»Nein.«
Er hatte bei diesen beiden kurzen Antworten in den Garten hinausgeblickt. Sherriff beobachtete ihn einen Augenblick, öffnete die Lippen, als wollte er reden, schloß sie wieder, seufzte und nahm von dem Tische neben sich das Bild, das am gestrigen Tage zu der Entdeckung geführt hatte.
»Dies ist hergestellt worden, als sie ein junges Mädchen war,« sprach er. »Vor acht Jahren ist sie mindestens eine altere Frau gewesen. Trotzdem muß sie sich sehr wenig verändert haben, da Sie das Bild sofort erkannten.«
»Sie hatte sich ganz und gar verändert,« antwortete Leath, ohne sich umzuwenden. »Hätte ich nur die Erinnerung an meine Mutter, wie ich sie gekannt, gehabt, so würde ich jenes Bild nie erkannt haben. Aber ich besitze ein ebensolches, das natürlich aus derselben Zeit stammt. Ich weiß noch, daß ich es mitunter ansah und sie anschaute und mich verwundert fragte, ob die beiden Gesichter wirklich einer und derselben Frau gehören könnten.«
»Die Veränderung war so groß?« fragte der andere in schmerzlichem Tone. Er legte die Hand über die Augen. »Die Jahre sind unerbittlich,« meinte er dann sanft.
»Die Jahre tun viel, aber sie tun nicht alles,« antwortete Leath finster, noch immer, ohne sich zu regen. »Kummer, Gram, Armut sind noch grausamer.«
»War das ihr Los?« Die erhobene Hand verdeckte einen Ausdruck tiefen Schmerzes auf dem schönen alten Gesicht.
»Das war es. Ich will Ihnen das Herz nicht schwer machen, indem ich Ihnen davon erzähle — weshalb sollte ich? Jetzt ist es wenigstens vorüber. Eine abgehärmte, traurige, früh gealterte Frau, die gern gestorben wäre, als ihre Stunde schlug, wäre ich nicht gewesen, den sie liebte, wie unsere Mütter uns eben lieben: das ist meine Mutter, wie ich mich ihrer erinnere. Ich entschuldige es nicht, daß Sie Ihnen die Treue gebrochen — so teuer sie mir war, so kann ich das nicht entschuldigen, aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich sage, daß sie schwer dafür gebüßt hat.«
»Ich habe es gefürchtet — gefürchtet!« sagte der alte Mann mit einem tiefen Seufzer. »Ich dachte oft, daß, wäre ihr Leben glücklich gewesen, ich wieder von ihr gehört haben würde, daß sie meiner doch noch gedacht hätte und mich ihr Glück hätte erfahren lassen. Sie haben nie von mir reden hören? Sie hat niemals zu Ihnen von mir gesprochen?«
»Mit deutlichen Worten niemals. Sie erzählte mir einmal, daß sie selbst an ihrem Kummer und Leid schuld sei — daß sie mit offenen Augen als Mädchen ihr Glück von sich gestoßen. Jetzt verstehe ich, was die arme Seele damit meinte! Damals nicht.«