Eine Woche war vergangen, seitdem Sir Jasper Mortlake wie vom Blitze getroffen vor Everard Leath hingestürzt war, und so lag er noch immer. In Turret Court herrschte Schweigen und Trauer. Die drei Ärzte, die herbeigerufen wurden, erklärten, ihr Patient könne noch Jahre so daliegen wie jetzt — unverständliche Laute vor sich hinmurmelnd und ins Leere starrend. Es wäre möglich, daß er nach einiger Zeit in beschränktem Maße die Gliedmaßen wieder werde bewegen können, aber das Gehirn werde nie wieder funktionieren — das sei ausgeschlossen.
Sie stimmten auch darin überein, diese ernsten Doktoren, daß der Anfall sich wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit vorbereitet habe. Was ihn schließlich veranlaßt hätte, könne man unmöglich sagen. Eine große Erschütterung möglicherweise. Wußte Lady Agathe, ob er irgendeine solche Erschütterung gehabt hatte?
Lady Agathe, die in diesen ersten Tagen des Kummers und Schreckens kaum fähig war, etwas anderes zu tun, als zu weinen und sich in hilfloser Abhängigkeit an ihre Nichte zu klammern, die so viel stärker war, ihr so viel besser Trost zusprechen konnte als ihre Tochter, weinte bei diesen Fragen nur aufs neue und erklärte schluchzend, es habe nichts vorgelegen. Sir Jasper sei in der letzten Zeit anscheinend leidend und verstimmt gewesen, er sei wortkarger und vielleicht ein — wenig grämlicher geworden, gab die unglückliche Frau zu. Sie hätte ihrem Tyrannen jetzt, wo er sie nicht mehr tyrannisieren konnte, gern jegliche Tugend zuerkannt — aber das war alles. An dem Abend, der dem Schlaganfall vorangegangen, war er nicht zum Essen heruntergekommen, — etwas sehr Ungewohntes von ihm, — aber sie hatte dem keine weitere Bedeutung beigemessen. Als er den Schlag bekam, unterhielt er sich ruhig in der Halle mit ihrer Nichte und ihrem Verlobten. »Nein — von einer besonderen Gemütsbewegung war keine Rede gewesen,« beteuerte Lady Agathe unschuldig. Gräfin Florence würde ihnen dasselbe sagen.
Gräfin Florence, die in diesen Tagen des Leids stets in unmittelbarer Nähe ihrer Tante blieb, ausgenommen, wenn sie die kleine Cis tröstete, deren leidenschaftliche Schmerzensausbrüche selbst Harry nicht beschwichtigen konnte, sagte ihnen dasselbe. Sir Jasper habe bleich und wunderlich ausgesehen; er habe sich eine Weile an einem Stuhle festgehalten und sei dann plötzlich zu Boden gestürzt. Herr Leath, ihr Verlobter, würde ihnen das bestätigen, und ebenfalls Herr Sherriff, der zugegen gewesen.
Aber die Ärzte meinten, es sei nicht nötig, sie zu befragen, Lady Agathes Bericht sei vollständig zufriedenstellend und ausreichend. Es wäre unmöglich, den Zeitpunkt, an dem ein solcher Schlaganfall eintreten würde, vorherzubestimmen oder ihn abzuwenden; die Wissenschaft vermöge viel, aber das könnte sie doch noch nicht. Und kopfschüttelnd verließen die Doktoren Turret Court, und noch zwei Tage schleppten sich schwer dahin.
Es war kaum fünf Uhr, aber trotzdem brach die Dämmerung des trüben Oktobertages herein; in dem getäfelten Zimmer wäre es schon dunkel gewesen, hätte nicht das Feuer gebrannt. Das prasselte hell empor und zeigte Florence, die in einem bequemen Lehnstuhl vor dem Kamin saß. In dem langen, schwarzen Kleide, das Cis nicht leiden mochte, — sie hatte in den letzten Tagen nichts anderes getragen, — sah sie sehr zart und schlank und jung aus. Den Kopf lehnte sie müde zurück; ihre Augen waren geschlossen, und die langen, schwarzen, dichten Wimpern machten die Blässe ihres Gesichtes nur noch auffallender. Lady Agathe, bei all ihrem schmerzlichen Weinen und Jammern, sah nicht erschöpfter und gebrochener aus als das Mädchen, das, seitdem der Schlag gefallen, keine Träne vergossen hatte. Tränen gab es für sie nicht mehr, hatte sie zu sich gesagt, während sie halb verwundert, halb neidisch zusah, wie ihre Tante weinte und wie die kleine Cis schluchzte und sich nicht trösten lassen wollte. Die Florence Esmond, die lachen und weinen konnte, war vor mehr als einem Monat gestorben — an jenem sonnigen Nachmittage im Bungalow, und für sie gab es kein Auferstehen.
Sie schlummerte nicht, obgleich sie seit fast einer Stunde ihre Stellung nicht verändert hatte. Ein Diener trat ein, und sie fuhr mit weitgeöffneten Augen empor.
»Herr Leath ist da, gnädiges Fräulein. Er fragt, ob das gnädige Fräulein wohl genug sei, ihn heute ein paar Minuten zu empfangen?«
Jeden Tag seit Sir Jaspers Schlaganfall war Everard Leath nach Turret Court gekommen, aber nur einmal, und dann für die denkbar kürzeste Zeit, hatte er seine Braut gesehen; sie hatte sich sonst immer entschuldigt. Sie wußte indessen, daß das nicht stets so weitergehen konnte und hatte heute im getäfelten Zimmer auf sein Kommen gewartet. Sie mußte ihn sehen — er hatte ein Recht, sie zu sehen. Ihr gegebenes Wort mußte sie halten wie er das seine, um Lady Agathes und ihrer Kinder willen mußte alles bleiben, wie es gewesen. Daß Everard Leath in Wahrheit Everard Mortlake war, der Erbe — man hätte sagen können der Besitzer — von Turret Court, war eine Tatsache, die nie bekannt werden durfte.
Florence stand langsam auf und strich ihr in Unordnung geratenes Haar zurück.