Wie, sprichst du, mir den Stolz, dieß Laster, vorzurücken?
Wenn zeig ich ihn? Sehr oft. Er redt aus deinen Blicken,
Er pralt in deinem Gang, gebeut aus deinem Ton;
Oft ist dein Kleid und oft des Dieners Kleid sein Thron;
Der Titel, der dich bläht, der Name deiner Väter,
Der dich so oft entzückt, wird dein und sein Verräther.
Was ists, wodurch der Stolz dich nicht zu fesseln weis?
Stand, Schönheit, Glück und Ruhm, Witz, Tugend, Kunst und Fleiß,
Das, was wir hoch mit Recht, und oft mit Unrecht, schätzen,
Dieß alles beut er auf, sich fest in dir zu setzen;
Und hast du kein Verdienst: so täuscht er dich durch Schein,
Läßt, was du niemals warst, dich in Gedanken seyn;
Und was du endlich hast, dieß sind vollkommne Gaben.
Und heimlich wirst du sie bloß dir zu danken haben.

So, sprichst du, soll ich blind der Güter Werth verschmähn,
Nicht wissen, was ich bin, was ich vermag, nicht sehn,
Den Vorzug, der mich schmückt, vor vielen schmückt, nicht kennen,
Mir den Genuß des Glücks und meiner selbst, nicht gönnen?
Mein Stolz ist ein Gefühl von meinem eignen Werth.
Wenn hab ich mehr zu seyn, als ich verdient, begehrt?
Kann ich in mir das Amt der Wahrheit wohl verwalten,
Und minder von mir selbst, als sich gebühret, halten?

O Freund! wer bist du denn? Ich seh aus deiner Pracht,
Dich hat der Ueberfluß, der Reichthum stolz gemacht.
Berechtigt dich ein Gut, das aus der Väter Kisten
In deine Hände fiel, dich königlich zu brüsten?
Ist jener, der durch Fleiß der Dürftigkeit entflohn,
Nicht würdiger, als du bey deiner Million?
Ist dieses ein Verdienst, viel Ueberfluß besitzen?
Verstehst du denn die Kunst, den Reichthum schön zu nützen,
Der Andern Glück zu seyn? Wozu gebrauchst du ihn?
Des Volks Bewunderung durch Pracht auf dich zu ziehn,
In Kutschen dich zu blähn, in Schlössern stolz zu wohnen,
Der Schmeichler Knecht zu seyn, und Narren zu belohnen;
Deswegen bist du stolz?
So recht! versetzt Crispin,
Er hat den Schatz ererbt; doch ich erwarb mir ihn.
Mir hat der Fleiß mein Gut, ihm hats das Glück bescheret;
Durch Witz hab ichs erreicht, durch Sparsamkeit vermehret.
Ich treibe keine Pracht, kein Hochmuth nimmt mich ein.
Doch ists nicht ein Verdienst, mit Ehren reich zu seyn?
Und darf ich dieß Verdienst nicht an mir selbst bemerken?
So gründlich weis Crispin sich in dem Stolz zu stärken.
Sein Gut, durch stumme List und tückischen Verstand
Den Armen abgedrückt, und Freunden oft entwandt,
Dem Fürsten und dem Staat durch Gleißnerey entrissen,
Dieß nennt er sein Verdienst, und trotzt auf sein Gewissen.

Doch, sey auch kein Crispin, sey reich durch bessern Fleiß,
Entstund dein Ueberfluß, dein Glück, auf dein Geheiß?
Wer gab zu deiner Kunst dir Fähigkeit und Kräfte?
Wodurch gelungen dir so glückliche Geschäffte?
Warst du der Herr der Zeit, die günstig dir erschien?
Des Zufalls, der mehr Glück, als Andern, dir verliehn?
Sind jene Redlichen, die sich im Mangel grämen,
Nicht diese, die durch Fleiß und Kunst dich oft beschämen?
Allein ich streite dir den größten Fleiß nicht ab.
Was schaffst du mit dem Gut, das Fleiß und Kunst dir gab?
»Ich unterhalte die, die gern sich nähren wollen —
Ich baue —« Baust du bloß, daß Andre leben sollen?
»Ich sorge für mein Haus und laß ihm einst mein Glück.«
Ich ließ ihm, wär ich du, gern weniger zurück,
Und würde, mir das Wohl der Meinen zu verpfänden,
Auf ihre Zucht, ihr Herz, weit mehr, als du, verwenden.
Du glaubst, du thust sehr viel; doch kenntest du die Pflicht
Des Reichthums und dich selbst: so glaubtest du dieß nicht.

Doch jener, dessen Geist dem Staube sich entrissen,
Den, ihrem Throne nah, die Fürsten günstig küssen;
Er, den die Weisheit hob und in der Höhe schützt,
Er, der sich selbst verzehrt, indem er Ländern nützt;
Er winkt, so flieht die Schaar des Hofes ihm entgegen,
Dem dräut sein Blick den Fluch, und jenem lacht er Segen;
Hat er, der Fürsten Freund, den jeder Tag mehr preist,
Und dessen Glanz zu sehn, der Fremde kostbar reist;
Er, dessen Namen schon ins Ohr entfernter Zeiten
Die Sänger des Apolls mit ewgem Laut verbreiten;
Hat er, den alles schätzt und sein Verdienst ihn lehrt,
Nicht Recht zu seinem Stolz, mit dem er sich verehrt?
O hätt er Muth genug, die Schmeichler zu verachten,
Dreist in sein Herz zu gehn und streng es zu betrachten,
Entkleidet von dem Schein, was Schein ist, zu verschmähn,
Wie würd er so beschämt auf seine Grösse sehn!
Was ist die Weisheit denn, durch die sein Geist gestiegen?
Oft nur die Wissenschaft, den Fürsten zu vergnügen,
Durch Scenen stolzer Lust ihn glücklich zu zerstreun,
Und, um sich groß zu sehn, des Fürsten Knecht zu seyn.
Was ist die Wachsamkeit, die seine Hoheit schützet?
Den, welcher mehr Verstand, mehr Witz, als er besitzet,
Dem Weisheit und Natur ein edler Herz verliehn,
Den Augen seines Herrn sorgfältig zu entziehn.
Was ist der Edelmuth, mit dem er Andern dienet?
Ists Tugend, daß er sich, dein Schuz zu seyn, erkühnet?
Bewegt ihn dein Verdienst, wenn er die Bittschrift liest,
Mehr, als die Kunst, mit der ein Narr den Saum ihm küßt?
Er hilft mir, weil mein Flehn sein weichlichs Herz beschweret;
Und meine Demuth ists, die ihn die Großmuth lehret.
Was ist des Grossen Fleiß, von dem er stündlich spricht?
Wem dient er? Meistens sich und selten seiner Pflicht.
Was treibt ihn feurig an, das Schwerste zu vollführen?
Sein Amt? Nein, mehr die Furcht, sein Amt nicht zu verlieren.
O spricht er bey sich selbst: Gesegnet sey mein Rath!
Gesegnet sey mein Fleiß! denn beides hält den Staat;
Und wenn er dieß sich sagt, spricht oft das Land indessen:
Verflucht sey doch die Kunst, den Unterthan zu pressen!
»Geschieht nicht, was geschieht, im ganzen Staat durch mich?
Wer übersieht ihn mehr, wer kennt ihn mehr als ich?«
Stirb, und vor deiner Gruft wird sich der Staat beschweren,
Du habst ihn nur gekannt, um tief ihn zu verheeren.
Hat jener, der sein Haus im Dunkeln treu regiert,
Ihm Fleiß und Tugend läßt, nicht mehr, als du vollführt?
Ihn ehret die Vernunft; und gegen seine Grösse
Ist deine Hoheit Schwulst, und dein Verdienst nur Blösse.

Am Stolz dem Grossen gleich, und stolzer oft, als er,
Tritt, der die Demuth lehrt, der Weise, dort einher,
Zeigt uns auf seiner Stirn, dem menschlichen Geschlechte,
Der künftgen Welt zum Dienst, verwachte finstre Nächte.
Wer, denkt er, trieb die Kunst so hoch, als ich sie trieb?
Wer schrieb am gründlichsten, seitdem man Bücher schrieb?
Ein Licht, aus meinem Geist hellstralend ausgeflossen,
Hat endlich den Verstand der Menschen aufgeschlossen.
Nun irrt kein Sterblicher, wofern er mich versteht,
Er lese, was ich schrieb. Sind so viel Alphabet
Voll Weisheit, hell erklärt, und kettenweis bewiesen,
Jahr aus, Jahr ein, gedruckt, und monatlich gepriesen,
Sind diese nicht geschickt, die Wahrheit zu erhöhn?
Nein, ehe glaubt ich selbst, mein Ruhm könnt untergehn.
O glaub es, stolzer Mann, wer wird dich künftig lesen?
Die Welt verlöre nichts, wärst du gleich nicht gewesen.

Ja, denkt ein Damon hier, der stolze Mann ist klein;
In meiner Wissenschaft, da glückt es, groß zu seyn.
Ist nicht mein kostbar Werk der Schmuck in Büchersälen?
Sagts nicht, wie viel ich weis, wie oft die Andern fehlen?
Führ einen Kenner an, ders nicht für göttlich hält?
Ja, Damon, doch dieß Werk, was nützt es denn der Welt?
Hast du durch deinen Dienst sie dir so sehr verpflichtet,
Als jener, der sein Dorf zur Tugend unterrichtet?

Doch dein Verdienst sey mehr, als ein gelehrter Ruf.
Sey selbst der größte Geist, den die Natur erschuf;
In dir sey Wissenschaft, Geschmack und Witz verbunden;
Hab überdacht, geprüft, und habe selbst erfunden;
Sey mit der Welt genau, die vor dir war, bekannt;
Sprich stets Beredsamkeit, sprich göttlichen Verstand;
Erforsche die Natur auf dem geheimsten Gleise;
Schreib ganze Schulen klug, und Nationen weise,
Und habe denn das Ziel des größten Ruhms erreicht,
Daß itzt dir keiner glich, und künftig keiner gleicht;
Noch hast du wenig Recht, Geringre zu verachten,
Und als den Würdigsten mit Stolz dich zu betrachten.
Der Geist, mit dem du dich so vieles Ruhms erkühnt,
Woher bekamst du ihn; was hat ihn dir verdient?
Sprach, eh du aus dem Nichts, als Mensch gebildet, giengest,
Schon ein Verdienst für dich, daß du so viel empfiengest?
Das jene weise Hand dir mehr, als uns verleiht,
Giebt dir kein Recht zum Stolz, nein, zur Erkenntlichkeit.
Der Fleiß, den du verehrst, ist dieser Fleiß dein eigen?
Wer gab dir Muth und Lust, so glücklich ihn zu zeigen?
Geburt und Unterricht, der Lehrer und der Freund,
Das Beyspiel und das Glück, und was sich sonst vereint,
Den Trieb nach Wissenschaft und deinen Fleiß zu mehren,
Weß sind sie? Wag es nur, und zieh von deinen Ehren
Gerecht den Antheil ab, den jedes fordern kann,
Was hätte, sonder sie, dein grosser Fleiß gethan?
Du hast weit mehr gewirkt, als Tausend nicht verrichten,
Wahr ists; doch hattest du nicht auch weit größre Pflichten?
Gehört zur edlen That Erfolg und Umfang bloß?
Der Quell, aus dem sie fließt, macht unsre Handlung groß.
Verschwende deinen Fleiß in Schaaren grosser Thaten,
Ihr Nutzen greif um sich, und segne ganze Staaten;
Allein, was war der Grund von deiner edlen Müh?
Der Menschen Glück? Sprach dieß in deiner Brust für sie?
Belebte deinen Fleiß, beseelte deine Triebe
Der heilge Ruf der Pflicht, der Geist der Menschenliebe?
Wie oder war dein Ruhm, der Geist der Eitelkeit,
Dein Glück der Gott, dem du den ewgen Fleiß geweiht?
Oft nur für unsern Ruhm erringen wir uns Stärke,
Und auf unedlem Grund erbaun wir edle Werke.
So füllt die Lilie wohlriechend ihr Gebiet,
Die doch den Nahrungssaft aus faulem Staube zieht:
So wird die Fruchtbarkeit, mit der die Saat sich hebet,
Und unsre Scheuren füllt, doch erst vom Schlamm belebet.

Die hellsten Tugenden, sind diese Tugend nur?
Wie oft erzwinget sie der Hochmuth der Natur!
Er macht sie scheinbar nach, und weis, durch Kunst bescheiden,
In Demuth, Höflichkeit und Güte sich zu kleiden.
Sieh jenen Gütigen! Stolz ists, der ihn erweicht;
Ich seh es aus der Hand, die mir die Gutthat reicht.
Nimm, sagt er durch die Art, mit der er sie beweget,
Das, was ein Niedriger, wie du, zu schätzen pfleget.
Du hast dich itzt mit Recht, mich anzuflehn, erkühnt;
Nützt nicht mein Ueberfluß auch dem, ders nicht verdient?
Was ist der fromme Wunsch, womit Alcest uns segnet?
Stolz, den der Gruß beseelt, mit dem wir ihm begegnet.
Sieh jenen Höflichen; mit welcher Freundlichkeit
Bemerkt er unsern Wunsch! Er schenkt uns seine Zeit,
Schleicht sich in unser Herz, und sucht, und lernt in allen,
Der Künste schwerste Kunst, jedwedem zu gefallen.
Sich selber ist er nichts, und alles sind wir ihm;
Doch seine Höflichkeit ist stolzer Ungestüm
Und ein Befehl für uns, ihn doppelt hoch zu achten,
Weil er so gütig war, nicht laut uns zu verachten.
Sieh die Bescheidne dort. Ihr Gang, ihr Blick, ihr Ton
Ist Demuth; lobe sie, und sie erröthet schon.
Sie giebt der Schönheit Ruhm erschrocken dir zurücke,
Und widerlegt ihn noch durch lobenswerthre Blicke,
Verringert ihren Werth, der sich dein Lob gewann,
Damit sie dir beweist, wie schön sie denken kann,
Und wird zuletzt vor dir der Demuth Thränen weinen,
Aus Stolz, was Göttlichers, als Andre sind, zu scheinen.

Man eifert auf den Stolz, nennt seinen Eifer Pflicht,
Und unser Eifer selbst ist Stolz, der aus uns spricht.
Man schreibt ein sinnreich Werk, dieß Laster zu vertreiben,
Und wird aus Stolz geschickt, schön wider ihn zu schreiben.