Leath antwortete nicht. Sein Antlitz nahm allmählich wieder einen düsteren, sinnenden Ausdruck an, und Sherriff, der in den Garten hinausblickte, verstummte ebenfalls. Als er wieder zu reden anhub, geschah es mit sichtlicher Überwindung, als werde ihm das Sprechen schwer.
»Leath,« sagte er dann, »es gibt viele Männer, — und Frauen wohl ebenfalls, — die die Liebe im besten Falle als eine Art Zeitvertreib ansehen, als etwas, mit dem man spielt, über das man lacht und das man so bald wie möglich vergißt. Zu diesen Menschen habe ich nie gehört; für mich ist sie immer die wichtigste Triebkraft gewesen, die ein Menschenleben zum Guten oder Schlechten wenden, glücklich machen oder zugrunde richten kann. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen einmal von einem Kummer erzählt habe, der mir widerfahren, als ich jung war — einem Kummer, der einen vergrämten und mit der Welt zerfallenen Mann aus mir gemacht hat?«
»Ich erinnere mich dessen sehr wohl,« antwortete Leath sanft.
»Vielleicht haben Sie es erraten, was es gewesen ist?«
»Damals nicht, Herr Sherriff. Jetzt tue ich es. Eine Frau.«
»Ja, eine Frau — für mich die einzige Frau auf der Welt. Mit den Einzelheiten will ich Sie verschonen, sie sind nicht notwendig, ich kann Ihnen die Geschichte in wenigen Worten erzählen, ohne auf die näheren Umstände einzugehen. Ich liebte sie — wie innig, das zu sagen, will ich nicht versuchen; ich glaubte, sie liebte mich auch. Ja — ich glaube, sie liebte mich, als sie mir versprach, mein Weib zu werden, aber sie war sehr jung, sehr unerfahren — sie hatte sich vielleicht über sich selbst getäuscht. Dem sei, wie ihm wolle, das werde ich jetzt niemals erfahren. Ich war damals sehr arm und kämpfte einen schweren Kampf, mir notdürftig meinen Unterhalt zu erwerben — viel zu arm, um ans Heiraten denken zu können. Sie war ebenfalls ganz unbemittelt und stand noch mehr allein als ich. Sie war Erzieherin, und als sie durch eine Familie, in der sie früher unterrichtet hatte, ein Anerbieten erhielt, nach einer unserer Kolonien zu gehen, als Lehrerin für die Kinder eines Millionärs, der wieder hinausging, da fühlten wir beide, daß es bei dem hohen Gehalt, das man ihr bot, ihre Pflicht sei, das Anerbieten anzunehmen, obgleich es unsere Trennung bedingte. Sie sollte zwei Jahre fortbleiben, und dann, bei ihrer Rückkehr, wollten wir — mochte geschehen was da wollte — heiraten. Sie ging. Ich kann mir noch jetzt all den Schmerz — all die Qual jener Trennung von ihr vergegenwärtigen.«
Er hielt inne. Leath sprach kein Wort. Gräfin Florence würde sein Gesicht mit dem weichen Ausdruck anteilvollen Mitleids kaum wiedererkannt haben.
»Sie erraten das Ende,« nahm Sherriff seine Erzählung wieder auf, »es ist alltäglich genug. Ich hätte es vielleicht erwarten sollen, denn sie war ein schönes Mädchen und mußte die Bewunderung jedes Mannes erregen. Aber ich hegte niemals den leisesten Zweifel an ihr — niemals! In den ersten Wochen waren ihre Briefe lang, dann wurden sie kurz, und ich fand sie kühl. Dann schrieb sie einige Wochen gar nicht, darauf kam noch ein Brief. Ich könnte ihn Wort für Wort hersagen, obgleich ich ihn seit mehr als dreißig Jahren nicht wieder angesehen habe. Er sagte mir, daß sie verheiratet sei.«
Leath entfuhr ein Ausruf, obgleich nicht der Überraschung.
»Sie gestand ihren Treubruch ein, erklärte, sie wisse jetzt, daß sie mich niemals geliebt hätte, und beschwor mich, ihr zu vergeben. Ich will nicht davon reden, was ich durchgemacht habe — ich war jung, und ich hatte sie von ganzer Seele geliebt und ihr vertraut. Sobald ich mich sammeln konnte, schrieb ich ihr, was auch wirklich der Wahrheit entsprach — daß ich ihr vergebe und von ganzem Herzen hoffte, daß sie glücklich werden möge. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von ihr gehört.«