Da zog sich der Samum gekränkt in eine Felsenspalte zurück und murmelte unverständliche arabische Flüche vor sich hin. Dann aber nahm sein Bruder, der Orkan, das Wort.
„Ich,“ sagte er, „habe das ganze Jahr hindurch meine Plage. Bruder Samum haust in wenig bewohnten Gegenden, und bei ihm geht es das ganze Jahr gleichmäßig zu. Er ist ein Faulenzer. Ich aber habe alle Hände voll zu tun, und in meinem Reich sind große Wälder und Felder und Städte und Meere mit vielen Schiffen. Blas’ ich zu wenig, laß ich’s nicht genug regnen, dann ist die Ernte schlecht. Dreh’ ich den Wasserhahn mal ordentlich auf und schnaufe mal so recht aus voller Brust und blitze und donnere, dann geht wieder alles zum Teufel auf den Feldern, und die Bauern laufen gleich in die Kirche und beschweren sich beim Himmelsvater. Am schlimmsten aber sind die Schiffer! Da fahren sie mit ihren Nußschalen auf dem großen Weltenmeer herum, und wenn man sie mal mit dem Frackschoß streift, gleich ist das Unglück fertig! Das tollste ist mir im Frühjahr passiert. Ich saß gemächlich ein paar Wochen im Riesengebirge und spielte mit dem alten Rübezahl Karten. Auf einmal kommen ganze Stöße Beschwerdebriefe, wo denn der Wind bliebe, und der Regen. Die Baumblüte sei in ganz Europa, aber der Wind fehle, der den feinen Blütenstaub von Blume zu Blume trage und sie befruchte, damit der Herbst auch Äpfel und Birnen und Kirschen bringe. Zudem sei es staubtrocken in Gärten und Ackern.
Herrgott, sage ich zum alten Rübezahl, ich muß schleunigst fort. Er schimpft wie ein Starmatz, denn er hat gerade alle vier Asse in der Hand, ich aber werfe die Karten hin und huiii hinaus, über die Berge, und hinein ins Land.
Anfangs ließ ich mir noch etwas Zeit, ich fuhr fünfzig Kilometer in der Stunde; als ich dann aber unten einen Schnellzug sah, der mich überholte, da breitete ich die Schwingen und legte gewaltig zu, so daß der Schnellzug bald weit hinter mir zurückblieb. Und als ich so über Deutschland dahinschwebte, da sah ich denn, daß die Frau Sonne mal wieder eine Seite im Kalender überblättert und viel zu stark eingeheizt hatte für die Jahreszeit. Die jungen Bäumchen ließen in ihrem Durst die Ohren hängen, und die Blumen sahen blaß und kränklich aus. Da trieb ich mir dann den Wasserdunst, der reichlich aus Meeren, Seen und Flüssen aufstieg, zusammen, trieb ihn empor, kühlte ihn ab und schuf die schönste, graublau und weiß gemusterte Wolkendecke, so daß die Sonne ihre Strahlenpfeile nicht mehr herniedersenden konnte auf die verschmachtende Erde. Und dann ließ ich es so ganz langsam und bedächtig trippeln und tröpfeln.
Unten, in den Dörfern, standen Bauer Jochen und Krischan Päsel, nahmen die Piepe aus dem Munde, nickten bedächtig mit dem Kopfe und sagten: „Man tau! Dat is höchste Tid!“ In der Stadt schimpften natürlich wieder ein paar vornehme Damen, daß ich die Spitzenkleider und die neuen Sommerhüte ruiniere. Auch eine Schar Kinder, die mit Lehrer Meier einen Schulausflug machte, erhub ein zorniges Geschrei. Sie streckten die Zungen heraus, zu den Wolken empor und sagten: „Sechs Wochen war Sonnenschein; heut natürlich gießt es Feuereimer!“
Bauer Jochen und Krischan Päsel aber standen noch immer da unten, pafften ihren Kanaster, spuckten links und spuckten rechts und sagten: „Dat is vör de Katz! Man en beten döller!“
Kann man’s den Menschen recht machen? Da wurde ich ärgerlich, drehte alle Schleusen auf und ließ es gießen wie am Sintfluttage. Und dann kramte ich die alte Donnerbüchse raus und die Hageltrommel und musizierte ein Gewitter, daß es eine Lust war. Die Menschen in den Städten rannten wie besessen, als ich so daherpfiff. Tante Jules falscher Zopf, Lehrer Meiers neuer Hut und die zum Fenster herausgeflogenen Gardinen der Frau Wirklichen Geheimen Staatsrätin wirbelten mitten auf dem Schillerplatz einen steirischen Dreher, und alle Regenschirme schnappten über vor Vergnügen. Der Volksgartenwirt, der so dick war wie ein Weinfaß, war puterrot vor Zorn. „Herr des Himmels,“ schrie er, „wer wird nun heut’ abend kommen, mein schon etwas saures Bier und die schon nicht mehr frischen Hammelbraten essen? Ich bin ein geschlagener Mann!“ Die Droschkenkutscher und Schirmflicker aber jubelten: „Immer feste! Das gibt Geld in den Beutel!“
Wem kann man’s recht machen?
Während ich so über das Festland dahinzog, über Oder und Elbe, über Weser und Rhein und die Wälder erfrischte, die Saaten tränkte, die heiße Stickluft aus den Städten jagte, hatte ich aber nicht genug acht auf die See. Kann man seine Augen überall haben, gleichzeitig Obacht geben auf den falschen Zopf der Tante Jule, die Birnbäume in Jochens Garten und den Frachtdampfer ‚Nordstern‘, der da von Schweden nach England unterwegs ist und sich den Klippen nähert? – Ich brauste dahin mit Blitz und Donner, die Sonne war schon untergegangen, die blaugrauen Wolkenmassen hingen tief hernieder, man sah keine tausend Meter weit. Den Menschen auf ihrem Schifflein wurde es unheimlich. Meine grellen Blitze schienen Himmel und Erde in Brand zu setzen, der Donner rollte und grollte zwischen den Wolkenwänden wie die zürnende Stimme des Herrn der Welt. Ich peitschte die graugrünschillernden, sich überschlagenden Wogen, die mit wildem Trotz, mit weißen Häuptern gegen mich ankämpften, und brauste über die weite Wasserfläche, doppelt so schnell als die schnellsten Kriegsschiffe der Menschen. Ich pfiff und heulte mein Kampflied gegen das alte, widerspenstige Meer und brachte es in Wut und Aufruhr, und zu spät erst entdeckte ich plötzlich in der Ferne die roten und grünen Signallaternen des ‚Nordstern‘. Der arbeitete mit aller Macht seiner Maschinen gegen mich an. Aus seinen Schornsteinen quoll wie Schafwolle der dicke schwarzbraune Qualm. Zuweilen hob eine Riesenwelle das Hinterteil des Schiffes weit aus dem Wasser, und die Flügel der blanken Schiffsschrauben rasselten dann in der Luft, daß man glauben konnte, das ganze niedliche Spielzeug würde zerbersten wie die Spieluhr eines Knaben, die von hoher Felsenwand in eine wilde Felsschlucht stürzt.
Die kleinen Menschlein waren wacker und mutig und arbeiteten aus Leibeskräften, und man mußte alle Hochachtung vor ihnen haben. Gern wäre ich ihnen zu Hilfe gekommen, aber es war zu spät! Das Schiff wurde mit voller Wucht gegen eine Felsenklippe geworfen, nahe der englischen Küste. Es zersplitterte, lief voll Wasser, kippte auf die Seite. Die Menschlein wurden fortgespült wie Zündhölzchen. Einige wurden auf die Klippen geworfen und kamen wohl mit dem Leben davon, die meisten aber versanken lautlos im tiefen Meer. – Ich bemitleidete sie, aber ich konnte ihnen nicht helfen. Es ist das Unglück der kleinen, schwachen Geschöpfe, daß sie sich mit ihren niedlichen Spielsachen mitten hineinwagen in den Kampf der Elemente!“