[Reichthum und Ehre.]
Wie? leb ich darum nur, daß ich mich lebend kränke?
So ist mein Leben selbst das schrecklichste Geschenke:
So wünscht ich tausendmal, daß ich, von Einsicht leer,
Unedel, wie das Thier, nicht wüßte, daß ich wär.
Zufrieden will ich seyn, gesichert von den Schmerzen:
Dieß wünscht und sucht mein Herz und mit ihm Aller Herzen.
Allein, wie still ich ihn, den Trieb, der mich besiegt?
O! wär ich reich und groß: so wär ich wohl vergnügt.
Könnt ich ihm Ueberfluß die Güter mir gewähren,
Wovon mich jedes rührt, was würd ich mehr begehren?
Ja, Reichthum wünsch ich mir. Doch hab ich auch bedacht,
Ob das der Reichthum ist, wozu der Schein ihn macht?
Kann nicht, durch Wahn verführt, mein Herz für ihn entbrennen?
Ihr, die ihr ihn besitzt, lehrt seinen Werth mich kennen.
Cleant, der reichste Mann, wird der zufrieden seyn:
So ruh ich eher nicht, bis Schätze mich erfreun.
Ich geh ihm heimlich nach. Er zählt, und lacht im Zählen,
Und eilt, was er gezählt, in Schlössern zu verhelen.
Des Kastens Thüre knarrt, vor dem er schmachtend kniet:
Cleant erschrickt, springt auf und sieht sich um, und sieht
Die Kammer zehnmal durch, greift zitternd auf das Bette,
Ob sich vielleicht der Dieb darinn verborgen hätte.
Er findet nichts und geht; tiefsinnig geht er fort,
Mißtrauisch kehrt er schnell nach dem verlaßnen Ort,
Und greift an jedes Schloß, und reißt, um zu erfahren,
Ob sie verschlossen sind, wie sie verschlossen waren.
Cleant! Dich ruft dein Weib, der Tisch ist schon bereit.
Man bringt ein halbes Brodt, er sieht es an, und schreyt:
Wie? gestern schnitt ichs auf, und halb ists schon verzehret?
Frau! Bettler werden wir, wenn das noch länger währet.
Er ißt und schielt auf das, was er dem Weibe gab;
Es schmeckt der guten Frau: dieß ist genug: Deckt ab!
Ein Mann, der mehr besitzt, als oft kein Prinz besessen,
Ißt sich nicht satt und läßt sein Weib nicht satt sich essen?
Nichtswürdiger Cleant, du solltest glücklich seyn?
Du, deines Schatzes Knecht? Nein, er ist deine Pein.
Bestraf mich nicht, o Gott, mit Schätzen dieser Erden,
Um ein Unseliger, um ein Cleant zu werden!
Ich eile vom Cleant zum glücklichern Lupin.
Er glänzt und alles glänzt in seinem Haus um ihn:
Er führt mich selbst herum. Mehr kann man nicht erblicken,
Mehr Kunst und mehr Geschmack, ersonnen zum Entzücken.
Hier herrscht Bequemlichkeit, vereint mit kluger Pracht.
Was Künstlern witzig glückt, was Maler ewig macht,
Was feine Wollust heischt, dieß lachte mir entgegen,
Und nichts gebrach an dem, was Menschen wünschen mögen.
Wie glücklich, fieng ich an, wie glücklich sind Sie nicht!
Und eine Röthe stieg Lupinen ins Gesicht.
Was kann man, fuhr ich fort, noch mehr, als dieß begehren?
Ich glücklich? sprach Lupin, und schon entwischten Zähren,
Mein Sohn, ein Bösewicht, den ich nicht bessern kann,
Mein Weib, das mich nicht liebt — Ich unglückselger Mann!
Was hilft mir mein Pallast; was helfen Millionen?
Würd ich dieß Elend los, in Hütten wollt ich wohnen.
Alcest ist reich und jung, genießt, was er besitzt,
Und sorgt, man rühmts ihm nach, daß es auch Freunden nützt.
Kein Geiz, kein Weib, kein Sohn stört ihn in seinen Freuden,
Kein Neid; wie könnte man den, der gern giebt, beneiden?
Sein Haus ist eine Stadt und jeder Tag ein Fest.
Wenn niemand glücklich ist: so ists vielleicht Alcest.
Itzt zeigt mir ihn, mein Freund. O welch ein blaß Gesichte!
Wie kraftlos geht der Mann! Sind dieß des Fiebers Früchte?
Ja, siech zu seyn, dieß ist sein Unglück auf der Welt.
Noch siecher machen ihn die Aerzte für sein Geld;
Ich kenn ihn, spricht mein Freund, die Nacht ist seine Plage,
Und für die Quaal der Nacht rächt sich Alcest bey Tage.
Er suchet Freund und Welt, Zerstreuung, Spiel und Scherz;
Doch weder Freund noch Lust dringt in sein mattes Herz.
Sein Tisch ist reich besetzt, sein Wein ist stets der beste;
Doch beides, Tisch und Wein, vergnügt nur seine Gäste.
Alcest ist mißvergnügt und will es doch nicht seyn.
Er ißt, ihm ekelt schon, er trinkt, ihm schmeckt kein Wein.
Doch setzt er denen zu, die bey der Tafel essen,
Und trinkt den Wein mit Zwang, nur um sich zu vergessen.
Ach! sprach er einst zu mir, ich bin mir selbst verhaßt;
Mein Reichthum heißt mein Glück, und ist doch meine Last;
Was mich am Tag erfreut, quält schlaflos mich im Bette.
Siech bin ich; würd ichs seyn, wofern ich minder hätte?
Cleant, Lupin, Alcest, so fehlt, so reich ihr seyd,
Euch bey dem Ueberfluß doch die Zufriedenheit?
Und Tausend, die der Thor bey Schätzen glücklich preiset,
Beweisen tausendfach mir das, was ihr beweiset.
So brauch ich, um beglückt, nicht eben reich zu seyn?
Und zur Zufriedenheit nicht Pracht und Fülle? Nein.
Vernunft! so wehre doch den ungerechten Trieben,
Und nöthige mein Herz, die Schätze nicht zu lieben,
Die man mit Müh gewinnt, bald prassend sie verzehrt,
Bald geizig sie bewacht und bald mit Fluch vermehrt.
Wie schwer, wie mühsam ists, sich Schätze zu erwerben!
Soll ich sie dumm erfreyn und hinterlistig erben?
Soll ich durch Sklaverey vor Grossen sie erstehn,
Und niederträchtig seyn, um mich bald reich zu sehn?
Soll ich sie, wie Serpil, durch Meineid mir erlügen,
Staat, Mündel und Altar und Gott darum betrügen?
Verwünscht sey so ein Schatz! Verflucht sey der Gewinn,
Durch den ich reich, als Thor, reich, als ein Räuber, bin!
Dieß, sprichst du, such ich nicht. Ich kenne beßre Güter.
Ist nicht der Ruhm das Ziel der feurigsten Gemüther?
Die Achtung vor der Welt, die sucht mein Herz allein.
Welch Glück, im Leben groß, im Tod unsterblich seyn!
Das thun, mit Beyfall thun, was wenig sich erkühnen!
Ruhm will ich nicht allein, ich will ihn auch verdienen;
Entweder etwas thun, das schreibenswürdig ist;
Wo nicht, selbst dieser seyn, den Welt und Nachwelt liest.
Wär ich die Lust des Volks, der Weisheit erste Zierde:
So würd ich glücklich seyn, beglückt durch Ruhmbegierde.
Mein ganzes Herz entbrennt, o Ruhm, allein für dich!
Dir weih ich meinen Fleiß, des Lebenslust und mich.
Mein Nächster liegt und ruht, der träge Thor, er ruhe!
Ich wache diese Nacht, daß ich was Grosses thue.
Mir winkt ein lieber Freund. Wie gern wär ich um ihn!
Doch nein, mein rühmlich Werk — Geht, sagts, er soll mich fliehn.
Wie heiter lacht der Tag! Ich will — doch nein, er lache!
Was heißt ein schöner Tag, wenn ich mich ewig mache!
Wie matt bin ich durch Fleiß! — Geht, langt mir ein Glas Wein —
Doch er erzeugt den Schlaf. Gut, Wasser gebt herein.
Wie lange hab ich mich lebendig schon begraben!
Könnt ich dich, Doris, nicht zum edlern Umgang haben?
In deinem treuen Arm schmeckt ich des Lebens Ruh:
Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm, wie du?
Doch kann man, wenn man liebt, auch frey nach Ehre streben?
O nein, die Liebe stört. Gut, ich will einsam leben. —
Viel Jahre sind vorbey. Wen rühmt man itzo? Mich.
Wer denkt am gründlichsten? Wer schreibt am feinsten? Ich.
So warst du, seltnes Glück, denn mir allein beschieden?
Dir, Ehre, seys gedankt, ich bin nunmehr zufrieden.
Ich bin des Volkes Lust, der Klugen Augenmerk. —
Allein, mein Ruhm wird alt. Er braucht ein neues Werk.
Auf, auf, Glückseliger! dein Feuer möcht erkalten,
Den Ruhm, den du ersiegt, den mußt du auch erhalten.
Auf! wag es noch einmal! Vergiß den Zeitvertreib,
Schlaf, Freunde, Lieb und Wein; verläugne dich, und schreib.
Wahr ists, dein Körper siecht, dein Fleiß ist sein Verderben;
Doch besser, jung mit Ruhm, als alt unrühmlich sterben. —
Nun liest die Welt von mir ein neues Meisterstück:
Sie liest, liests noch einmal, erstaunt, und wünscht mir Glück.
Nun ist mein Wunsch gestillt. Was könnt ich mehr begehren?
Mit dem ersiegten Ruhm soll still mein Herz sich nähren.
Wie viel empfind ich itzt! Wie viel — doch wie mich deucht:
So seh ich einen noch, der mir Berühmten gleicht.
Nur einen? nein, noch viel. Dieß kann ich nicht vertragen,
Nein, neben mir zu stehn, dieß muß sich keiner wagen.
Ich will ein Urbild seyn. Eh bin ich nicht vergnügt,
Bis jeden, der mir gleicht, mein größrer Geist besiegt.