Man rühmt des Weisen Ruh, rühmt die Gelassenheit,
Mit der er sich beschützt, wenn ihm der Unfall dräut;
Und oft ist diese Ruh geheimer Trotz der Seelen,
Der spricht: Giengs nach Verdienst, so würde nichts mir fehlen.
Man rühmt des Helden Muth, der, wenn das Schwerdt der Schlacht
Itzt Legionen frißt, ihn unerschüttert macht;
Oft ist sein Muth nur Stolz. Er denkt, für meine Waffen,
Mich zu vertheidigen, sind diese nur geschaffen.
Doch herrscht der Uebermuth in Hohen nur allein?
Nein, selber das Gebiet der Niedrigsten ist sein.
Der arme Landmann sieht des Aermern reichre Garben;
Er sollte, denkt sein Stolz, er wohl, doch ich nicht, darben.
So sieht des Bettlers Noth ein Bettler ungerührt;
Mir Würdigern, denkt er, mir hätte viel gebührt.
So schließt des Künstlers Stolz aus seiner Tracht von Seide,
Wie viel er besser ist, als der im wollnen Kleide.
O Mensch! vertreibe doch den Glanz des falschen Lichts!
Warum verbirgst du dir mit so viel Kunst dein Nichts?
Was ist des Menschen Ruhm, des Klugen wahre Grösse?
Die Kenntniß seiner selbst, die Kenntniß seiner Blösse;
Ein redendes Gefühl, das laut im Herzen spricht:
So viel ich hab und bin, hab ichs von mir doch nicht;
So wenig ich empfieng, will ichs mit Dank besitzen,
Mich seiner täglich freun, und unverdient es nützen.
Und ist dein Ohr, o Freund! vor dieser Stimme taub:
So schleiche tiefgebückt und krümme dich im Staub,
Und predige das Nichts der äusserlichen Ehren,
Du wirst den gröbsten Stolz auch noch im Staub ernähren.
[Die Freundschaft.]
Sey ohne Freund; wie viel verliert dein Leben!
Wer wird dir Trost und Muth im Unglück geben,
Und dich vertraut im Glück erfreun?
Wer wird mit dir dein Glück und Unglück theilen,
Dir, wenn du rufst, mit Rath entgegen eilen,
Und wenn du fehlst, dein Warner seyn?
Sprich nicht: Wo sind der Freundschaft seltne Früchte?
Wer hält den Bund, den ich mit ihm errichte?
Wer fühlt den Trieb, den ich empfand?
O klage nicht! Es giebt noch edle Seelen.
Doch sehn wir auch, wenn wir uns Freunde wählen,
Genug auf Tugend und Verstand?
Aus Eitelkeit für jenen sich erklären,
Weil er vielleicht begehrt, wie wir begehren,
Und weil sein Umgang uns gefällt;
Das Herz ihm weihn, noch eh wir seines kennen,
Aus Eigennutz ihm unsre Zeit vergönnen;
Dieß ist nicht Freundschaft, dieß ist Welt.
Um einen Freund von edler Art zu finden,
Mußt du zuerst das Edle selbst empfinden,
Das dich der Liebe würdig macht.
Hast du Verdienst, ein Herz voll wahrer Güte:
So sorge nichts: ein ähnliches Gemüthe
Läßt deinen Werth nicht aus der Acht.
Du mußt für dich und die empfangnen Gaben
Erst Sorgfalt gnug, gnug Ehrerbietung haben;
Und deinem Herzen nichts verzeihn.
Du mußt dich oft, ohn Eigennutz zu dienen,
Du mußt dich stets, gerecht zu seyn, erkühnen.
Und daß es Andre sind, dich freun.