»Ich sehe allerdings keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« sagte Gräfin Florence gleichmütig.

Aber sie war nicht so ruhig, wie man aus ihren kalt und gelassen gesprochenen Worten hätte schließen können. Ihre Wangen waren sehr blaß, sie hielt den Kopf hoch, und die Augen, mit denen sie ihren Bräutigam ansah, waren unheimlich glänzend. Sie waren allein, denn auf ihre Anordnung war er sofort in ihr Privatwohnzimmer geführt worden, und dort hatte sie ihm mit den kürzesten Worten, die sie finden konnte, die Geschichte der letzten Nacht erzählt — es unter ihrer Würde haltend, zu erröten, etwas zu beschönigen oder sich zu entschuldigen. Sie wußte kaum, daß sie es mit einer gewissen trotzigen Herausforderung tat, die ihm jede Frage, jeden Zweifel, jeden Ausdruck der Verwunderung abschneiden sollte. In diesem Tone würde sie es ihm nicht erzählt haben, hätte Leath keine Anspielungen auf einen Argwohn gemacht, der ihr anfangs ganz ungeheuerlich, schließlich abgeschmackt vorgekommen, und wären nicht Lady Agathes Tränen und Jammern gewesen. Das Ganze wäre ihr dann nur wie ein Spaß vorgekommen. Das war jetzt unmöglich. Sie erzählte die Geschichte mit trotzig blitzenden Augen und in einem sorglosen, gleichgültigen Tone, ihm es überlassend, sich mit der Sache abzufinden, so gut er es vermochte.

Diese Art und Weise war nicht geeignet, Chichester zu besänftigen und zu versöhnen, selbst wenn es sich um etwas ganz anderes gehandelt hätte. Er hatte mit dunkel gerötetem Gesicht und einer zornigen, nervösen, gereizten Fassungslosigkeit zugehört, die in den verdrießlich hervorgestoßenen Worten gipfelte, auf die sie mit so verächtlicher Kälte geantwortet hatte. Er stand auf und trat ans Fenster, denn seine Gereiztheit machte es ihm unmöglich, sitzen zu bleiben, und sie beobachtete ihn, wobei der verächtliche Ausdruck in ihren großen glänzenden Augen noch schärfer hervortrat.

»Ich sehe keinen Grund, noch eine Silbe weiter darüber zu verlieren,« sprach sie. »Es war unangenehm, aber es ist vorüber; es war weder Herrn Leaths noch meine Schuld. Ich habe es dir erzählt, und das ist auch vorüber. — Ich habe es dir aber erzählt, weil ich fand, daß du es erfahren mußtest —«

»Weil du fandest, ich müsse es erfahren?« fiel er ihr heftig ins Wort. »Allerdings mußte ich das!«

»Ich hielt es für das Richtigste, weil jeder, weil alle Welt alles, was ich tue, gern erfahren kann,« sagte das junge Mädchen hochmütig, »und da es geschehen, wollen wir die Sache, bitte, ruhen lassen. Ich habe das Thema satt.«

»Ruhen lassen?« Er wandte sich vom Fenster fort. »Das ist leicht gesagt — aber vielleicht nicht ebenso leicht getan. Gütiger Himmel, Florence, begreifst du denn nicht, daß die Geschichte dieses — dieses unseligen Vorfalls vielleicht schon in Rippondale in aller Leute Mund ist?«

»Sehr wahrscheinlich,« gab sie kaltblütig zurück.

»Wahrscheinlich? Es ist fast unvermeidlich. Ja, es ist unvermeidlich! Die Dienstboten hier müssen davon wissen!«

»Allerdings müssen sie das! Zwei von ihnen kamen mit dem Wagen, um mich heute morgen von Lychet Hut abzuholen. Und die Frau, die Herrn Leath den Hausstand führt, muß es wissen. Sie sorgte heute morgen für mein Frühstück.«