An einem Novembertage zog ich, als es mir auf den Höhen zu kalt wurde, schwer bepackt mit ungeheuren Schneewuchten durch Britisch-Kolumbien nieder zur Ebene. Als ich meine Schwingen ausbreitete, war der Himmel den Menschen verfinstert in eintönigem Grau, und am hellen Tage konnte man keine hundert Schritte weit sehen. Überall brannten die Menschen ihre Lichter an. Ich schüttelte meinen grauen Wolkenmantel, und ein Flockengestiebe begann, wie es die ältesten Leute der Gegend sich nicht zu erinnern wußten. In wenigen Minuten war die weite Welt in meine glitzernden Schleier von kristallenen Sternen eingehüllt. Der Schnee fiel so dicht, so schnell und schwer, daß niemand mehr Weg und Steg fand, meterhoch alles verweht war. Er fiel so dicht, daß es schien, als hüllte sich die Erde in eine weiße Dampfwolke. Niemand sah mehr etwas! Er sah den Baum nicht, der dicht vor seinen Augen stand, das Haus nicht, gegen das er im nächsten Augenblick anrannte.

Ein Viertelstündchen nur, und die Welt war nicht mehr wieder zu erkennen; kein Mensch konnte mehr laufen, kein Wagen mehr fahren. Unübersteigbare Schneemauern wehte ich zusammen. In den Straßen der Städte stockte alles Leben. Eiskalt pfiff ich daher und warf meine spitzen Eisnadelgeschosse zu Millionen dem Wanderer ins Gesicht. Die Straßen verödeten. Die Häuser schneiten ein. Die schwere Last der Schneewuchten zerriß das Spinnennetz, mit dem die Menschen von Haus zu Haus sprechen; Dächer brachen ein, und von den schiefen Flächen und Gesimsen stürzten Schneeberge gewuchtig in die Tiefe.

Die Dörfer waren eingeschneit; bis zu den Dachsparren lagen die niederen Hütten im weißen Pulverschnee. Die Menschlein versuchten sich herauszuschaufeln, aber mein eisiger Atem, der Anprall meiner spitzen Nadeln trieb sie zurück.

Eisenbahnzüge tobten mit heißer Wut, mit wildem Kreischen und Rädergerassel gegen mich an. Sie keuchten und schossen heiße Dampfstrahlen gegen mich. Ruhig drückte meine Hand die Spielwerke fest im glitzernden, weißen Meer. Da kreischten sie ihre Hilferufe in die Ferne, und andere Spielzeuge kamen, sie zu befreien! Es waren schnurrige Dinger. Sie sausten auf den Schienen dahin, stürzten sich mutig vorwärts. Ihr Dampf trieb große Flügelräder, die den Schnee in weitem Bogen seitwärts warfen. Sie pusteten und stöhnten, erlahmten, fuhren aufs neue wütend an. Ich ließ sie gewähren, bis sie ermattet und keuchend stillstanden und im weichen Schnee eingegraben waren, den sie vom Schienenweg räumen wollten, um den langen Zügen da draußen den Weg zu ebnen.

Alles stockte, alles erlahmte, nichts kam mehr vorwärts in dem wimmelnden Ameisengetriebe der Städte, und die Menschen waren verzweifelt über ihre Ohnmacht. Niemand kam in die Dörfer hinein, niemand heraus. Unablässig warf ich meine Schneewuchten nieder. Die Eisenbahnzüge staken ringsum fest in dem weißen Meer. Die Postwagen mit den Reisenden, die mitten in den stillen Bergtälern von mir überrascht wurden, versanken bis über die Achsen in den alles hemmenden Massen, und in ihnen saßen die Leute frosterstarrt als meine Gefangenen. Draußen auf der See verwandelte ich die Schiffe in abenteuerliche Gestalten. Ich bedeckte alle ihre Segel, ihre Masten und Rahen, ihre Geschütze und Winden, ihre Kommandobrücken, ihr Seilwerk mit ungeheuren Schneemassen, die langsam vereisten. Hilflos trieben sie einher, wie Schmetterlinge, die in ein Honigglas gefallen sind.

Die Hochwälder ächzten unter der Last der Schneewuchten, die die Wipfel trugen. Die Äste waren im scharfen Frost glasiert mit dicken Schneekrusten. Sie verloren ihre Biegsamkeit, und wenn ich durch die Forsten sauste, zerbrachen Riesenbäume, gebeugt von der Last, wie Glasstangen. Ganze Bergwälder zerstörte der Schnee- und Windbruch, und es ging ein Klagen und Wimmern durch Tann und Eichforst.

Aber ich bin ein alter Mann! Nicht lange währt meine Kraft. Nach wenigen Stunden lag ich selbst ermattet am Rande der Hudson-Bay. Die Welt hatte ich in blendendes Weiß verwandelt, mein Leichentuch deckte die Erde, doch die Sonne brach durch das Gewölk, und schon zerfraß sie die kunstvollen Eis- und Schneebauten, löste das Leben aus der Erstarrung.“

Der Alte schwieg.

„Brüder,“ sagte der Orkan, „wir haben uns nichts vorzuwerfen! Jeder von uns tat, was er mußte. Die Taube kann nichts für ihre Sanftmut, der Tiger nichts für seine Wildheit. Der Herr der Welt hat uns so erschaffen wie wir sind!“

Der Samum und der Tornado stimmten ihm bei. „Die Sitzung der Stürme in der Höhle des Demawend ist beendet,“ sagte der alte Blizzard. „Laßt uns nun von hinnen ziehen, jeder zu seinem Werk. Ich werde dem alten Wettergott alles getreulich berichten! Und nun laßt uns scheiden bis zum Wiedersehen am nächsten Familientage übers Jahr!“