»Wenn einen von uns ein Vorwurf trifft, so trifft er ganz allein mich. Ihre Nichte macht sich nichts aus mir, hat nie vorgegeben, etwas von mir zu halten. Sie hat mich nicht getäuscht, aber das Ganze war ein unseliger Irrtum. Unsere Verlobung hätte nie stattfinden sollen.«

»Nun wirklich, Herr Leath, da Sie so offen reden, muß ich sagen, daß ich völlig mit Ihnen übereinstimme,« sagte Lady Agathe und drückte das Taschentuch an die Augen. »Die Verlobung ist mir immer ein Rätsel, ein dunkles Rätsel gewesen — wie Florence selbst weiß. Ich kann nicht glauben, daß Ihre Ehe für einen von Ihnen glücklich ausgefallen wäre — ich habe es nie geglaubt. Die äußeren Verhältnisse und alles war so ungleich. Und da Sie, wie Sie sagen, wissen, daß Florence sich nie etwas aus Ihnen gemacht hat, so ist es wirklich nur Ihre Pflicht, daß Sie sie freigeben.«

»Ja,« antwortete Leath, »nur meine Pflicht.« Ein finsteres Lächeln umspielte seine Lippen einen Augenblick; aber wenn auch Lady Agathe es gesehen hätte, so würde sie doch weit entfernt davon gewesen sein, seine Bedeutung zu verstehen. Er hielt ihr die Hand hin und sprach freundlich: »Sie haben keinen Grund, mich gern zu haben, Lady Agathe, und ich weiß, Sie haben mich nicht leiden können. Aber da ich nach Australien zurückkehre und aller Wahrscheinlichkeit nach England niemals wiedersehen werde, wollen Sie mir da Lebewohl sagen und mir gestatten, Ihnen meine Wünsche auszusprechen, daß auch für Sie glücklichere Zeiten kommen mögen!«

Die gute Lady Agathe, die gerührt war, ohne zu wissen, weshalb, gab ihm mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand. Er beugte sich auf sie herab und ließ sie dann los. Darauf wandte er sich zu Cis und schloß sie, zu des jungen Mädchens unsagbarer Verwunderung, in die Arme und küßte sie.

»Leben Sie wohl, liebes Kind,« sprach er. »Möge Ihnen ein glückliches Leben beschieden sein!« Er schritt auf die Tür zu und drehte sich — die Hand schon auf dem Türgriff — noch einmal um und blickte nach der regungslosen Gestalt am Kamin hinüber. »Lebe wohl, Florence,« sagte er fast im Flüstertone, »lebe wohl!«

Die Tür fiel ins Schloß — er war fort. Cis, die sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, sprudelte hervor:

»Was soll das alles heißen? Florence, was soll das heißen? Er vergötterte dich — das weiß ich — und doch löst er eure Verlobung und geht so davon! Er hat dir nicht einmal die Hand gegeben. Und,« fuhr sie in grenzenloser Bestürzung fort, »warum hat er mich geküßt?«

Aber der kleinen Cis sollte auf diese Frage nie eine Antwort werden, sie sollte es nie erfahren, daß Everard Leath den Kuß eines Bruders auf ihre Wange gedrückt hatte.

Florence hörte sie nicht einmal. Sie stand stumm, wie betäubt da. Sie konnte es nicht fassen, daß ihre Ketten von ihr gefallen — daß er fort und sie frei war.

25.