Draußen berührte plötzlich eine kleine Hand Leaths Ärmel, und als er sich umwandte, sah er sich Cis gegenüber.
»O, Herr Leath, ich wollte gerade hereinkommen, und habe gehört, was Sie erzählten! Wie schrecklich für die arme Florence, von dem Gewitter überrascht zu werden! Aber welch ein Glück, daß Sie da waren! Geht es ihr heute morgen gut?«
»Hoffentlich; sie ist gerade noch trocken davongekommen; sie schlief noch, als ich fortging, und daher habe ich sie nicht gesehen,« antwortete Leath und blickte lächelnd in die hübschen blauen Augen, während er die freundliche kleine Hand umschlossen hielt. Cis war stets freundlich zu ihm, besonders seitdem Harry Wentworth angefangen, ihn in Lychet Hut zu besuchen, während Leath andererseits oft gedacht hatte, welch ein holdes, liebenswürdiges Schwesterchen sie abgeben würde und in der Tat auch für Roy abgab!
»Wir glaubten natürlich alle, daß Florence in Brentwood Hall geblieben wäre. Sonst hätte ich mich wohl halbtot um sie geängstigt. Der Wagen soll sie gleich nach dem Frühstück holen — bis dahin muß sie warten, da ich natürlich mitfahren werde. Sagen Sie ihr das, bitte, Herr Leath.«
»Gräfin Florence erwartet Sie, wie ich weiß,« antwortete Leath ruhig, »aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht versprechen, ihr das auszurichten, Fräulein Mortlake. Ich reite nach dem Bungalow. Vielleicht sind Sie so gut, das Ihrer Cousine zu sagen und mich bei ihr zu entschuldigen.«
»Natürlich. Aber es ist eigentlich sonderbar, daß Sie nicht nach Hause zurückkehren, da Sie sie heute morgen noch nicht gesehen haben. Sie wird Ihnen danken wollen,« meinte Cis. Sie wunderte sich über den Ausdruck seines ernsten Gesichtes, den sie sich nicht zu erklären vermochte. »Wollen Sie nicht bleiben, bis Mama herunterkommt? Auch sie wird Ihnen danken wollen.«
»Dank ist ganz überflüssig,« antwortete Leath in seiner kurzen Art. »Was ich für die Gräfin getan habe, Fräulein Mortlake, war das mindeste — in der Tat das einzige, was ich unter den Umständen für sie tun konnte. Sie können Ihrer Frau Mutter alles viel besser erzählen, als ich es vermöchte. Guten Morgen! Hoffentlich wird Ihrer Cousine ihr kleines Abenteuer nicht schaden.«
Sein Gesicht war ernst und finster, als er das Haus verließ und zu dem Platze ging, an dem er sein Pferd gelassen.
»Sonderbar!« sagte er zu sich selbst. »Nein, mehr als das — unerklärlich! Ich bin davon überzeugt, daß mein letzter Verdacht so unbegründet ist, wie mein erster war. Ich weiß, daß jener Tote, Robert Mortlake, nicht Robert Bontine war — nicht gewesen sein kann. Und dennoch scheint dieser Mensch, sein Bruder, bei meinem bloßen Anblick einen tödlichen Schrecken zu empfinden! Er kann mich nicht leiden — hat etwas gegen mich — das ist wahr! — Aber ist das hinreichend, um ein solches Gebaren zu erklären?«
Lady Agathe, die durch ihre Tochter und ihren Gatten — von ersterer mit beredtem Wortschwall, von letzterem mit schroffer Kürze — von dem Abenteuer ihrer Nichte und ihrem jetzigen Zufluchtsorte in Kenntnis gesetzt worden, beeilte sich mit dem Frühstück und dem Ankleiden und fuhr sofort über die Halde nach Lychet Hut. Sie war entsetzt, empört, bekümmert, erschrocken — die verschiedenartigsten Gefühle stürmten auf die sanfte, schlichte Frau ein, für die das Außergewöhnliche immer etwas Unrechtes war. Die unschuldige Cis, die neben ihr saß, hatte nicht das geringste Verständnis für die nervöse Unruhe der Mutter. Der Vorfall war natürlich etwas unangenehm für Florence gewesen, aber nach ihrer Ansicht doch eigentlich ein ›famoser Spaß‹.