Wir müssen eilen, sprach der Creole, sonst setzt es verdrießliche Gesichter. Und so gingen wir denn in den Salon.

Nun, dieser Salon ist wirklich elegant. Am prachtvollen Instrumente sitzt die fremde Dame, die einen Cotillon spielt, und Julie hat bereits mit dem Papa sich arrangirt; mir fällt Louise zu, und Don Silveira hat die Ehre des Hauses.

Und so ging es denn bis zwölf. Der Ball war just im besten Gange, als Menou lächelnd vor mich hintrat.

Voilà notre manière créole; mais c'en est assez. Das ist unsre Lebenswürze, fuhr er fort; Alles hat seine Zeit: Plappern, Scherzen, Tändeln, Arbeiten, Beten und Tanzen. Der wahrhaft Vernünftige weiß Alles so zu vereinigen, daß das Erste dem Letzten nicht Eintrag thut. Bloß auf diese Weise kann unser einsam häusliches Leben erträglich und glücklich werden; wir haben nie Langeweile. — Gute Nacht!

Sehr unerwartet.

So verliefen acht volle Wochen wie eben so viele Stunden. Ich war ganz heimisch in dem Kreise dieser lieben Menschen geworden, und so häuslich und ökonomisch; beinahe wußte ich nicht mehr, wie unsere Dollars und Banknoten aussahen. Alles ging hier wie spielend zu; dabei war eine Aufrichtigkeit, eine Herzlichkeit und Sympathie zwischen den siebzig bis achtzig Gliedern dieses kleinen Patriarchats zu bemerken, daß man leicht der Welt mit allen ihren Leiden und Freuden vergessen konnte. Und ich vergaß ihrer wirklich; ganze Stöße Zeitungen lagen ungelesen, und ich wurde jeden Tag mehr Hinterwäldler. Des Morgens schlüpfte ich in meine weißleinenen Pantalons und Jacke, warf einen Strohhut auf den Kopf, und folgte Monsieur Menou in seine Felder und Cottonpresse. Der Nachmittag verging im Durchsehen von Rechnungen oder Colonel Stones und Major Noahs[9] Seiten- und Querhieben, und den Abend schloß Tag für Tag ein Impromptu, Tanz, oder ein rasches, munteres Geplapper.

[9]: Colonel Stone und Major Noah, die Eigenthümer der bekannten Zeitungen: der Morgen-Courier und die commercielle Zeitung.

Eines Abends, wir setzten uns so eben zum Souper, machte uns Monsieur Menou den Vorschlag zu einer nächtlichen Hirschjagd. Ich war dessen ganz zufrieden, und er erließ sofort die nöthigen Weisungen. Die zwei Mexikaner baten gleichfalls, uns begleiten zu dürfen, als die Dame mit halbem Entsetzen dazwischenfuhr. Don Lop—! rief sie, hielt jedoch inne; das Wort schien ihr auf der Zunge zu ersterben. Ich bitte dich, fuhr sie in spanischer Sprache fort, nur diesmal nicht. Es war etwas so Weiches, Zartes in ihrem edlen, scheuen Wesen, das uns Alle für einen Augenblick hinriß. Ihr Mann bat sie, sich zu beruhigen, und versprach zu bleiben; es schien ihn jedoch Mühe zu kosten. Ich versicherte sie, es sei keine Gefahr. — »Keine Gefahr?« wiederholte sie in ihrer sonoren kastilianischen Sprache, »keine Gefahr? — Doch, Sie haben nirgends von Ihrem Vorhaben etwas verlauten lassen?« wandte sie sich an Menou. »Gewiß nicht,« erwiederte dieser. — Nun erst fiel es mir auf, daß die zwei Eheleute sich während ihres ganzen langen Hierseins auch nicht ein einziges Mal im Freien ergangen hatten. Mein Auge fiel wieder auf den jungen Mann; er hatte ausgezeichnet schöne Züge, eine bleiche, aber nicht ungesunde Gesichtsfarbe, und eine hohe Stirne. Die Augen waren besonders schön; es blitzte ein Feuer in diesen Augen, das wahrlich nicht bestimmt zu sein schien, hier am Red-River zu verglühen. Sein ganzes Wesen drückte, so viel er sich auch Mühe gab, es zu verbergen, etwas militairisch Gebietendes aus. Es war eben dieses gebietende Wesen, das mich bewogen hatte, den jungen Mann, der etwa dreißig sein mochte, ein wenig kalt zu behandeln. Wir erlauben nicht leicht, oder vielmehr nie, Fremden, sich in unserm Lande airs zu geben; die Ergebung jedoch in den leise ausgesprochenen Willen seines herrlichen Weibes hatte den übeln Eindruck einigermaßen verwischt. Ich achte den Mann, der sein Weib liebt.

»Und ist wirklich keine Gefahr?« fragte mich das Engelsköpfchen, die Donna nämlich. Ich versicherte sie, daß keine sei. Sie flüsterte ihm einige Worte zu, und er, ihre Hand küssend, bat nochmals, uns begleiten zu dürfen. Die zwei sonderbaren Leutchen hatten sich auch bei Tische beinahe ausschließlich nur mit einander beschäftigt, und es schien ihm gewissermaßen eine Anwandlung von Eifersucht aufzusteigen, wenn die Donna sich mit Julien oder Louisen länger unterhielt. Ihr Gefährte war eine unbedeutende Person, die mit einer Art abgöttischer Verehrung an dem Paare zu hängen schien. Sie hatten sechs Diener bei sich.

Wir erhoben uns etwas früher von der Tafel, warfen uns in unsere Wolldecken-Röcke, nahmen unsere Gewehre, und bestiegen die für uns bereit gehaltenen Pferde. Sechs Neger mit Pechpfannen und eine Koppel Hunde waren vorausgegangen. Die Glocke schlug zehn, als wir aufbrachen. Es war eine finstere, schwüle Nacht; der Donner rollte her von Süden, und verkündete den herannahenden Sturm, unsere tägliche Abendmusik in dieser Weltgegend; die Atmosphäre war in den ersten zehn Minuten unseres Rittes beinahe zum Ersticken gewesen; dann erhob sich jedoch ein säuselnder Luftzug in den Baumwipfeln; der Donner brüllte stärker vom mexikanischen Busen herauf, die ganze Atmosphäre schien sich wälzend zum gewaltigen Elementenkampfe zu rüsten. Dann und wann schoß ein zackigter Blitz aus dem schwarzen Firmamente heraus durch die Bäume hin, und der ganze Wald loderte für einige Sekunden in einer Zauberflamme auf. Wieder kam ein langer leuchtender Strahl, und näher und näher rollte der Donner, aber ein Donner, gegen welchen der des Nordens ein bloßer Paukenschlag ist. Selbst unsere Hunde fingen an zu winseln, und preßten sich so nahe an die Pferde, als sie nur konnten. Wir hatten ein dichtes Lorbeergebüsche betreten, und der Leithund war stehen geblieben und spitzte die Ohren. Sofort stiegen wir von den Pferden und traten an die Hunde heran; zwischen uns die Neger mit ihren Pechpfannen, und vor uns in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten vier leuchtende winzige Feuerballen, — es waren die Hirsche, die mit rollenden Augen das ungewohnte Schauspiel anstarrten. Wir legten an; der Creole und ich nahmen den ersten, die zwei Mexikaner den zweiten. Wir schossen auf ein gegebenes Losungswort, hörten ein rasselndes Niederschmettern, ein lautes Krachen, und gleich darauf ein Sacré! und Damn ye! und Diablo! und San Jago! Die sechs Pechpfannen waren zu und auf unsern Füßen; der Creole war zur Seite gesprungen, die Neger lagen vor Schreck auf dem Boden, und die beiden Dons neben ihnen.