Wir haben den Sumpf passirt und nähern uns dem Ufer, auf welchem ein schwarzbraunes Paar an einen Holzstoß gelehnt uns erwartete. Wir nehmen Feuerung ein. Mein Auge folgte bewußtlos der Rotte, die sich über die Breter drängte, als ein wildes Lachen und die Worte tallow face an meine Ohren schlugen. So zeitlich schon, dachte ich, und so ganz in meiner Nachbarschaft, und ich schritt über die Bretter ans Ufer hinan. Ja es war wirklich so, und das Opfer stand in dem armen Kaisergardisten leibhaft vor mir. Seine Haut ist bereits durchsichtig, aber es ist dieses eine Durchsichtigkeit, die scheußlich anzusehen ist. Die Farbe weder blaß noch gelb, eine Mischung von Talglicht- und Bronzefarbe, — wir nennen es tallow face, Unschlitt-Gesicht, — um seine Augen glänzt bereits der weiße Ring; die Linse rollt, als wäre sie von einem innerlichen Feinde umher getrieben. Der Neid, so fürchterlich vom alten Naso gezeichnet, ist Kinderspiel gegen diesen Anblick. Und doch scheint und ist er gleichgültig. Monsieur Devigne, rief ich ihm zu, comment s'en vat-il? Der Mann starrte mich an, drückte mir die Hand und murmelte ein très-bien, während die häßliche Negerinn mich am Rocke zupfte, und mir grinsend zuflüsterte: Ah Massa! tallow face soon ague cake[5].
[5]: Tallow face soon ague cake, so viel, als sein Gesicht hat bereits das Aussehen eines Talglichtes — bald wird er den Fieberkuchen haben. Dieser letztere ist eine Anschwellung des Unterleibes wie ein Brodlaib und der unmittelbare Vorbote gänzlicher Auflösung.
Ich stieß das ekelhafte fühllose Wesen unwillig zurück, und wollte eben mit dem armen Franzosen einige Worte sprechen, als die Stimme des Capitains wieder erschallte: All hands on board! Armer Teufel! dachte ich, als ich über die Brücke hinschritt. Die Wüsten Egyptens, die Schlachtfelder Marengos und Waterloos haben dich verschont, damit das Ague-Fieber sein Opfer nicht verliere. Und statt des Bedauerns schallt ein wüstes rohes Lachen vom Verdeck herüber. Beinahe scheint es, als ob sie Freude über seine baldige Auflösung empfanden.
Welch eine Erscheinung ist doch der Mensch! Wäre dieser Elende auf diesen unheimlichen oder einen ähnlichen Pestort von seinen Obern gesandt worden, alles Gold der Erde würde kaum vermocht haben, ihn hier zu halten. Nun aber kam er aus freier Wahl, wahrscheinlich vertrieben aus besserer Gesellschaft durch seine Verbindung mit der Schwarzen, und so fällt er denn seiner Leidenschaft, ein vielleicht nur zu wohl verdientes Opfer. Das Plätzchen, worauf seine Hütte steht, ist nicht einmal sein Eigenthum, aber das kümmert ihn nicht. Er hat einige Morgen Waldes gelichtet, Korn und Tabak hingepflanzt, und diese, mit dem Verkauf des Holzes, fristen sein Leben, und würden ihn wahrscheinlich wohlhabend gemacht haben, wenn diese häßliche Schwarze nicht sein Abzugskanal gewesen wäre. Einige Schritte rückwärts steht seine Hütte, und vor der Thüre wühlen ein paar nackte dunkelbraune Ungeheuer im Schlamm herum. Sie sehen mehr Schweinen, denn menschlichen Wesen ähnlich, aber sie sind gesund und munter, und sie sind es, die die Natur zu Bebauern dieses Landes bestimmt hat. Ihre Aeltern vegetiren ein paar Jahre, bis die ague cake ihren Leiden ein Ende macht. Sie haben sich mühsam eine Hütte gebaut, im Schweiße ihres Angesichtes ein Plätzchen urbar gemacht, ihren Kindern kommt ihre Arbeit zu gut. Geboren in dem giftigen Qualme, gewohnt an die pestilenzialischen Ausdünstungen, sind sie von Mutterleib an gezeitigt und wachsen heran, so wie die Sumpfrose unter giftigen Thieren und Pflanzen, um Kindern und Kindeskindern Leben und Gedeihen zu geben. So entsprang die Bevölkerung Nieder-Louisianas, und so wird sich der Same hier mehren. Der erste ist lange verwittert und vermorscht; er kam von allen Weltgegenden, allen Ländern. Schuldner, Revolutionäre, Verbrecher, Exilirte, und wieder Männer, die ein besseres Schicksal verdienten, alle haben sie hier ihr Grab gefunden; aber gerade in diesen werthlosen Geschöpfen, wie wir sie in unserm Stolze nennen, zeigt die Natur ihre waltende Sorgfalt. Ja, was als der Krebsschaden der Welt betrachtet wird, der Abschaum, die Hefe der civilisirten Gesellschaft, das dient ihr, diese Wildnisse zu bevölkern, und uns — aus dieser Saat vielleicht eine neue Art Heloten zu bilden, und so einen Schaden mit einem ärgern zu verkleistern.
Ei, die Natur meint es gut, aber unser frostiger, kalkulirender, aristokratischer Geist — aber silentium, und kehren wir zu den Demoiselles zurück, deren Namen ich, so wahr ich lebe, vergessen habe. Doch da kommt mein freundlich zudringlicher Creole selbst, und führt mich den holden Töchterchen zu. Eine derselben lies't den Guillaume Tell, und das andere schäkert mit einem schwarzen Mädchen so familiär, daß es der Mistreß Houston Vapeurs verursacht haben würde.
Sie sind, höre ich, auf ihrer Heimreise vom Ursulinerinnen-Kloster in Neworleans, wo sie ihre Erziehung erhalten haben. Aber wo sie den musternden Feldherrnblick herhaben, dürfte schwer zu errathen sein. Doch nicht von den frommen Schwestern, hoffen wir? Die ältere examinirt mein werthes Ich mit wahren Kenneraugen, gleichsam als wollte sie sich zuerst überzeugen, ob der Versuch sich auch der Mühe lohne. Sie scheint um die Neunzehn herum zu sein, und sich ein wenig zum Embonpoint zu neigen. Es ist wirklich amüsant, die comfortable Manier zu beobachten, mit der sie zuerst sich selbst im gegenüber hängenden Spiegel und dann meine Wenigkeit mißt; ihr Blick gleitet vom Kopf zu den Füßen, der nähern Beaugenscheinigung wegen, und um sich zu überzeugen, ob man auch Stand halten könne. Niemand wünscht bei uns in einem so wichtigen Geschäft hinters Licht geführt zu werden. Doch ich werde boshaft, und ich sollte wirklich meinem guten Gestirne danken, daß es mich unter so liebe Menschen brachte, wirklich liebe Menschen, trotz des argen Kokettirens der Aeltern. Es würde einen ganzen Katalog füllen, alle die Items aufzuzählen, mit denen sie das Damenzimmer vollgepfropft haben. Ein Glück, daß sie alleinige Besitzer, und folglich ausschließende Gewalt in diesem ihrem zeitweiligen Territorium haben. Sonst müßte es Krieg geben. Sie führen eine halbe Briggsladung von Citronen, Orangen, Ananas und Bananen mit sich, und der Alte hat wenigstens drei Dutzend Kisten mit Chambertin, Lafitte und Medoc. Er ist doch kein Weinhändler? Auf alle Fälle zeigt der Mann Geschmack; er ist erhaben über die so gemeinen Stoffe Hollands, Gin und Whisky, bei deren bloßem Anblicke einem schon übel wird. Todes- und Laster-Essenzen sollte man diese grünen und braunen Compositionen nennen, zusammengekocht von spitzbübischen Quacksalbern zur Schande und zum Verderben Bruder Jonathans. Und doch ist dieser Bruder Jonathan von Natur nichts weniger als ein Zecher, ja eher nüchtern und mäßig. Aber diese unglückseligen Söhne und Töchter Erins! — Es thut mir leid, aber ich kann es nicht verhehlen, sie sind die Verführer. Und was das Schlimmste ist, sie wollen auch nicht den guten Rath hören, den ihnen unsere Temperanz-Gesellschaften so salbungsvoll spenden, um sie nüchtern und mäßig zu machen. Nein, sie wollen absolut nicht, noch wollen sie die Zeitungen lesen, die zu gleichem Behufe für zwei Dollars per annum etablirt sind; das heißt zwei Dollars, wenn voraus bezahlt, und drei, wenn am Ende des Jahres — oder gar nicht.
Aber es ist nicht artig so herumzuwandern, und die lieblichen Demoiselles allein zu lassen. Wir haben denn beschlossen, unsern Thee en famille zu nehmen. Monsieur Menou jedoch hält sich zu seinem Chambertin. Und ich gedenke beide zu versuchen. Sie, ich meine die Demoiselles, sind wirklich ganz nette Geschöpfe, so heiter, so lebendig; ihre Zungenfertigkeit ist ganz einzig, und ihr naives Geplapper möchte einen Misanthropen zum Lachen bringen. Aber es gibt Momente, wo man nun einmal trübegelaunt sein muß, Momente, wo das Gemüth von einer Windstille niedergedrückt ist, einer Windstille, so lähmend und entnervend wie die, welche im heißen August nach einem westindischen Orkane eintritt. Das Bischen Vernunft, umhergetrieben und gelähmt im vorhergegangenen Sturme, ist erschöpft, der Körper selbst hat seine Kraft verloren, und die Ruhe, die eintritt, ist die unleidentlichste Pause, ein ekelhafter Stillstand. Jedes Objekt berührt dann unsere Sinne unangenehm, und unser Verstand erliegt hülflos wie das Schiff, das, auf seine Beamsends von den riesig anschwellenden Wellen geworfen, sich nur allmälig oder gar nicht zur Thätigkeit aufrichtet. Ich war just in dieser Lage. Nie hatte mich oder vielmehr meine Eigenliebe Schlag auf Schlag so getroffen — erstens diese tolle Liebe, dann die erlauschte Entdeckung der Falschheit meines besten Freundes. — Wir hatten uns seit unserer frühen Kindheit gekannt und geliebt. Unsere Herzen und Börsen, und letzteres will viel bei uns sagen, waren sich wechselseitig offen. Die Verschiedenheit unserer Charaktere bestand bloß in gewissen leichten Schattirungen, in der Hauptsache stimmten wir wie zwei Uhren überein, die in ihren Sekundenschlägen abweichen, aber im Ausschlage zusammentreffen. Und nun —! Eine halbe Stunde mit dieser verführerischen Eva — und Freundschaft und alles ist dahin. — Und, was das schönste ist, wäre ich guter Narr mit meinen achttausend Dollars nicht ein Deus ex machina erschienen, so wäre Mistreß Richard noch zu dato Miß Bowstring genannt. Ich konnte es nicht mehr aushalten; ich mußte hinaus ins Freie. Die Nacht ist sternenhell; bloß der Fluß ist mit einem schmalen Nebelstreifen überhangen. Die hohlen Schläge der Dampfmaschine scheinen aus weiter Ferne herüberzuprallen; es ist das Gebrülle der Alligatoren; zwischen diesen die Klagetöne der Whippoorwill. Kein einziges Licht am Ufer, aber Milliarden von Feuerkäfern, die über die Cypressen und Papaws ein magisches Helldunkel verbreiten. Zuweilen streifen wir so nahe am Ufer hin, daß die Zweige der Bäume rasselnd an unserm Bote zusammenbrechen. Morgen denn um diese Zeit werde ich in meinem Tusculum ruhen, für heute wollen wir mit unserm winzigen Staatsbettchen vorlieb nehmen. So eben kommt der Capitain mir anzuzeigen, daß endlich unsere lärmenden Reisecompagnons zur Ruhe befördert sind. Die Uhr schlägt zwölf.
Ja diese Nacht! diese Träume! Es war mir, als ob alle Drangsalen meiner frühen Jugend sich über mich hingelagert, und in einem Vampyre vereinigt meine Geistes- und Körperkraft erdrückt, und ausgesogen hätten. Und so schwer wurde die Last, daß ich ausrief im Schlafe, und beinahe die ganze Gesellschaft in Schrecken versetzte. Ich hatte ihn wirklich abgeschüttelt den Vampyr, und ich fühlte mich erleichtert. Ich bin herzlich froh, denn sollte dieser liebenswürdige Spleen noch vierundzwanzig Stunden länger gedauert haben — wahrlich, ich hätte allen Umgang mit Menschen aufgeben mögen. Wohl denn, ein frischer Windzug hat sich erhoben, und der wird die an einander schlagenden Segel schon wieder füllen. Das bon jour! des Creolen lautet jedoch ziemlich trocken und prüfend. Es schien, als wollte er in meiner Miene lesen, ob seine Höflichkeit nicht wieder mit einer unartigen Steifheit vergolten werden dürfte. Wohl, ich will mir Mühe geben, die üblen Eindrücke zu vertilgen. Es sind gute Menschen diese Creolen, nicht allzu gescheidt, immer sind sie mir aber lieber als die pfiffigen Yankees, trotz ihrer närrischen Tanzlust, die sie selbst nicht bei ihrer ersten Ansiedelung verläugnen konnten. Es muß toll genug ausgesehen haben, wie sie so in ihren Wolldecken umher trabten und französische Menuets aufführten. — Doch, es ist zwölf Uhr, der Auszugsdampf läßt sich hören, das Schiff nimmt wieder Feuerung ein.
Monsieur! voilà votre terre, sagte der Creole auf das Ufer und die Holzstöße deutend. Ich blickte durch das Fenster, und wirklich ich finde, der Creole hat Recht. Wir hatten so lange mit den Demoiselles geplaudert, daß Stunden und Meilen wie Augenblicke dahin flogen. Mein Aufseher hatte seit meiner Abwesenheit ein Holzlager für Dampfschiffe errichtet. Wenigstens eine Verbesserung! Und da ist er selbst, der leibliche Mister Bleaks. Der Creole scheint gute Lust zu haben, mich nach Hause zu begleiten. Ich kann es nicht hindern, hoffe jedoch, er wird nicht gar so artig sein. Ich hoffe. Nichts abschreckender als eine derlei Visite, wenn man Jahre lang von Haus und Hof entfernt gewesen; die Laren und Penaten eines Hagestolz sind die sorglosesten aller Götter.
Mister Bleaks! sprach ich, indem ich an ihn herantrat, der in seinem rothen Flanellhemde und Calicot-Inexpressibles und Strohhute sich eben nicht sonderlich um seinen Oberherrn zu kümmern schien, wollt ihr so gut sein, die Gig und Koffer ans Ufer bringen zu lassen?