hälfte war verschwunden. Auch der Vater stand ganz erstaunt und betrachtete das sonderbare Schauspiel. Ihre erstaunten Ausrufe weckten den gelehrten Professor aus seinem Grübeln. „Ja,“ sagte er, „das nimmt euch wunder, aber es ist ganz einfach zu erklären. Die Erde ist ja nichts als eine große dunkle Kugel, die auf der einen Seite von der Sonne erleuchtet wird, genau so wie ein Tennisball, den man in ein dunkles Zimmer bringt und von einer Seite mit einer Kerze beleuchtet. Die andere Seite ist ganz dunkel, da ist es Nacht. Bisher waren wir über der beleuchteten Tagseite der Erde, und jetzt fahren wir zur Nachtseite hinüber. Wir stehen jetzt grade in der Mitte. Links ist noch die Hälfte der Tagseite zu sehen, und rechts ist es eben Nacht. Die Sonnenstrahlen kommen da nicht hin, und so sehen wir diesen Teil der Erde nicht! Das ist doch ganz einfach, nicht wahr, und selbst der kleine Franz wird das begreifen!“
Ja, das begriff denn auch der kleine Mondreisende. Er hatte schon in der Schule etwas davon gehört, aber jetzt sah er es mit eigenen Augen, und es sah doch recht sonderbar aus. Es kam aber noch viel schnurriger! Plötzlich, mit einem Schlage, waren sie in ihrem Fahrzeug in tiefste Dunkelheit gehüllt. Die Sonne war wie auf Zauberwort verschwunden, verschwunden hinter der Erdkugel. Hoch über ihnen standen die blinkenden Sterne, und etwas seitwärts der volle Mond, an dessen schwaches Licht sich die Augen erst langsam gewöhnen mußten.
„Seht,“ sagte der alte Sterngucker, „jetzt steht die Erde zwischen uns und der Sonne, und ihre Strahlen können uns daher nicht treffen. Wir stehen im Schatten, den die Erde, von der Sonne beschienen, hinter sich wirft. Es geht uns jetzt genau so wie dem Monde bei einer Mondfinsternis. Da steht er auch im Schatten der Erde und wird also verdunkelt. Das ist alles ganz einfach, und es ist keine Hexerei dabei!“
„Was man doch bei so einer Reise alles lernt,“ meinte der Vater, „langsam werden wir selber noch Astronomen[5], mein Junge!“.
Die Erde war jetzt kaum noch zu sehen. Man war ganz über ihrer unbeleuchteten Nachtseite, die nur vom Monde sanft erhellt wurde. Als eine mattgraue Scheibe verschwand sie mehr und mehr in der Ferne, rings umgeben von den noch viel ferneren Sternen. Vor allem aber war es außerordentlich kalt geworden, so daß die Reisenden trotz der elektrischen Heizung in der Luftschiffgondel erbärmlich froren in ihren dicken Pelzen. Der Vater erkundigte sich nach dem Grunde dieser Kälte, und der Professor gab bereitwillig Auskunft. „Im Weltenraum“, erklärte er, „herrscht eine Temperatur von etwa zweihundert Grad Kälte. Genau kann man sie natürlich nicht angeben, aber man weiß bestimmt, daß es annähernd so ist. Näheres darüber kann ich hier nicht sagen, denn der kleine Franz würde es nicht verstehen, aber wenn er bedenkt, daß überall da auf Erden, wo die Sonne monatelang nicht scheint, also am Nordpol und am Südpol, alles in Eis erstarrt und von den Polarforschern schon fünfundsechzig Grad Kälte gemessen worden sind, obgleich das doch noch auf der Erde ist, wo durch Luftströmungen, die aus wärmeren Ländern kommen, immer noch Wärme zugeführt wird, so wird er mir wohl glauben. Wie sollte es auch im Weltenraum warm sein? Warm ist es nur da, wo irgend etwas ist, das die Sonne oder ein anderer heißer Körper erwärmen kann. Der Weltenraum aber ist leer. Nicht einmal Luft ist in ihm, und ...“ Der gelehrte Mann wurde plötzlich unterbrochen. Alle schrien ängstlich auf. Ein gewaltiges Rauschen war vernehmbar, und dann knatterte und polterte es gegen die Wände der Flugmaschine, daß man fürchten mußte, sie gingen in Splitter. Der kleine Franz wich entsetzt zurück vom Fenster. Faustgroße Steine kamen vorbeigeflogen und prallten da und dort an, und einige zerbarsten funkensprühend.
„Die Mondmenschen, die Mondmenschen,“ schrie der kleine Junge auf, „sie haben uns entdeckt, sie schießen auf uns!“
Auch der Vater war entsetzt zurückgewichen, und der Astronom stand bleich im Hintergrunde und trippelte ratlos hin und her.