Die Reisenden schritten rüstig weiter, immer weiter nach dorthin, wo es Nacht auf dem Monde war und die geringe Schwere ihres Körpers bewirkte, daß sie äußerst schnell vorwärts kamen und nicht müde wurden. Die Sonne sank tiefer und tiefer zum Horizont herunter, und ganz plötzlich waren sie mitten in der tiefsten Finsternis, denn so eine allmähliche Lichtabnahme zwischen Tag und Nacht wie auf der Erde gibt es auf dem Monde nicht, weil eben keine Luft vorhanden ist, die noch lange nach Sonnenuntergang von den Sonnenstrahlen erhellt wird. Nur einige Berggipfel, zu denen die Sonnenstrahlen noch hinaufdrangen, glänzten wie aus blankem Eise geformt, als aber auch diese durch andere Berge verdeckt wurden, war es rabendunkel ringsum, und man sah nicht die Hand vor Augen. Der Vater wollte ein Zündhölzchen entflammen, aber es blitzte nur auf und verlosch wieder; er hatte vergessen, daß in einem luftleeren Raum ja nichts brennen kann. Aber auch dafür hatte der Professor gesorgt, denn an seinem Gürtel hing eine große elektrische Handlampe, die genügend Licht auf den Weg warf. Sie gingen noch ein gutes Stück, da zeigte sich plötzlich tief unten am Horizont ein heller Schein. Eine runde, leuchtende Kuppe wurde sichtbar, die immer mehr wuchs, je weiter sie wanderten. Es war genau so, als wenn auf Erden der Mond aufgeht. Immer mehr rundete sich diese Lichtscheibe, die da am Horizont des Mondes emporstieg, und endlich stand sie leuchtend unter all den Sternen schon ziemlich hoch droben über den Berggipfeln, und zwar so hell, daß man ringsum alles klar erkennen konnte und der Professor seine Lampe löschte.

Die Mondreisenden standen und blickten voll Staunen zu dem seltsamen Monde empor, der da am Himmel des Mondes aufging, aber diese leuchtende Scheibe war wohl zwölfmal größer, als auf Erden der Mond erscheint. Und auf ihrer Oberfläche sahen der Vater und Franz helle und dunkle Flecke, die ihnen merkwürdig bekannt vorkamen, grade so, als hätten sie sie schon früher wo gesehen. Da zog der Astronom seine Notiztafel hervor und schrieb ein paar Worte, die unsere Freunde in großes Erstaunen versetzten:

Jene Scheibe dort droben am Mondhimmel ist die Erde!“ Und wirklich, es war so. Deutlich sah Franz die ihm vom Schulglobus bekannten Umrisse der Länder und Meere auf der Erde, das große Dreieck von Südamerika, den Atlantischen Ozean und am Südpol die weiße Kuppe der Eis- und Schneefelder. So war den Reisenden nun der Mond zur Erde geworden und die Erde zum Monde, und der gelehrte Professor erklärte ihnen, daß das alles ganz selbstverständlich sei, denn genau so, wie von der Erde aus gesehen der Mond als ein Gestirn am Himmel schwebt, muß vom Monde aus gesehen die Erde als Gestirn erscheinen, nur daß sie größer ist.

Da wandelten denn die Reisenden im Licht der Erde auf dem Monde spazieren, wie die guten Leute da auf Erden im Mondenschein promenieren. Aber der Anblick der so fernen Erde, die doch so schön war mit ihren Wäldern und Feldern, ihren Blumen und Vögeln, ihren Meeren und Flüssen und geschäftigen Menschen, hatte dem Vater und dem kleinen Franz plötzlich die Sehnsucht ins Herz gesenkt, wieder dahin zurückzukehren, zu ihrem kleinen Hause mit dem Gärtchen und zu der Mutter, die gewiß schon in tausend Ängsten sehnsüchtig nach dem Himmelsschiff ausschaute. Der kleine Junge trat an den Vater heran, ergriff seine Hand und deutete nach der Erde hinüber. Und der Vater verstand ihn. Er ging auf den gelehrten Mann zu, legte seine Hand auf seine Schulter und machte ihm begreiflich, daß man nun umkehren müßte, zurück zu dem Luftschiff, um die Rückreise anzutreten.

Aber der schüttelte den Kopf. „Das Flugschiff ist zerschellt,“ so schrieb er nieder, „wir müssen hier bleiben!“

„So werden wir es ausbessern,“ entgegnete der Vater.

„Nein! Hierbleiben, hier ist es interessant, und ich muß noch viel untersuchen hier oben, denn ich werde ein ganz dickes Buch über den Mond schreiben.“ Das war die Antwort des Astronomen.

Der Vater redete heftig auf ihn ein und machte dem eigensinnigen Professor schwere Vorwürfe, daß er sie hierher gelockt, ohne ihnen die Rückreise zu ermöglichen, und der Alte stampfte mit dem Fuße auf und entgegnete nur immer das eine: „Wir bleiben hier!“

Es war plötzlich, als ob der alte Gelehrte zu einem teuflischen Dämon geworden wäre. Seine Augen blitzten höhnisch hinter den Brillengläsern hervor, und er fuchtelte wild und drohend mit den Händen in der Luft herum, so daß der kleine Junge in Angst und Schrecken geriet.

Und da mit einem Male waren die beiden Männer zusammengeraten. Sie rangen miteinander und suchten sich zu umfassen. Immer weiter schoben und zerrten sie sich, und nun standen sie ganz nahe an einer tiefen Felsenspalte, die rabenschwarz ins Unbekannte ging. Da lief der weinende kleine Junge hinzu, packte den Vater am Rock, um ihn hinwegzuzerren von dem dunklen Abgrund, aber schon war es zu spät. Sie stürzten, sie fielen immer tiefer, immer weiter ins bodenlose, undurchdringliche Dunkel ...