„Macht euch nicht besser als ihr seid, ihr wilden Burschen,“ entgegnete der Blizzard. „Mir macht ihr nichts vor! Als ich noch jung war, trieb ich’s ebenso. Aber nun wollen wir nicht unnötig Zeit verlieren! Berichtet eure Schandtaten!“
Da hockten die vier Winde in der Mitte der Höhle des Demawend nieder, und der Jüngste von ihnen, der Samum, hub an zu erzählen:
„Eines Tages ging nicht alles wie es sollte, und die Menschen hatten da wohl recht, über mich zu klagen, aber es geschah nicht mit Absicht. Ich lag auf dem Berge Mogodom, in der Oase Kauar, und schlief. Unter mir dehnte sich weit in die Ferne das mächtige Sandmeer der Wüste Sahara. Die Sonne brannte unbarmherzig nieder. Die Steine waren so heiß, daß sie die Gräser versengten. Schlangen und Krokodile lagen träge und mit offenen Mäulern da, und ein alter Löwe, den die Hitze aus dem heißen Sande vertrieben, träumte neben mir im Schatten eines dürren Dattelbaumes. Der stinkende grüne Tümpel der Oase, in dem die Krokodile faulenzten, dampfte vor Hitze. Es war totenstill ringsum.
Am Nachmittag, als die Sonne sich senkte, wachte ich auf. Der Löwe neben mir, die Schlangen im Sande, die Krokodile im Tümpel schliefen noch immer, und es war furchtbar langweilig. Da sah ich weit in der Ferne eine Kette dunkler Punkte ganz langsam im heißen Wüstensande dahinschleichen, und die Neugierde trieb mich, zu sehen, was es sei. Zudem war es auch Zeit, an die Arbeit zu gehen. Es war seit Wochen glühheiß und trocken, alles verdorrte. Ich mußte ein wenig mit dem großen Quirl im Luftmeer herumrühren, vom Meere her Feuchtigkeit herzutragen, vielleicht daß es mir gelang, einen Regen zusammenzubrauen. Da erhob ich mich denn gegen Abend, breitete die Flügel aus und schwirrte davon, der Kette von Punkten zu, die noch immer in der Ferne langsam dahinkroch.
Gewaltige Massen glühendheißen Staubes und Sandes rissen meine Schwingen mit. Die ganze Luft war davon erfüllt, so daß der Himmel tiefgelb erschien und die Sonne einen rostroten Schein annahm. Alle Tiere krochen in ihre Höhlen, und als ich nun jener Punktreihe näher kam, sah ich, daß es eine Karawane von Kaufleuten war; zehn Kamele führten sie mit sich, und nebenher ritten Beduinen in weißen Mänteln. Als sie mich in der Ferne in meinem rotgelben Staubschleier dahinstürmen sahen, warfen sie sich nieder in den Wüstensand, der unabsehbar, in lauter Wellen sich türmte, bis fern am Horizont. Die Kamele drängten aneinander und ließen sich nieder auf die Knie, und zwischen ihnen lagen die Menschen, das Gesicht zum Erdboden gewendet. Ich aber brauste über sie dahin wohl drei Stunden lang, dem Meere zu, und achtete ihrer nicht. Hätte ich gewußt, daß der glühendheiße Atem sie ausdörrte, daß der unaufhörlich auf sie niederrieselnde feine Sand sie begrub, ich hätte einen anderen Weg genommen. Wer kann wissen, daß die Menschen so empfindlich sind, und weshalb wagen sie sich in das Sandmeer, wenn sie so leicht darin zugrunde gehen!
Ich aber schwirrte weiter und weiter, über die tripolitanischen Berge, über Tunis und die immergrüne Oase Biskra, über die weißen Häuserreihen der Stadt Constantine, und überall, wo die Menschen mich kommen sahen, wo mein Staubmantel die Sonne rostbraun färbte, das Klingen und Singen der Milliarden wirbelnder Sandkörnchen in der Luft Botschaft brachte vom Wüstensohne Samum, da eilten sie erschreckt in die Hütten und Häuser.
Bei Sonnenuntergang stand ich am Ufer des Mittelländischen Meeres. Der Staub war meinen Flügeln entglitten, und ich war müde. Ich war an der Grenze meines Reiches und meiner Macht. Ich verschnaufte ein wenig und kehrte um. Der Mond stand schon am Himmel, und bleich lag das Sandmeer der Wüste vor mir, als ich wieder jene Stelle kreuzte, an der ich der Karawane begegnet war. Ein verwehter Hügel nur war erkennbar, aus dem die Gebeine der schwer beladenen Kamele herausschauten und da und dort das Gesicht eines Menschen starr und grünlich im Mondenschimmer leuchtete.“
Der Samum schwieg.
„Da hast du etwas Schönes angerichtet, Lausbub,“ sagte der alte Blizzard und strich den vereisten Bart. „Man hört selten etwas Gutes von dir. Überall in der Sandwüste bleichen die Gebeine von Menschen und Tieren, die dein heißer Atem erstickt hat, die du lebend im heißen Sande begrubst. Am besten wäre es, der Wettergott gerbte dir tüchtig das Fell!“