»Wir sind wieder hinter den Kulissen,« sprach sie in bitterem Tone, »ich fange an, zu glauben, daß ich keine schlechte Schauspielerin bin. Ich möchte wohl wissen, ob es unsere Natur oder unser Schicksal ist, das uns Frauen zu Heuchlerinnen macht? Beides vielleicht. Die Herzogin wird mich hinfort wohl in Ruhe lassen, aber das wäre nicht der Fall, wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Das vergesse ich nicht. Ich danke Ihnen, Herr Leath.«

»Du hast mir nichts zu danken!« Wenn ihm die Veränderung in ihrem Blick und Ton weh tat, so verriet er es durchaus nicht. Er gewahrte die müde Haltung der schlanken Gestalt, die Blässe des schmalen Gesichtchens.

»Es ist zu viel für dich, armes Kind,« meinte er sanft. »Du siehst ganz erschöpft aus und bedarfst der Ruhe. Soll ich bleiben, oder möchtest du, daß ich jetzt gehe?«

Sie war allerdings mit ihrer Kraft zu Ende, ihre Nerven befanden sich in einem solchen Zustande der Erregung, daß die weiche Zärtlichkeit seiner Worte, obwohl sie von ihm kam, hinreichte, sie um ihre Selbstbeherrschung zu bringen. Sie brach in heiße Tränen aus und schluchzte fassungslos. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die Arme geschlossen und beschwichtigte sie an seinem Herzen, wie er ein Kind hätte beschwichtigen können. Sie hatte bisher nie seine Umarmung geduldet; aus reiner Ermüdung tat sie es jetzt, zu schwach, sich zu widersetzen oder über seine Küsse zu zürnen. Seine Kraft war zu mächtig für sie, und dennoch lag ein merkwürdiger Trost darin. So ließ sie sich ohne Widerstreben von ihm umfangen, barg ihre Tränen an seiner Schulter und empfand fast etwas wie Freude über die innigen Liebesworte, die er ihr ins Ohr flüsterte. Selbst als ihr Schluchzen nachließ und sie den Kopf hob, lag nichts wirklich Abwehrendes in der Bewegung, mit der sie sich ihm zu entziehen suchte.

»Ich bin müde,« sagte sie mit schwacher Stimme, gleichsam als Entschuldigung für diese Anwandlung von Schwäche, über die sie doch kaum das Herz hatte, böse zu sein, »schrecklich müde. Ich habe vorige Nacht nicht geschlafen. Mir wird gleich besser werden. Sie sind — sehr gut gegen mich gewesen, aber jetzt gehen Sie lieber, bitte.«

»Ja, ich will gehen, mein Herzlieb. Du sollst allein bleiben, um dich auszuruhen, wenn du kannst.«

Er hatte den Arm noch immer um sie gelegt und hob jetzt sanft ihr tränenfeuchtes Gesicht zu dem seinen empor. »Florence,« fragte er im Flüstertone, »wenn du wirklich findest, daß ich gut gewesen bin, könntest du mir dann nicht ein einziges Mal danken, Kind?«

Fast mechanisch hob sie das Gesicht; der Sinn seiner Worte war ihr kaum zum Bewußtsein gekommen, aber als er sie küßte, überflutete eine heiße Blutwelle ihr Antlitz und ihren Hals. Sie rang nach Luft und versuchte, sich loszureißen, aber er hielt sie fest.

»Florence,« sagte er langsam, »weißt du, was du mich hast sehen lassen? Daß, wenn ich dir als Gleichberechtigter hätte gegenübertreten können, du mich jetzt schon lieben würdest. Ja, das würdest du — das weiß ich!«

»Nein!« Mit einer kräftigen Anstrengung machte sie sich los. »Niemals!« erklärte sie heftig, die Hand an die wogende Brust gedrückt. »Ich mache mir nichts aus Ihnen — ich kann es nicht — ich werde es nie tun! Ich wollte Ihnen danken, weil Sie freundlich gewesen zu sein schienen — aber mich nicht so — so von Ihnen küssen lassen — das wissen Sie recht gut! Ich werde Ihre Frau, weil ich muß, weil Sie mich dazu zwingen, aber lieben werde ich Sie nie — nimmermehr! Unter keinen Umständen je hätte ich Sie lieben können — das weiß ich!«