Der Orkan schwieg, und sein alter Bruder, der Blizzard, wiegte nachdenklich das Haupt.
„Es sind in jener Sturmnacht noch sehr viele Schiffe und Fischerboote untergegangen, und auch Flora betrauert schweren Schaden, den dein Ungestüm, vor allem die Hagelwetter in Feld und Garten angerichtet haben. Du wolltest es sicher gut machen und hast auch Dürre und Hitze vortrefflich bekämpft, aber dein wildes Balgen mit dem Meer, mit Neptun, unserem alten Widersacher, hat dich verführt, Rücksichten gegen die Menschen fallen zu lassen, und das war unrecht. Aber wir sind alle Sünder, und so ziemt es mir nicht, zu richten.“
„Zu spät erst,“ verteidigte sich der Orkan, „bemerkte ich sie, denn mein Auge hing über halb Europa und dem ganzen Nordmeer. Aber ebensowenig wie die Menschen ihre Eisenbahnzüge noch eine Minute vor dem Zusammenstoß aus voller Fahrt zum Stillstand bringen können, kann ich der ungeheuren Kraft gebieten, im Augenblick zu verwehen wie ein Nichts. Auch der Mensch muß vorsichtiger sein!“
Plötzlich sprang der Amerikaner auf, der Tornado oder Wirbelsturm. Er lachte aus vollem Halse, daß es dröhnte, und tanzte einen richtigen Niggertanz. Dann pflanzte er sich breitspurig vor dem Orkan auf und sagte: „Old boy, du bist der richtige europäische Kleinstädter. Ihr fangt an zu weinen wie eine zimperliche Jungfer, wenn ihr irgendwo ein paar Fensterscheiben eingeschlagen habt oder ein alter Frachtkahn ersoffen ist. By Jove! Wenn die Ameisen sich ausgerechnet da anbauen, wo die Elefanten spazieren zu gehen pflegen, so dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie da eines Tages ums Leben kommen! Wo geholzt wird, da fallen Späne! Wir in Amerika denken anders darüber, und wenn ich einmal meinen wilden Tag habe, so kümmere ich mich den Teufel um die Menschlein und ihre Werke!“
„Du bist allenthalben als ein übler Bursche bekannt und bringst uns alle in Verruf, alter Freund,“ sagte mißbilligend der Blizzard. „Es nimmt noch einmal ein schlimmes Ende mit dir!“
„Nur nicht so selbstgerecht, alter Grislybär! Wo du hausest, da haben die Menschen auch keinen Grund Halleluja zu singen!“
„Macht, daß ihr zu Ende kommt,“ schimpfte der Samum, „ich habe Sehnsucht nach der Sonne Afrikas!“
„Hört mich an, old boys! – Die Menschen sind ein widerspenstiges und freches Gezücht, besonders da drüben bei mir in den Staaten! Da rühmen sie sich, die Naturkräfte besiegt zu haben, Meister der Welt zu sein, diese Knirpse mit ihren Kartenhäusern, ihren blinkeblanken Spielsachen, die auf dem Meere fahren, auf eisernen dünnen Bändern bis hoch in die Berge hineinklettern mit ihren piepsenden und pfauchenden Wasserkochern. Da spannen sie ihre kupfernen Spinnfäden hinaus in alle Lande, und in letzter Zeit werden sie immer dreister und fahren hoch oben in den Wolken mit mächtigen aufgeblasenen Würsten und schnurrenden Spindeln umher. Zudem schießen sie mit künstlichem Blitz und Donner Eisenstücke in die Luft. Sollen wir uns all das von diesen Ameisen gefallen lassen und gar noch Rücksicht darauf nehmen? Sie sind unsere Feinde, unsere Sklaven, und dabei wollen sie uns, die Riesen, zu Sklaven machen. Tut, was ihr wollt! Ich für mein Teil werde diese Zwerge bekämpfen, wenn sie meine Kreise stören!“
„Alter Bursche, du hast ihnen neulich nicht schlecht zugesetzt, als du durch ganz Mittelamerika fuhrwerktest. Alle Zeitungen, selbst in Europa, waren voll von den Verheerungen des Wirbelsturmes! Nun beichte, wie das war!“
„Gut, Bruder Orkan, das will ich tun, und dann wirst du nicht mehr weinen wegen der paar Blumentöpfe, die du hier in deinem alten gemütlichen Europa auf die Straße geworfen hast. – Ihr wißt, ich mache es nicht wie ihr, ich blase nicht, sondern da, wo ich am stärksten wirken will, da sauge ich! Wie ein ungeheurer Elefantenrüssel hängt mein saugender, ständig wirbelnder Wolkentrichter aus der Höhe nieder, und alles, was ihm in den Weg kommt, das saugt er schlürfend ein, reißt er hoch empor, um es irgendwo wieder krachend niederzuwerfen. Was aber nicht gutwillig mitgeht, das zerbricht meine eiserne Gewalt. Nur schmal ist das Gebiet meiner Macht, aber dort bin ich auch ein unerbittlicher Herrscher, der Menschenwerk nicht schont. Die Spur meines Weges ist sichtbar wie die einer Sense, die eine tiefe, kahle Furche durch das Kornfeld zog.