Von den Höhen des Felsengebirges, im gesegneten Lande Colorado brach ich auf. Von Gipfeln, die im ewigen Schnee wie Silber glänzen, stieg ich an einem heißen Maitage nieder. Langsam zunächst schraubte ich mich durch die Felsentäler. Hinter mir war der Himmel wie eine Mauer, blauschwarz und drohend. Die wilden Bergmassen des Felsengebirges boten mir trotzig die Stirne, suchten meine Wucht zu brechen. Aber meine Kraft wuchs von Minute zu Minute. Mit der vierfachen Geschwindigkeit eines Schnellzuges rannte ich gegen die steinernen Wände. Jahrhunderte alte Bäume, dick wie Tempelsäulen, zersplitterte mein Zorn. Ein Eisenbahnzug, aus der Kansasebene emporkeuchend zu den Felsen, kam mir in den Weg. Er fauchte an steiler Wand mit seinen zwei Riesenlokomotiven immer weiter bergan, unter sich Abgründe mit rauschenden Bergwassern, die über gefallene Riesenbäume hinwegtobten, die schon zu Zeiten hier lagen, als die Menschen noch keine Eisenbahnen kannten. Ich rannte gegen das rollende Spielzeug an, so daß es zu stürzen drohte. Es kreischte wild auf. Die Bergmassen warfen seinen Schrei tausendfach wieder, aber er ging unter in dem Dröhnen und Brausen der Luftmassen, die ich durch die Felsenschluchten schleuderte. Ich duckte mich nieder zu neuem Sprunge, rannte aufs neue gegen die rollende Schlange. Die Fenster der Wagen zersplitterten. Da und dort flog ein Wagendach ab und segelte wie ein Fetzen Papier zur Tiefe. Dann trat der Zug in einen Tunnel ein. Er hielt! Er gab den Kampf mit mir auf. Nur die letzten Wagen der Schlange schauten noch aus dem dunklen Felsenloch hervor. Ich hatte nicht Zeit, ich mußte weiter, aber noch einmal sprang ich ihn an. Fünfmal schneller als ein Schnellzug warf ich meine breiten Flügel gegen das Menschenspielwerk. Meine Kraft war so stark, daß ich auf jeden Quadratmeter mit einer Wucht von fünfzehn Zentnern drückte. – Rasselnd wankten die beiden letzten Wagen des Zuges, vollgefüllt mit Gepäck und Post. Sie stürzten, die eisernen Verbindungen rissen, sie kollerten von dem glänzenden Schienenstrang herunter, über die Felsenwand hinweg in die finstere Schlucht. Wie Zündholzschachteln sah ich sie tief unten verschwinden.

Felsblöcke schleuderte ich hinterher und haushohe Tannen. Dann hatte ich den Rand des Gebirges erreicht und stieg nieder in die Ebene. Düster und drohend stand mein blauschwarzes Wolkenheer ringsum und machte den Tag zur Nacht. Wie einen Elefantenrüssel steckte ich meinen dunklen, alles zerbrechenden, alles aufsaugenden, sich ständig in wildem Wirbel drehenden Lufttrichter nieder zur Erde. Vor mir lagen die großen Viehweiden von Texas. Büffelherden flohen vor meinem alles ergreifenden Arm, verwegene Reiter auf schnellen Pferden jagten über die Grassteppen, um mir zu entkommen. Hier aber konnte ich mit voller Kraft, ungehindert durch Felsenwände, dahinschwirren. Ein Wäldchen stellte sich mir entgegen, ich knickte es wie ein Elefant die Gräser, die seinen Lauf hemmen wollen. Ich schraubte mit meinem Rüssel hundertjährige Bäume hoch in die Luft, trug sie mit mir, warf sie wie Besen mitten in die enteilenden Viehherden hinein. Ein Rancho stand da drunten, ein hölzernes, einstöckiges Landhaus mit Garten darum. In ihm wohnten die Besitzer der Viehherden und ihre Leute. Ich nahm eine Tanne, warf sie wie einen Speer durch die Bretterwand. Die kleinen Menschlein, die sich immer rühmen, daß sie die Naturkräfte beherrschen, lagen blaß und zitternd am Boden. Da wandelte mich die Lust an, ihnen zu zeigen, daß die Naturkräfte noch immer Selbstherrscher sind auf Erden. Ich rüttelte und schüttelte ihr Wohnkästchen wie eine Maikäferschachtel, riß es mit einem ganzen Stück Gartenboden ab, mein saugender Rüssel faßte es, hob es empor und setzte es einige hundert Meter weiter in einem Wäldchen wieder nieder, wobei allerdings die ganze Sache ein wenig durcheinander kam[7]. Ich tat es so sanft wie möglich, denn es lag mir nicht daran, die Menschlein in der Holzkiste zu töten, sondern ihnen eine Lehre zu geben. Ich glaube, sie haben sich doch etwas gewundert, die klugen Ameisen!“

„Allah ist groß, und seine Werke rühmen Himmel und Erde!“ sagte der Samum. „Der Bruder aus Amerika kann Märchen erzählen wie ein Derwisch! Ein ganzes Haus durch die Luft tragen, das ist mehr, als die Propheten verkünden!“

„Tausend Donner!“ schrie der Tornado, „was sagt diese vertrocknete Wüstenmumie? Er hält meinen Bericht für Humbug!! By Jove, da soll doch gleich ...“

„Nur Ruhe!“ beschwichtigte der Blizzard, „was uns der verwegene Bursche hier erzählt, ist leider alles richtig! Alle Zeitungen der Menschen haben alles Unheil, was er damals anrichtete, genau notiert, und die Gelehrten haben dicke Bücher darüber geschrieben. Sie nennen jene Taten den Wirbelsturm von Galveston.“

„Ja, old boys! Galveston! Das war es! Das ist die große Stadt am Ufer der mexikanischen Seen, über die ich hinfuhr, als die Wälder und Weiden von Texas hinter mir lagen. Ein Wagen mit einem Ochsengespann kam mir entgegen. Ich hob die ganze zappelnde Gesellschaft empor und trug sie von dannen. Gleich am Eingang der Stadt stand wieder so ein niedliches Spielzeug der Menschen, ein Haus mit vielen schnurrenden Rädern drin, die alle getrieben wurden durch einen Kessel, in dem Wasser kochte. Unter dem Kessel war Feuer, und ein hoher steinerner Turm stand draußen, der qualmte wie eine Pfeife. Ich gab ihm einen Rippenstoß, da fiel er um, brach das Genick. Dann riß ich den Wasserkessel aus der Wand und legte ihn draußen auf die Wiese. Dann erst ging ich in die Stadt und habe da noch manchen kleinen Scherz vollführt. Ein großer Platz war da inmitten der Häuser, und auf dem Platz stand ein mächtiges eisernes Ding mit hellen Lichtern daran, die den Platz beleuchteten. Ich habe mir redliche Mühe gegeben, dem alten eisernen Burschen zu einer Luftfahrt zu verhelfen, aber sie hatten ihn an schweren Steinplatten tief in den Boden eingeschraubt. Da er absolut nicht mitwollte, ergriff ich seine eiserne Säule mit meinem Rüssel und drehte sie sechsmal um und um, so daß ein Korkenzieher daraus wurde. Er steht noch so da. Die Menschen bewahren ihn als Andenken an meinen Einzug in die Stadt. Kandelaber heißt der verdrehte eiserne Kerl! – – Ich hob Türen und Fenster aus, deckte Dächer ab, zerriß tausend kupferne Spinnfäden, die die Leute überall auf den Dächern ausgespannt hatten, und spielte im Hafen, wo viele Schiffe lagen, zum Tanz auf, bis sie der Teufel geholt hatte.

Weit draußen auf See kam ich erst wieder etwas zur Ruhe, und gegen Abend schlief ich ein! Tausend Donner, es war ein arbeitsreicher Tag!“

Die Brüder Sturm schwiegen! Die Heldentaten des Amerikaners waren doch etwas zu stark. Sie erkannten, daß es ein gefährlicher Bursche war, und hüteten sich, mit ihm in Streit zu kommen. Nur der alte Blizzard ergänzte seine Erzählung und sagte: „Du hast vergessen zu sagen, daß deine Heldentaten bei Galveston fünftausend Menschen das Leben kosteten.“

„By Jove, war es so? Ich habe sie nicht gezählt! Aber in ihren Kriegen bringen sie sich ja selbst zu Millionen um. Mit Absicht tat ich es nicht. Ich blies einmal die Erde rein von allen faulenden Düften und tötete ungezählte Mengen von schädlichen Insekten und Bazillen, und das war für die Menschen auch etwas wert, denn es schützte sie vor Krankheiten und gab ihnen eine gute Ernte. – Nun aber erzähle du, alter Eisbart, der du immer nur andere auszankst, damit auch wir dir die Wahrheit geigen können!“

Der Blizzard strich seinen langen, vereisten Bart, räusperte sich und begann: „Ich bin alt und grämlich geworden. Mir fehlt die Glut des Samums, die Frische des Orkans, die Kraft des Tornados. Ich trage ein Totenkleid und breite es, wo ich wandle, über die Erde. In blendendes Weiß hülle ich die Welt, und über Nacht verwandle ich die bunten Bilder, die der Maler Herbst mit vieler Mühe hinzaubert, in Schwarz-Weiß-Kunst. Ich bin friedlich, und doch muß auch ich Menschen und Tieren und Pflanzen weh tun! ‚Der weiße Tod‘ nennen sie mich.