Der Professor nickte, setzte sich auf einen Felsblock und schrieb: „Auch das kommt daher, daß der Mond ohne Lufthülle ist! Der blaue Himmel auf Erden entsteht nur, weil das Sonnenlicht die Luftschichten erhellt, und so werden die Sterne unsichtbar. Hier, wo die Luft fehlt, sind sie auch am Tage zu beobachten.“
Das ist doch eine schnurrige Welt! dachte Franz. Hier kann niemand Lärm machen, keine Musik und kein Gesang ertönt, und wenn ein ganzes Heer von Soldaten und Wagen entlangzöge, man hörte nichts davon. In der Schule würde es hier nur schriftliche Arbeiten geben, und die Leute könnten sich nur brieflich zanken.
Der Professor stand auf und bedeutete seinen Gefährten, ihm zu folgen. Ein hoher Berggipfel lag vor ihnen; er stand am Rande einer weiten Ebene, und der Astronom hatte die Absicht, ihn zu besteigen, um einen Blick weit ins Land zu tun. Alles ringsum war kahl und öde. Nicht ein grünes Fleckchen weit und breit, kein Baum, kein Strauch, kein Vogel, kein Insekt war zu sehen. Nichts als zerrissene Felsen ringsum, so weit das Auge reichte, tiefe dunkle Schluchten und breite Risse im Gestein. Dann wieder noch trostlosere Ebenen, gefüllt mit ausgedörrtem, glühend heißem Sand. Dazu die Grabesstille und der schwarze Himmel, es war wirklich schauerlich und beängstigend. Wie schön war doch dagegen die Erde, mit ihrem blauen Himmel, ihren Wiesen und Wäldern, ihren Flüssen und Meeren, dem tausendfachen Getier, den ziehenden Wolken, dem Flüstern des Windes, dem Sang und Klang und munteren Leben allüberall.
Sie standen nun nach kurzer Wanderung auf dem Gipfel des Berges, und jetzt erst konnte man die Formen der Berge so recht erkennen. Vor ihnen lag eine mächtige Ebene. Der Professor sagte, mit den großen Fernrohren sehe man das alles auch deutlich von der Erde aus, und die Mondforscher hätten vom Monde selber sehr genaue Photographien und Karten hergestellt und alle Berge und Ebenen auf dem Monde genau so mit Namen bezeichnet, wie es die Geographen mit den irdischen Landschaften gemacht haben.
„Diese große Ebene,“ so bedeutete er seinen Freunden, „nennen die Astronomen ‚Mare Imbrium‘. Früher war das wohl ein großes Meer, aber nun liegt es ausgetrocknet da, denn wie es keine Luft gibt, so gibt es auch kein Wasser auf dieser toten Welt. Der große Gebirgszug mit seinen wie Silber glänzenden Spitzen, den ihr da in weiter Ferne am Rande der Ebene erkennt, das ist eine Kette von großen Berggipfeln, und die Astronomen haben sie ‚Mond-Apenninen‘ getauft. Hier mitten drin in der Ebene seht ihr aber nun die ganz sonderbaren Mondkrater, von denen es auf dieser seltsamen Welt Zehntausende gibt. Seht, es sind alles mächtige, kreisrunde Gesteinsringe, und manchmal steht noch ein kleiner Bergkegel im Mittelpunkt des Ringes.“
Der kleine Franz nahm den Notizblock und schrieb darauf: „Diese Kraterberge des Mondes sehen alle aus wie hohle Backenzähne!“ Da lachte der Professor und schrieb darunter: „Ja, da hast du recht, mein Junge, nur daß diese Backenzähne oft fünfzig Kilometer breit sind.“
Die Reisenden schritten nun weiter, nach der anderen Seite zu, wo das Land in Dunkelheit gehüllt war, denn dort schien die Sonne nicht mehr hin, und es begann an dieser Stelle die von der Sonne abgewendete Nachtseite des Mondes. Franz hatte sich schon lange gewundert, wie merkwürdig schnell und leicht er auf dem Monde laufen konnte. Als er nun zum Spiel einen Stein aufnahm und ihn in die Luft warf, da blieb er überrascht stehen! Der Stein flog so hoch, daß er ihn kaum noch sehen konnte, und kam erst in großer Entfernung zu Boden. Der alte Professor aber hatte seinem Spiel und seinem Erstaunen zugesehen und bedeutete ihm, einmal aufzupassen. Der alte Herr nahm einen kleinen Anlauf, und dann sprang er vor einem kleinen Hügel vom Boden ab, hoch in die Luft, über den haushohen Hügel hinweg, und schwebte sanft jenseits wieder herunter. Es sah so komisch aus, wie der gute alte Professor da plötzlich mit wehenden Frackschößen und flatternden Haaren, mit schlenkernden Armen und seltsam herumrudernden Beinen in der Höhe hinsauste, daß Vater und Sohn zunächst nicht aus dem Lachen herauskamen. Aber dann faßte sie doch das Erstaunen über das Gesehene, und so probierten sie denn auch diese Luftsprünge (wenn man so sagen kann, da es auf dem Monde keine Luft gibt!). Die des Vaters fielen noch viel höher aus als die des Gelehrten. Der Vater schleuderte auch Steine, die so weit fort flogen, daß man sie aus dem Auge verlor. Dann aber traten sie zu dem Professor, um sich erklären zu lassen, weshalb ihre Kraft hier auf dem Monde zu Leistungen hinreichte, die auf Erden der stärkste Mann nicht zu vollbringen vermöchte. Hob der kleine Junge doch Felsblöcke empor, die auf der Erde sein starker Vater nicht hätte heben können. Aber der Astronom wußte auch dafür eine einfache Erklärung.
Er setzte sich nieder und schrieb: „Der Mond ist viel kleiner als die Erde. Man könnte aus der Erde neunundvierzig Monde machen. Der viel kleinere Mond zieht auch alle Gegenstände, die sich auf ihm befinden, nicht so stark an wie die große Erde, daher kommen uns also alle Steine und so weiter auch auf dem Monde viel leichter vor, wir brauchen viel weniger Kraft, um sie zu heben, oder können mit unserer Kraft viel schwerere Steine hier aufheben und viel weiter werfen als auf Erden. Da wir selbst auf dem Monde nur etwa sechsmal weniger wiegen als auf der Erde, so können wir uns mit unserer Kraft auch sechsmal leichter bewegen und über sechsmal höhere Hügel hinwegspringen als auf der Erde! Seht, das ist alles ganz einfach, und nirgends in der Welt gibt es Hexerei. Alles geht natürlich zu, und wenn man viel gelernt hat, kann man auch viel erklären!“
Es ist wirklich eine schnurrige Welt hier, dachte der kleine Junge. Wenn ich mir von der Erde ein Pfund Schokolade mitgebracht hätte und würde es hier nachwiegen, so wäre es nur noch ein sechstel Pfund, selbst wenn ich gar nichts davon genascht hätte!