»Geheim?«
Einen Augenblick wandte sich Florence mit blitzenden Augen um. »Nein, ich schäme mich nicht dessen, was ich tue! Weshalb sollte sie geheimgehalten werden?«
»Liebes Herz, ich hoffte, du würdest verstehen, was ich meinte,« stammelte Lady Agathe ängstlich. »In Anbetracht all der — unseligen Klatschereien, die das schreckliche Gewitter verursacht hat, würde es besser sein, sie noch nicht zu veröffentlichen. Du weißt, die Leute lassen sich nicht den Mund verbieten — es ist schändlich, aber sie werden —«
Florence drehte sich jäh um.
»Ich möchte nicht böse werden, Tante,« sagte sie und gab sich Mühe, ihre Stimme in der Gewalt zu behalten, während sie die Hand aufs Herz preßte, »aber ich fürchte, ich werde heftig, wenn ich noch länger hier bleibe. Wir wollen nicht weiter über die Sache reden. Herr Leath erwartet mich, ich will gehen.«
Plötzlich ging eine Veränderung mit ihrem Antlitz vor; sie lief auf Lady Agathe zu, umschlang sie mit den Armen und rief in ganz anderem Tone: »Nein, nein! Es tut mir leid, daß ich das gesagt habe, mein Herz, — ich will nicht böse werden! Nur frage mich nichts weiter und weine und härme dich nicht mehr! Laß mich denken, wenn ich dich ansehe, daß du glücklich bist, so stolz auf Roy, — nicht wahr? — deinen einzigen geliebten Sohn! Es würde dir das Herz brechen — nicht? — und wenn ihm etwas zustieße — dich vielleicht gar töten? Nein, nein — sag’ nicht ›Ja‹ — antworte nicht, ich weiß, daß es so sein würde!«
Sie wandte sich zu ihrer Cousine, umarmte sie und schaute ihr lebhaft in die verwundert aufblickenden Augen. »Und du, kleine Cis — du siehst kläglich aus, — du bist auch nicht unglücklich, mein Schatz. Du sollst mir zeigen, so oft ich dich und Harry ansehe, wie glücklich ihr seid, wie lieb du ihn hast, wie schrecklich es dir wäre, wenn du nicht seine Frau würdest! Küsse mich, Liebling, und sag’ mir, daß du jetzt ganz glücklich bist. Das ist recht! Dann bin ich es auch. Jetzt laßt mich gehen.«
Sie entfernte sich eilfertig auf demselben Wege, auf dem sie gekommen: sie wußte, daß sie in heftiges Schluchzen ausbrechen würde, wenn sie länger bliebe, und auf diese Weise das, was sie bestrebt war zu verbergen, verraten hätte, und sie ging noch immer sehr schnell, selbst als sie vom Fenster aus nicht mehr gesehen werden konnte. In ihrem Kopfe wirbelte es, ihre Pulse flogen; nur ganz mechanisch schlugen ihre Füße die Richtung nach der Stelle ein, an der sie am vorigen Tage verabredet hatte, mit Leath zusammenzutreffen.
Als sie ihn dort, anscheinend ihrer harrend, stehen sah, hielt sie im Laufen inne und fühlte plötzlich, wie es sie kalt überlief. Sie blieb stehen, und er kam sofort auf sie zu.
»Ich — ich habe Sie warten lassen,« brachte sie stockend heraus. Etwas mußte sie sagen, und diese Worte fielen ihr zuerst ein. Sie zitterte, als sie seinem Blick begegnete und den festen Druck seiner kräftigen Hand empfand. Sie hatte ihm die ihre nicht gereicht — er hatte sie genommen, als wäre es etwas, wozu er ein volles Recht habe.